Jammernd wird das silberne Geschoss im Parkhaus am Kölner Flughafen zurückgelassen. Es ist Mittwoch früh, der 3.November, und wir sind unterwegs zum UEFA-Cup Spiel der königsblauen Helden in Edinburgh. Ob unserer Schals belächelt von den hier am Parkhaus wartenden Taxifahrern (früher gab’s ein kostenloses Schuttle) laufen wir milde frierend hinüber zum Terminal, wo der nagelneue, riesige Check-In-Schalter von Germanwings wartet. Der nette Kerl hinter dem Tresen verrät mir, in welcher Reihe meine überlangen Beine Überlebenschancen haben, und verspricht, für’s Spiel die Daumen zu drücken – es dauert keine fünf Minuten, und unsere kleine Tasche ist unterwegs zum Flugzeug, während wir uns im Terminal nach einem Reiseführer für die Schönere der beiden schottischen Metropolen umschauen.

Die Suche bleibt ebenso erfolglos wie der Versuch, eine Tasse Kaffee zu erstehen – hinter der Theke beschäftigt man sich lieber zu viert mit irgendwelchen Räum-Aktionen. Im Terminal sitzen schweigend Grüppchen mit unangenehm schwarz-gelben Schals herum – Alemannia Aachen spielt morgen Abend in Sevilla, wettertechnisch wohl das angenehmere Ziel. Wir scheitern mit unserem Versuch, die Aachener in ein fröhliches Palaver zu verwickeln, denn die Herrschaften sind eine Spur zu wohlhabend und fürchten sich vor Fussball-Fans.

Weshalb sie trotzdem mit Schals herumsitzen, das klärt sich dann hinter der Sicherheitskontrolle, vor den Abflug-Gates: Offenbar handelt es sich hier um die Offiziellen der Alemannia und ihren Anhang, und tatsächlich läuft uns erst Stefan Blank, dann Willi Landgraf über den Weg und der kriegt als erster Aachener die Zähne auseinander, freut sich, Schalker zu sehen, und wir wünschen uns gegenseitig viel Glück. Dann erwischen wir Pinto auf dem Weg zum falschen Gate. „Du, ihr fliegt von da hinten ab – deine Kollegen sind alle schon dort.“, meine ich zu ihm, und er schaut erstaunt und fragt „Hä? Fliegt die Schalker Mannschaft auch von Köln?“ – „Ne, von Münster sicherlich“ antworte ich, und er schüttelt den Kopf und sagt „Das kann nicht sein. Die Fans fliegen immer von da von wo die Mannschaft fliegt!“. Ah-ja. Soviel zum Verständnis eines Fussballprofis von der wahren Welt seiner Anhänger. Aber vielleicht isses einfach nur zu früh für die Schalker Leihgabe…

An „unserem“ Gate sitzen dann nur richtige Fussballfans, im Schnitt halb so alt wie die Aachener, aber ähnlich ruhig. Als die Maschine abhebt sind drei Viertel der Plätze in Schalker Hand. Der Steward zeigt trotzdem eine Rettungsweste in Schwarz-Gelb, und aus dem Cockpit lässt sich der Kapitän in unverkennbar Schweizer Dialekt vernehmen – ein Basler vielleicht? – der seine übliche Ansprache beendet mit „…und dem FC Schalke wünschchen wir viel Erfolgch“, was natürlich zu spontanem Applaus im Flieger führt.

90 Minuten dauert der Flug, kurz vor der Landung reisst die Wolkendecke auf und gibt den Blick frei auf Edinburgh, das links unter uns idyllisch in der Sonne liegt. Grossartig. Der Flughafen ist ziemlich klein, viel los ist nur in den niedlichen „Raucher-Ecken“, die anders als auf manch amerikanischem Flughafen wenigstens nicht als Glaskäfige, sondern eher wie Bushaltestellen mit Sichtschutz gebaut sind.

Das WDR-Fernsehteam gewinnt das Rennen am Gepäckband, aber niemand muss lange warten. Wir gehen erstmal zum Infostand und besorgen Tickets für den Bus in die Stadt (3GBP – knapp 5€), tauschen Geld (Schottische Noten, denn solche mit dem Bild der Queen werden angeblich nicht überall akzeptiert) und geben einen Teil davon sofort aus. Wir sitzen im Cafe am Ausgang, und erleben so, zusammen mit vielleicht dreissig anderen Schalke-Fans, wie zuerst ein paar schottische Fernsehteams auftauchen, und dann die Schalker Mannschaft.
Wie immer sind die Torhüter die ersten – Rost und Heimeroth. Während ich mir ein im Toaster aufgewärmtes „Allday-Breakfast“ einverleibe (Eier&Speck auf Toast) und lecker Cappuccino schlürfe, erscheinen Ebbe Sand mit Brille (sieht echt aus, als käme er direkt aus Oxford) und Kobiashvilli mit „Batschkapp“ und Kopfhörer (sieht echt aus, als wär´ er ein Popstar). Den grössten Beifall bekommt Marco van Hoogdalem, und er lächelt leicht. Überhaupt staune ich, dass kaum einer der Spieler irgendeine Notiz davon nimmt, dass hier ein Häufchen Fans auf sie wartet, darunter auch welche im Rollstuhl. Nur Asamoah lacht und winkt. Poulsen ist der letzte, der kommt, und während Rangnick in perfektem Englisch ein Interview in die Kameras gibt, verschwindet Assauer nochmal zurück zum Gepäckband, vermisst vielleicht sein Schatzi ?

Der Ober im Cafe fragt, ob Schalke in Österreich liegt, hat von „Ruhr“ und Duisburg und Köln noch nie gehört, will aber auf jeden Fall, dass die Hearts verlieren. Beileibe kein Einzelfall, wie wir feststellen werden. Vorbei am Schalker Mannschaftsbus, der direkt vor der Tür auf seine Schäfchen wartet, laufen wir hinüber zur Linie „100“, einem königsblauen Doppeldecker, der uns in die Stadt bringen wird (Alle anderen Busse in Edinburgh sind Braun/Weiss). Mein Schal flattert oben aus dem Fenster, was dem Busfahrer nicht gefällt – die Kameras des CCTV haben mich verraten. In Grossbritannien ist die Überwachung deutlich fortgeschrittener als bei uns. Immerhin kann man so während der Fahrt in einem Fernseher sich selbst, und die Passagiere einen Stock tiefer aus mehreren Perspektiven betrachten….schöner ist allerdings der Blick nach draussen.

Die Sonne scheint, dort hinten ragen die ersten Hügel der Highlands hervor, und wir rollen vorbei an Wohnsiedlungen mit Ein-Einhalb-stöckigen Häuschen an kargen Strassen, doch je näher wir Edinburgh kommen, desto schicker werden die Häuser, desto mehr Bäume gibt es, und desto gepflegter ist der Rasen. Zehn Meilen sind es nur, schon bald ragt die riesige Schüssel des Stadions am „Murrayfield“ aus der Wohngegend hervor, nicht weit davon die Dachkonstruktion des Tynecastle, der Heimat der Hearts, und dann ist im Hintergrund schon die berühmte Burg zu sehen. „Boah, sieht dat hier allet geil aus!“ hören wir hinter uns einen beeindruckten Schalker, und wirklich – an der Strasse stehen jetzt total idyllische Bed&Breakfast-Häuser mit Erkern und Zinnen, alles in braunem oder grauem Stein, dann folgt der gewaltige Palast einer Privatschule, umgeben von feinstem Rasen, und schon ist man in der Stadt – kleine bunte Läden und Pubs im Erdgeschoss, obendrüber zwei, drei, vier Stockwerke mit Wohnungen. Wie im Buntfernsehen.

Der Bus hält mehrfach, aber wir steigen erst an der Endstation aus, am Waverley Bahnhof. Der liegt in der Talsenke, der die etwas höher gelegene „Neustadt“ (18.Jhd) im Norden von der sehr viel höher gelegenen Altstadt (ab 12.Jhd) im Süden trennt. Dort oben ist unser Hotel – das IBIS – wir steigen also hinauf bis zur High Street, die auch „Royal Mile“ genannt wird, weil sie vom Holyrood Palast (Maria Stuart’s Heim) im Osten hinauf zum Edinburgh Castle im Westen führt. Das Hotel liegt ungefähr auf der Mitte dieser Meile, ist sauber, hat vernünftige Betten, und bietet rund um die Uhr was zum Futtern, falls es nötig wäre. Mit unter 50 Pfund für’s Doppelzimmer ist es ausserdem billiger als viele B&Bs. Es ist halb zwei, per Telefon wird nochmal geklärt, ob auf der Arbeit alles ok ist, und dann geht’s hinaus ins Abenteuer Edinburgh.

Ein kalter Wind fegt über’s Pflaster der High Street, und die Sonne bringt die Pracht der Stadt zum Vorschein. Da unten irgendwo, vor dem grossen Hügel des „Arthur’s Seat“ liegt der Palast der schottischen Könige, und da oben wartet die mächtige Burg. Den Weg säumen Pubs, Shops und Kirchen. Die Gebäude stehen Wand an Wand und bilden eine beinahe undurchdringliche Mauer hinunter zur Neustadt, aber alle Nase lang sind enge Tunnel durch die Häuser getrieben, sogenannte „Closes“, in denen steile Treppen und bisweilen sehr enge und dunkle Gassen („Wynds“) hinab führen.

Wir gehen hinauf in Richtung der Burg, und sind nach ein paar Schritten schon an der St.Giles Kathedrale. Etwa 900 Jahre alt ist dieser mächtige Bau, beeindruckt durch wunderbare Holzschnitzereien und durch vorrangig in Brauntönen gehaltene Glasfenster – das grösste dieser Fenster allerdings, das erstrahlt in Blau und Weiss. Draussen vor dem Hauptportal der Kathedrale findet sich im Pflaster das „Heart of Midlothian“, das unserem morgigen Gegner sein Wappen und seinen Namen gab. Es markiert den Ort, wo vor 600 Jahren eine Zollstelle stand, wo Steuern eingetrieben, Urteile gefällt und Hinrichtungen durchgeführt wurden – „Beat them, will you ?“ ruft uns ein Schotte zu und hebt den Daumen.

Weiter oben findet sich ein gewaltiger Platz vor dem massiven Turm der Burgfeste, deren Eingang durch eine Ziehbrücke gesichert ist. Der Platz ist Hauptschauplatz für Konzerte während des alljährlichen Edinburgh Festivals, wird normalerweise genutzt als Parkplatz (wohl sehr teuer, denn der Platz ist praktisch leer), und bietet schon eine hervorragende Aussicht über die Stadt. Wir bezahlen grauslige 9.50 GBP (fast 30 Deutsche Mark!) Eintritt pro Person, und treten so unbehelligt hindurch zwischen den wachenden Statuen von William Wallace („Braveheart“) und seinem König Robert Bruce am mächtigen Gatehouse.

Ziemlich idyllisch ist es hier oben. Weitläufig und relativ steil zieht sich der Pflasterweg hinauf, vorbei an Kanonen, verschiedenen Gebäuden, nochmal durch ein Tor und dann ist man in der eigentlichen Burg, wo wir in einem kleinen Buchladen endlich einen dünnen Reiseführer erstehen – denselben, den’s in der ganzen Stadt für 2.99 gibt, und in dem wirklich nur das Allernötigste verraten wird. So ziehen wir also durch die St.Margaret’s Chapel, schauen hinab auf die winzigen Grabsteine des erstaunlichen Hundefriedhofs in der Burgmauer, besuchen die GreatHall, das Scottish WarMemorial, in dem alte Bücher die Namen der in den Weltkriegen gefallenen Schotten auflisten, und gelangen so bis zum Palast.

Das vereinzelt in historischen Uniformen vorhandene Wachpersonal schaut skeptisch ob der anhaltenden Invasion von Grüppchen in Königsblau, aber die Bauarbeiter, die das Pflaster vor’m Palast in Stand setzen, die freuen sich, wollen alles wissen über Schalke, zeigen ihre Wollmützen mit dem Wappen der „Hibernians“, deren Stadion auf der anderen Seite der Stadt, näher zum Hafen, liegt. „Are you gonna beat them tomorrow ? Yeah? Good ! We hate them !“. Dass es offenbar wirklich keine Hearts-Fans gibt, das zeigt sich fünf Minuten später im „CrownRoom“ des Palasts: Eine Tresorkammer, wie im Tower Of London, beherbergt hier die schwer gesicherten Throninsignien der schottischen Könige, die „Honours of Scotland“: Krone, Schwert und so weiter. Während andere Touristen schweigend vorüberziehen, frage ich den im halbdunkel lauernden Aufpasser, was das hier alles ist, und er erklärt und irgendwie kommen wir auf Fussball und schon haben wir’s mit dem nächsten „Hibs“-Fan zu tun.

Begleitet von guten Wünschen besichtigen wir noch die königlichen Gemächer und die im Disney-Stil aufgemotzten Kerkeranlagen, bevor wir die vom eiskalten Wind verwehten Lebensgeister durch PepperSoup & Chips wieder beleben und weiterziehen zur „OneO’Clock-Gun“. Die wird jeden Tag um Eins abgefeuert und steht neben anderen Kanonen auf einem der Plateaus der Burgmauer. Dort errichten zwei Arbeiter ein Geländer, und ich frage, wofür das gut ist, bekomme die Erklärung („damit die Touristen Abstand halten und überhaupt was sehen können“) und werde – schon fast erwartet – gefragt: „So you’re here to beat the Hearts as well, are you ?“ Klar, sag ich, und meine, hier träfe man ja wohl nur „Hibs“, aber weit gefehlt. „No!“, ruft der Kleinere entrüstet, „I’m Celtic !!“ und vor lauter Schwätzerei kommt er nicht zum Arbeiten und wir verpassen praktisch den Sonnenuntergang – kaum 16 Uhr und schon wird’s duster, und noch kälter. Von den Zinnen der West-Mauer sehen wir die letzten Sonnenstrahlen verschwinden hinter dem im Dunkel liegenden Murrayfield und dem in Flutlicht getauchten Tynecastle Stadion daneben – da wird wohl noch trainiert. Der Wind pfeift rattenkalt über die Burghöhe, und wir haben genug gesehen, verlassen Edinburgh Castle und schauen an der Camera Obscura in den idyllischen Ramsey Garden – eine verwinkelte Wohnsiedlung am Hang – bevor wir wieder in der High Street auf einen Haufen Schalker treffen, die wohl gerade aus dem „Scotch Whiskey Heritage Center“ kommen und entsprechend ungerade stehen.

Auf dem Weg zurück zum Hotel entpuppt sich eine alte Kirche als Fassade für’s „Edinburgh Festival Center“, mit Bar und Konferenz-Center, und weiter unten an der „Tron Kirk“ hockt ein internationaler Haufen mit Drogenproblemen auf dem Pflaster, schaut verständnislos hinüber zu den immer mehr werdenden Schalkern in der Strasse. Wir gehen hinunter in die Talsenke, auf der Treppe kommen uns atemlose Königsblaue entgegen, die wohl bereits ein Gutteil ihrer Schottischen Pfund in Pints umgewandelt haben und ziemlich orientierungslos nach ihrem Hotel fragen. Wie’s heisst, das wissen sie nicht mehr. Da hilft wohl nur eine Wanderung durch die dunklen Gassen, wo der eiskalte Wind den Kopf freiblasen wird. Hoffentlich.

Kurz vor Schliessung um 17 Uhr durchschreiten wir die grossen Holztüren der National Gallery - Eintritt frei. Wir wollen nur die italienische Landschaft von William Turner sehen, sind aber ganz fasziniert vom Constable, der direkt darunter hängt. Sehr schön ist das hier drin, und wir staunen über den frühen Vermeer und den uns dezent verfolgenden älteren Aufseher – so ist das halt immer, wenn man in Fussballklamotten in Museen auftaucht. Aber dieser hier, der schaut richtig böse.

Naja, die machen hier eh gerade zu, also hasten wir wieder hinaus in die Kälte, stehen an der breiten Princes Street, der einzigen, die wirklich einigermassen viel Strassenverkehr zu bieten hat, und von wo wir morgen den Bus zum Stadion nehmen werden. Der Versuch, die Busfahrpläne zu entziffern, scheitert kläglich, aber schliesslich identifiziere ich die Linie „26“ als wahrscheinlich gute Wahl. Werden wir ja sehen.

Am Strassenrand werden in einer Bude Frikadellen und Würste gegrillt. Jedenfalls sieht das Zeug so ähnlich aus, aber ich bringe nicht genug Mut für einen Test auf, und meine Holde Hellenin schaut äusserst skeptisch - lieber verziehen wir uns wieder hinauf in die schön angestrahlte Altstadt, die wir über eine Mörder-Treppe gerade noch lebend erreichen. Erstaunt stelle ich fest, dass von den getauschten 90 Pfund kaum noch was übrig ist, deswegen überfallen wir einen Geldautomaten und gehen essen. Dazu gibt’s schottisches Bier, ich entscheide mich für „Cairngorm’s Sheepshagger’s Gold“, weil’s ein Helles ist. „Almost continental style“ steht auf der Flasche, und selbst das ist weit übertrieben. „There is no beer in Scotland“ hatte die Dame am Flughafen schon gewarnt. Gewöhnungsbedürftig, aber ich bleibe für heute Abend dabei und erreiche so hinreichend müde später wieder das Hotel.

Im TV läuft gerade irgendeine Koch-Show, mit Mr.Bean am Herd, und der Wetterbericht sagt für Edinburgh Gutes voraus, während es in Sevilla offenbar regnet. Tja. Gegen Mitternacht sind wir im Hotel, vor dem Fenster der prachtvoll angestrahlte Turm der St.Giles-Kathedrale, mit seiner offenen Krone als Spitze. Es ist absolut still, kein Strassenverkehr weit und breit - alle viertel Stunde verrät eine kleine Glocke der Kathedrale die Uhrzeit, und deswegen wissen wir, dass es halb drei ist, als draussen ein einsamer Wanderer die Stadt beglückt mit seinem Gesang über einen glorreichen Fussballverein aus dem Ruhrpott.

Der Schlaf erwischt uns lächelnd.

Donnerstag, 4.November

Unglaublich: Keine Wolke am Himmel, die Strahlen der aufgehenden Sonne tauchen die Steinkrone der Kathedrale in goldenes Licht. Wir fahren mit dem Kamera-überwachten Fahrstuhl hinunter, verschmähen das 4.95GBP-Frühstück im Hotel und suchen uns lieber eine Kneipe in der High Street, die etwas Lokales anbietet. Und so sitz’ ich dann vor einem grossen Teller mit „Traditional Scottish Breakfast“, rühre in warmen süssen Bohnen, beisse vorsichtig in rote Grillwurst, geniesse Spiegeleier, Toast und Bacon, kämpfe mit Potato Cone und scheitere an „Haggis“, einer Art Leberwurst vom Schaf, die noch dubioser schmeckt als sie aussieht.

Der gute Kaffee (italienisch) sorgt dafür, dass die Lebensgeister bester Laune sind, interessiert sehen wir dem morgendlichen Berufsverkehr zu: Kein einziges Auto auf der Strasse, stattdessen ergiesst sich aus allen möglichen „Closes“ ein Strom von Menschen, die offenbar überhaupt kein Problem mit dem Killer-Anstieg vom Bahnhof herauf haben. Drüben wartet eine Gruppe Touristen auf eine Tour in die Highlands. Sieht nach „Serious Wandern“ aus. Das Wetter ist wohl ideal dafür, aber für uns wär das jetzt echt nix.

Wir schlendern der Sonne entgegen, die Royal Mile hinab nach Osten, begegnen einem Hoogdalem-Double mit Toastbrot unter’m Arm, einem offenbar noch unter Drogen stehenden Jüngling, der uns zuruft, er käme gerade aus Polizeigewahrsam und suche jetzt nach Stoff (sehen wir so aus?), und einem Verkehrspolizisten mit Berufstypisch gezücktem Verwarnungsblock. Ich frage ihn, was „Falschparken“ hier so kostet, und er meint „30 Pounds, and if you don’t pay within two weeks it’s sixty.“ 45 Euro also, oder 90, wenn man zu lange wartet. „Yes, that’s pretty steep“ meint er, und grinst, und fügt an, nein, das hätte nichts damit zu tun, dass wir ihn hier direkt vor’m „Scottish Storytelling Center“ treffen, das sei wirklich wahr. Gut, dass wir bei meiner chronischen Verkehrschild-Schwäche nicht mit dem Auto hier sind.

Vorbei am Tolbooth Tavern geht’s zur Canongate Kirk und dem wunderschönen alten Friedhof, über dem noch ganz leichter Morgennebel wabert – dahinter erhebt sich Carlton Hill mit seinen klassischen Tempelchen – total idyllisch. Weiter geht’s zum „geheimen Gärtchen“ im Dunbar’s Close, wo uns überraschenderweise jemand im Trikot von Arminia Bielefeld begegnet, und dann stehen wir erschrocken vor dem hypermodernen Bau des Parlaments, direkt vor den Toren des Holyrood Palace aus dem 13.Jahrhundert, der offiziellen schottischen Residenz der königlichen Familie. Unglaubliche 11 Pfund kostet der Eintritt für Schloß und Gemäldegalerie, und die dürfen wir nicht verpassen, denn immerhin ist in dieser nagelneuen „Queen’s Gallery“ eines von nur 34 Werken von Jan Vermeer ausgestellt, daneben Grossartiges von Rembrandt, Dou, Steen, und weiteren Niederländern – und alles auf königsblauem Hintergrund, sehr schön.

Im Palast selbst hilft der kostenlose Audio-Guide beim Rundgang, hübsch isses, schöne grosse Säle und noch schönere kleine Räumchen gibt’s, darunter das Schlafzimmer von Maria Stuart, wo man über Kopfhörer „die“ Schreie ihres dort ermordeten Sekretärs eingespielt bekommt, und wo unschuldig und unbeachtet ein wunderschöner Cranach an der Wand hängt. Nach einer guten Stunde sind wir wieder draussen, offenbar hat es inzwischen geregnet, aber jetzt scheint wieder die Sonne und wir schreiten über den Kies in der Ruine der Holyrood Abbey, wo Mendelssohn einst zu seiner Schottischen Symphonie inspiriert wurde – ein paar Takte daraus werden Stunden später im Murrayfield zu hören sein – sehr romantisch das alles, aber so langsam steigt die Spannung, da ärgert es uns nicht, dass die sehenswerte Gartenanlage des Palastes seit ein paar Tagen für den Winter für Besucher geschlossen wurde.

Menschenleer ist die Gegend hier hinten, wir laufen durch ein paar Gassen hinauf zum Carlton Hill, und treffen am Burns Monument auf geparkte Busse aus Essen, werden auf dem Weg weiter hinauf überholt vom Recklinghäuser Bus der Hellweg Knappen. Super. Wir steigen Carlton Hill von Osten hinauf, über eine lange Rasenfläche – man könnte meinen, man wäre alleine auf der Welt. Unter uns liegt die Bucht, da hinten das Meer, die Stadt im Westen ist nicht zu sehen, zu hören schonmal garnicht. Zwanzig, Dreissig Kilometer weit kann man sehen, bis zu Inseln da draussen, oder in die Hügelwelt Schottlands. Könnte auch Neuseeland sein.

Wir stehen an einer steinernen Fackel, die erinnern soll an „Freiheit“ und „Demokratie“, in die einzelne Steine eingelassen sind aus Paris, aus Auschwitz. Der Wind pfeift von der See herauf und treibt uns höher, zum Observatorium und dem Nelson Monument, das aussieht wie ein Leuchtturm – von hier werden die Postkarten-Fotos von Edinburgh gemacht, und hier treffen wir wieder auf Schalker auf Entdeckungstour. Der Recklinghäuser Bus steht verlassen auf dem Aussichtspunkt, die Busfahrer rollen Köfferchen hinab in die Stadt, und auch wir gehen die Treppen hinunter ins wuselnde Leben, wo es inzwischen von Schalkern wimmelt. Jeder Dritte hier trägt Königsblau.

Im Vorbeifahren brüllt ein Linienbus-fahrer aus der offenen Tür ein „Go, Hearts!“ – es gibt also doch Anhänger dieses Vereins. In einer urigen Kneipe sitzen Bordon, Lincoln, Böhme und Libuda an der Bar, vor uns gehen drei Sand’s über die Strasse, das Kribbeln nimmt zu.
Wir gehen die Treppen hinauf zum Register, wo wir im Lesesaal einen Blick in die Blau/Weisse Kuppel werfen, uns ein paar offensichtliche Hibs-Fans den Daumen-Hoch präsentieren, und ich erfahre, dass man hier nachschlagen kann, wem welche Grundstücke in Schottland gehören oder je gehörten, und ob ich vielleicht irgendwie von schottischen Königen abstamme – das will ich lieber nicht wissen, scheint doch zu gefährlich zu sein.

Noch sechs Stunden bis Anpfiff, wir sind nochmal kurz am Hotel, das inzwischen vollständig in Schalker Hand ist. Supporters Club und Fanclub-Verband sind eingefallen, belagern die Lobby. Wir machen uns spielfertig und ziehen los, nochmal hinüber zum Greyfriars Friedhof, mit Denkmal und Grab für den treuen Bobby, einem Hündchen, das vierzehn Jahre lang treu am Grab seines Herrchens Wache hielt (skurril, oder?), irren zwischen uralten Steinen hindurch zu verschlossenen Ausgängen, finden schliesslich wieder hinaus zur alten Stadtmauer und zum Grassmarket, ebenfalls ein populärer Hinrichtungsort dieser friedfertigen Stadt.

Alle paar Schritte stolpert man jetzt über Schalker, wir wandern die West Bow und die hübsche Victoria Street wieder hinauf zur High Street und finden uns in einem Restaurant zusammen mit Franzosen, die über ihre Nationalelf lamentieren und Schalke alles Gute wünschen. „We arrr forrr you! Its a good thing we do not play !“. Clever wie sie sind trinken sie Wein, kein Bier. Während Potato Skins und Bacon den Magen wärmen, schlendern draussen uniformierte Gruppen vorbei – Schalker oder Schüler, letztere allerdings deutlich geordneter, wie Entchen in Reih und Glied. Regenschirme werden aufgespannt und wieder geschlossen, kaum dass wir auf die Strasse treten.

Für 7 Pfund Eintritt sehen wir uns die Tizian-Ausstellung in der Royal Scottish Academy an – aber die Italiener sind irgendwie nix für uns. Interessant ist da eher der Aufpasser, ja, der von gestern abend aus der National Gallery ist hier, und diesmal spricht er uns an. Er ist tatsächlich ein Hearts-Fan ! Ich sage ihm, dass er der Erste ist, den wir treffen – alle anderen wären ja wohl eher „Hibs“. Entsetzt wischt er das vom Tisch: „What? They are no people! They don’t exist!“ und er erzählt vom neuen Trainer, und seinem Verein, und so vergeht eine halbe Stunde umgeben von irritiert schauenden Kunstfreunden. Am Schluß meint er „Well, enjoyed meeting you, but I can’t wish you good luck for the game.“ und ich weise ihn darauf hin, dass er hier einen Raum bewacht, in dem jedes Gemälde von einem gewissen „Bordon“ stammt. Gute Vorzeichen muss man halt auch finden wollen.

Der gute Mann lässt uns durch einen Seitenausgang hinaus in die Dunkelheit und zum kleinen Übergang zur National Gallery, die uns viel besser gefiel, und für die wir uns jetzt noch ein Stündchen Zeit nehmen, wovon wieder ein guter Teil dafür draufgeht, dass hier ein paar Hibs-Supporter als Aufpasser arbeiten, die kein gutes Haar an unserem Gegner lassen wollen. Trotzdem kommen wir dazu, die Rembrandts, Monets und VanGoghs zu besuchen – aber es ist jetzt zu knapp vor’m Spiel, man schaut sich die Gemälde nicht mehr wirklich an, man fiebert schon zu sehr.

Auf der Princess Street steigen wir in Bus 31, weil da aussen auch „Murrayfield“ angezeigt wird. 80 pence kostet die Fahrt, 1 Pfund zahlen wir, Wechselgeld gibt’s nicht, Pech gehabt. Wir rollen vorbei an einigen Schalkern, die zu Fuss unterwegs sind, darunter einige bekannte Gesichter. Irgendwann kommt linkerhand das bunt angestrahlte Stadion in Sicht, und als wir meinen, Nahe genug dran zu sein, steigen wir aus. Deutlich zu früh, denn wir müssen noch zehn Minuten lang weiter die Strasse entlang laufen, bis zur Kreuzung am „Murrayfield Hotel“ drüben auf der anderen Strassenseite, wo einige Fans beider Mannschaften die Bar füllen.

Über einen Kanal geht es hinüber zum Stadion, das am anderen Ende einer offenen Wiesenfläche wartet. Unser Weg geht durch’s Dunkle hinüber zum Eingang des „Away-Support“, wo der Parkplatz für die Besseren Besucher mit „Hospitality“-Tickets liegt und ausserdem das kleine Fanmobil des Schalker Fanclub-Verbands schon steht und etwa zweihundert Schalker auf Einlass warten – den gibt’s aber erst eine Stunde vor Spielbeginn, vorher werden die Tore nicht geöffnet, die dann zu Kassenhäuschen und Ticketkontrolle führen werden. Wir haben also noch viel Zeit, gehen deshalb zurück zur einzigen Kneipe in der Nähe – dem „Murrayfield Hotel“ eben.

Dort ist inzwischen der Rasen vor der Bar schon gut belagert, es wird gegrillt („Burger“), während es ziemlich kalt ist und zwischendurch sogar ein paar Tröpfchen fallen. An der Theke und in der Kneipe selbst ist ziemlich viel los, deshalb verziehen wir uns ins Restaurant, wo man uns aber nur eine Kleinigkeit zu Essen servieren kann, für Getränke muss man an der Bar selbst sorgen, das schaffen die Ober wegen des Andrangs nicht mehr.

Am Nebentisch sitzen zwei Omas mit „Jambo Tarts“-Schals, und sie sind sicher, dass ihr Team 3:0 gewinnen wird, jetzt wo ihr Held Robertson wieder da sei. Wir sind wieder am Tor, gerade als es öffnet – die im Dunkeln wartende Schalker Menge jubelt, und singt. „Was macht ihr Donnerstag? was macht ihr Donnerstag? was macht ihr Donnerstaaaag, BVB? Wir fahren durch Europa, ihr seht Fernsehen, das tut weh!“

Die singende Menge schiebt sich vorbei an schwarz-gelben Polizisten, die bei „Wer nicht hüpft, der ist Borusse“ mithüpfen, auf die niedrig gemauerte Reihe von Kassenhäuschen zu. In dieser Wand gibt es 80cm breite Einlässe, in denen Drehkreuze warten. Links einige für „Cash“, rechts die für uns, die wir schon Tickets haben. Enorm eng sind die Durchlässe, seitwärts geht’s rein, man schiebt sein Ticket durch’s Gitter jemandem zu, der den Kontrollstreifen abreisst, und dann geht’s durch’s Drehkreuz. Wie das jemand schafft, der etwas breiter ist oder eine Pauke dabei hat – keine Ahnung. Für Leute mit Platzangst ist das sicher nichts.

Aber dann sind wir drin – Abtasten gibt’s nicht, und wir stehen auf einem freien Platz vor den Treppen hinauf in die Blöcke. Links findet sich ein sehr kleiner Bierstand – Kirmesbude – wo man HotDog für 2.50 bekommt und irgendwas zu trinken. Zwei Leute bedienen. Das war’s. Mehr gibt’s nicht. Sauber.

Wir gehen direkt hoch und finden uns im Unterrang des North Stand – der Nordkurve. Freie Platzwahl natürlich, denn voll wird’s sowieso nicht. Der Oberrang ist zu, drüben auf der Haupttribüne ist oben ebenfalls kein Mensch, unten bei den Hospitality-Tickets ist etwa zur Hälfte besetzt. Süd und Ost allerdings sind ziemlich voll, sowohl oben wie unten. Aus Sicherheitsgründen gäbs im Stadion nichts zu trinken, heisst es von einem Ordner, und man staunt.

Wir stehen relativ weit oben im Block, über uns und rings im Stadion immer abwechselnd Blaue, Weisse, Lila Neonröhren. Knapp dreitausend Schalker sind da und machen gut Stimmung, die Heimelf hat 25.000 Anhänger dabei, der beste Besuch der Hearts seit Jahren. Auf der einzeiligen Anzeigentafel im Rugby-Stadion hat nur das Ergebnis Platz, und das entfernte Tor scheint unglaublich weit weg zu stehen - Sichtverhältnisse wie in München, wenn nicht schlimmer. 37.50€ hat das Ticket gekostet. Ist natürlich ein Sitzplatz, aber sitzen kann man hier wirklich nicht, wenn man über 1.80 gross ist, die Knie bohren sich in den Vordersitz und ohne Wagenheber käme man nicht mehr raus – aber wir stehen ja sowieso alle.

Wer sich in der Stadt noch nicht getroffen hat, der tut’s jetzt hier. Manch Bekannter taucht überraschend auf, und so langsam singt man sich ein. Ein Fan mit drei HotDogs wird von Ordnern wieder hinaus geführt, aus den Lautsprechern schallen unverständliche Durchsagen auf Deutsch und Englisch, und drüben werden in der Kurve die letzten Banner drapiert. Die ARD filmt mit ihren Kameras die Schotten in ihren Badekappen beim Aufwärmen, Creedence Clearwater singt „Bad Moon on the Rise“, und Jubel brandet auf, als ein Schotte einem Polizisten die Kappe vom Kopf schiesst. Und dann, zu den Klängen von Mendelsohn-Bartholdy, geht’s los !

Natürlich sind wir viel besser, und die anderen gemein und hinterlistig und der Schiedsrichter glücklicherweise mit Adleraugen und Mumm in den Knochen gesegnet. Trotzdem haben wir nicht wirklich gute Torchancen, und zur Halbzeit steht’s 0:0. Die Lieblingsmelodie der Hearts-Fans ist die von „Oh, when the Saints“, die jedesmal von uns aufgenommen wird und mit „Die Nummer 1 im Pott sind wir“ weitergesungen wird. Lauter sind wir allemal. Erst als weiter unten von der Königsblauen Horde ein „Stand up, if you hate England“ angestimmt wird, da schwappt die Begeisterung hinüber auf die Tribünen, wo fast alle aufstehen und klatschen. Aber dennoch: Die Stimmung auf den Rängen ist nicht mehr ganz so euphorisch wie am Anfang, und da hilft auch die Halbzeit-Unterhaltung nicht.

Erst versuchen sich drei Schotten daran, den Ball von der Mittellinie aus, äh, ja, wohin zu schiessen? Auf’s Tor scheint jedenfalls keiner zu zielen, die Bälle fliegen eher ins Seitenaus. Sehr dubios. Hat aber offenbar niemand irgendetwas gewonnen. Dann kommt ein Sänger auf’s Feld, der vor der Osttribüne sein „I did it my way“ umgetextet auf die „Hearts“ singt. Den mögen die Leute offenbar, aber wer das war – keine Ahnung.

Die zweite Halbzeit beginnt mit der Gelb-Roten Karte für einen Schotten, wegen einer Schwalbe, die mancher bei uns als Elfmeter gepfiffen hätte. Aber richtig gesehen hat’s Keiner. Das Publikum ist jetzt auf den Schiedsrichter noch böser als vorher schon auf unseren Niels, obwohl der heute wirklich ganz gut spielt. Uns mögen sie auch nicht mehr besonders, erst recht, nachdem ein paar hier unglücklicherweise das „You’ll never walk alone“ anstimmen, das bei den Hearts verhasst ist, weil’s die Typen aus Glasgow singen.

Tja, und dann klatscht da drüben in zehn Kilometern Entfernung der Ball an den Pfosten und irgendwer schiesst den Abpraller rein. Sand, glaub ich. Meine holde Hellenin stoppt meinen Jubel, der Ball war wohl gar nicht drin. Verdammt. Dass tatsächlich zweimal der Pfosten getroffen wurde, hab ich erst gar nicht mitbekommen, aber dafür immerhin das einzige Tor des Tages. Natürlich ein Sand-Tor, Ebbe, der den Ball grossartig erobert und Lincoln den Schuss schenkt. Na endlich.

Jetzt wechseln die Schotten ihr Monster ein, DeVries, der ausser Treten, Halten und Stossen nicht viel mehr drauf hat – aber wehe, der Schiedsrichter lässt das einmal durchgehen, dann wird dieser Tyson in Fussballschuhen zuschlagen, also zittern wir bis zum Schluss und dann endlich, endlich ist es aus. Gewonnen! Hochverdient, na klar, souverän, keine Frage, weiss gar nicht mehr, wieso ich so’n Schiss hatte. Die Mannschaft kommt, macht zwölf Sekunden lang die Welle und verschwindet. Super.

Jetzt geht’s mir dann doch so gut, dass ich den HotDog probieren muss. 2.50GBP, ein nobler Preis für ein grausames Machwerk. Dass es auch billiger geht, beweist ein schon deutlich dem britischen Bier zu nahe gekommener Kollege, indem er einfach mit 2 Euro bezahlt und behauptet, „das stimmt so“. Den Senf könnte man giessen, so labberig ist er, Ketchup ist alle, bleibt nur Steak-Sosse, und das rettet das Gesamtkunstwerk auch nicht. Was zum Frühstück mit „Haggis“ begann endet also auch mit einem Fiasko. Scheissegal.

Wir ziehen hinaus zur Strasse, stellen uns an eine Bushaltestelle, wo sich Polizisten bei allen vorbeikommenden Schalkern für das gute Benehmen in ihrer Stadt bedanken (kein Witz!), und dann warten wir in einer ordentlichen Reihe auf den Bus. Als der endlich kommt, treffen wir beim Einsteigen wieder „alte Bekannte“, die am Wochenende wohl auch wieder bei der U19 dabei sein werden, und im Bus noch mehr – manche davon mit den ziemlich populären Schottenkappen samt eingebautem rotem Haar.

Wer geht noch wohin, das ist die grosse Frage – wir entscheiden uns für die Kneipen in der High Street, und laufen also vom Scott Monument in der Neustadt über die North Bridge hinauf, nur um in der ersten Kneipe abgewiesen zu werden, weil man da nur Bier ausgibt, wenn eine vollständige Mahlzeit verspeist würde. Lizenz-Auflage angeblich. In der zweiten Kneipe, der „Filling Station“, einer klassischen englischen Sportsbar, lässt man uns erst gar nicht rein, weil wir Trikots und Schal tragen. „Company-Policy“ wär das, denn das würde Ärger vermeiden. Irgendwie kommt’s mir genau andersherum vor, aber bevor ich richtig grantelig werde, ziehen wir lieber noch ein Stück weiter, um einen letzten Versuch zu machen.

Und kaum öffnen wir die Tür, da brandet Jubel auf. „Well done!“ rufen uns die Jungs von der Theke zu – ganz offensichtlich Hibs-Fans – und hier bekommt man Bier (oder was dafür gehalten wird) auch in Trikot und ohne Essen. Keine Ahnung mehr, wie das Zeug hiess, was wir getrunken haben, hinterliess jedenfalls keinen Kopfschmerz und konnte trotz heftigsten Schüttelns keinen Schaum hervorbringen. Die fröhlichen Schotten versichern uns, dass es ganz klar ne Schwalbe und die Gelb-Rote hochberechtigt gewesen sei, und wir seien ja wohl eh viel besser als dieser Pleite-Club, den ein Finanzhai aus Littauen retten müsse, und wir fühlen uns doch irgendwie an unsere Nachbarn im Nahen Osten erinnert, unsere „Hearts“ sozusagen, und es wird ein lustiger Abend – obwohl die Jungs, die früher oft in Gladbach waren, noch grosse Stücke auf zwei ihrer ehemaligen Spieler halten, die es mal zum BVB verschlug. Pech für die. Und natürlich ist „Berti“ ein Thema und Klinsmann, den sie hier „the living submarine“ nennen, weil er ein „top diver“ war, also einer, der jede Menge Schwalben produzierte.

Irgendwann leert sich die Kneipe und man geht auseinander – die Hotelpforte ist tatsächlich noch offen, obwohl wir gewarnt worden waren, dass man ab 23 Uhr klingeln müsse, und manche königsblaue Gestalt findet den Weg zum Lift nicht mehr, obwohl dieser mit Blindenschrift ausgestattet ist. Egal, Hauptsache: Auswärtssieg !

Freitag, 5.November

Der Weckdienst versagt, und ich bin sicher, dass wir einen bestellt haben und dabei noch klar reden konnten. Sehr sicher.

Wir sind trotzdem früh genug wach, erleben den Sonnenaufgang mit und finden beim Frühstück im Hotel tatsächlich schon einen ganzen Haufen völlig nüchterner Schalker vor. Die Kaffeemaschine spuckt mir einen Cappuccino in die Tasse und geht dann kaputt. Zum Glück gibt’s noch eine, aber das führt doch zu etwas Chaos. Ich muss unbedingt den tollen Toast-apparat ausprobieren, der aussieht als käme er direkt aus einem „Wallace&Gromit“-Film, und glücklicherweise überlebt das Teil mein Hantieren und rückt tatsächlich lecker gebräunten Toast raus.

Am Nebentisch gibt’s etwas Frust, weil man wohl erfährt, dass die Busabfahrt gen Gelsenkirchen nicht 10 Uhr Deutscher sondern Lokaler Zeit sei, man also noch’ne Stunde länger hätte schlafen können. Naja, wir lesen derweil in der Zeitung die Entschuldigung des vom Platz gestellten Hearts-Spielers („The boy touched me, and i tried to make the most of it and dived. I feel like i let everybody down.“) und sehen, dass die Alemannen in Sevilla verloren haben.

An der Rezeption zahlen die Schalker einzeln für’s Frühstück, 4.95 pro Person, und der Bube an der Kasse rennt jedesmal hin und her, um die 5 pence Wechselgeld zu besorgen – bis ihm die Kollegin verrät, dass jemand vom Fanclub-Verband die Frühstückskosten alle auf sein Zimmer gebucht haben wolle. Das kommt für viele schon zu spät, aber immerhin können wir nun auschecken, zahlen unser Frühstück selbst und dann packen wir das Köfferchen und ziehen stolz durchs morgendlich frische Edinburgh hinab zum Bahnhof.

Alle Nase lang wird uns ein „Daumen hoch“ präsentiert, ich frage mich wirklich, wo denn die 25.000 Hearts-Fans gestern abend hergekommen sind, und werde im Airport-Bus vom Fahrer mit saurer Miene begrüsst. „So, your wonderful, wonderful, wonderful manager failed to score against eleven men and could only win against ten. You must be very happy this morning!“ „Ah“, sag ich in bestem Sieger-Englisch, „sie müssen dann wohl der andere Hearts-Fan in dieser Stadt sein. Sie bringen uns doch trotzdem zum Flughafen, oder?“ und er verzieht die Lippen, aber sein Kollege hinten im Bus lacht.
Also wieder 6 Pfund berappt, und so rollen wir gegen halb neun aus Edinburgh heraus, es ist recht wenig los auf den Strassen, an deren Rand alle Nase lang irgendwelche Schalker aus Fenstern von Bed&Breakfasts lugen oder rauchend an der Strasse stehen. Am Flughafen dann ist der Fahrer versöhnlicher, meint, Altintop sei der beste Mann gewesen und er könne dessen Auswechslung nicht verstehen, fügt an, dass DeVries sonst nicht so wäre und ein richtig guter Stürmer sei, und wünscht uns weiterhin viel Erfolg auf der Europa-Tournee.

Beim Check-In gibt’s dann erstmal Chaos, denn der Computer streikt. Für die ersten beiden Bordkarten braucht man zu dritt dreissig Minuten, und die Leute stehen schon bis zur Tür hinaus auf die Strasse. Mindestens die Hälfte davon in Schalke-Klamotten. Aber dann ist das Problem behoben, und ruckzuck haben wir eine Bordkarte und geben die letzten 12 Pfund aus für Kaffee, Kekse, Sweets. Bücher sind so unverschämt teuer, das man sich fragt, wieso die selben Titel auf Englisch bei amazon kaum die Hälfte kosten können.

Überall in den Läden des kleinen Flughafens sieht man nun die abreisenden Schalker, und dazwischen wuselt ein Herr im dunklen Anzug mit Ledertasche der „Heart of Midlothian“, der sich nicht besonders wohl fühlt. Na, uns geht’s jedenfalls gut, wir sitzen super in den Exit-Seats im Flugzeug – doppelt so viel Beinfreiheit wie im Murrayfield – und heben bei bewölktem Wetter ab gen Heimat.

Neben mir sitzt einer aus dem WDR-Team, und er erzählt über seine ´zig Jahre Fussball-Berichterstattung, von ihrem miesen Hotel in Edinburgh, vom UEFA-Cup 97, dass es immer seltener super Spiele gäbe und er sein schönstes im Azteken-Stadion in Mexiko erlebt habe, dass er ungerne demnächst mit der Nationalelf die Asientour mitmachen werde – zu viel Stress und wenig Zeit zwischen den Spielen der „Danke-Tour für die WM2006“, von der es ja nächstes Jahr dann noch eine gäbe obwohl „Klinsi“ das nicht wolle – und dann kommt er auf Rotterdam zu sprechen, fragt ob wir da dabei sein werden, und meint, er selbst müsse wohl, obwohl das überhaupt kein Spass sei. Mit gemieteten Autos mit holländischen Kennzeichen würde man anreisen, aber im Kuip, da stünde der Ü-Wagen dann trotzdem in so einer breiten Auffahrt, und wenn die Holländer mitbekämen, dass es der des deutschen Fernsehen’s sei, dann würden sie von oben drauf pissen. Das sei immer so, um Rotterdam würde sich niemand reissen.

So vergeht die Zeit, tja, wie im Flug – bis es in der Gewitterwolke über Dortmund zu einigen Turbulenzen kommt, die manchen doch nach der Tüte suchen lassen, aber schliesslich sind wir in Köln und kommen zeitgleich mit dem Koffer am Gepäckband an.

Auf der grossen Anzeigentafel wird die Ankunft des Fliegers aus Sevilla gemeldet – die Aachener kommen also auch heim. Ich hoffe, sie hatten genauso schöne Tage wie wir, auch wenn sie nicht so erfolgreich waren. Wir jedenfalls verdrücken uns, bevor Pinto wieder auftaucht und fragt, wo denn die Mannschaft sei - wir bezahlen Lösegeld für den BMW und fahren heim, im Gepäck drei Punkte, eine Erkältung, tolle Erinnerungen und einen Mords-Muskelkater von den Treppen in Edinburgh.

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