“Dos mas ??” Ungläubig schaut mich der Kellner an, kann nicht glauben, dass ich noch zwei Kaffee haben will – ich sitze in Barcelona, im etwas touristenfreieren nördlichen Teil der Ramblas Catalunya nahe der Via Diagonal und sauge den Café con Leche ein, als wär’s der Letzte der Welt.

Sowas brauche ich jetzt, nach zwei Tagen England, praktisch ohne Nahrung. Am Tag nach dem ChampionsLeague-Spiel Chelsea-Real Betis bestieg ich spät abends völlig verschnupft und mit Schüttelfrost in Heathrow eine Maschine zurück nach Düsseldorf, warf die frisch gekauften „Beecham’s Flu-Plus“ ein (den Inhaltstoffen nach wohl identisch mit „Grippostad“ – in meiner Lage wird man Experte für Chemie) und kam so weit nach Mitternacht heim. Da wegen der üblen Erkältung der Druckausgleich nicht funktionierte, befand sich mein Schädel-Inhalt noch auf 30.000 Fuß Höhe, und entsprechend mitleidserregend sah ich aus und jammerte, um die Aufmerksamkeit der holden Hellenin zu erhaschen, die mich nach nur vier Stunden Schlaf schon wieder aus den Federn warf – erneut ging’s zum Flughafen, denn die weltbeste Ehefrau von Allen musste nach Barcelona – und ich durfte mit!

Hoch über Südfrankreich gingen die Ohren wieder auf, und unter den skeptischen Blicken meiner Europameisterin umsorgten mich Stewardessen mit Nasentropfen, guten Tipps und ebensolchen Worten – tatsächlich kam ich heil an, und jetzt sitz ich im Café und bin begeistert über 27 Grad und feinsten Sonnenschein an königsblauem Himmel. Café con Leche hilft offenbar sogar gegen das Kratzen im Hals - wunderbar!


Ronaldinho am Cello

Es ist Freitag, und ich hab frei, bin abends mit der Glutäugigen und ihren Kollegen nahe der Oper (die leider ausverkauft war, wie immer…) in einem Flamenco-Schuppen, bei dem abwechselnd wild getanzt und hoch gesungen wird. Erstaunt stelle ich fest, dass der Cellist auf der Bühne offenbar Ronaldinho’s Zwillingsbruder ist –geschickter mit den Füßen ist allerdings der rasante Tänzer vor ihm.

Dann ist Samstag, endlich, und wir laufen durch die Stadt, sehen an der Sagrada Familia einen FC Barcelona-Fanshop, und sowieso an jeder Ecke Touri-Buden, in denen die blau-rot gestreiften Trikots verkauft werden. Nicht deshalb ist mir schlecht, nein, mein Magen kämpft etwas mit dem Mischmasch an Lebensmitteln aus den letzten Tagen, aber wozu gibt’s Apotheken (bin ja eh Stammgast) ? Der Schinken hier ist aber auch wirklich nicht zu verachten –zwei Pfund vom wunderfeinen Pata Negra sind genauso teuer wie eine Stehplatz-Dauerkarte AufSchalke, da täte etwas mehr Zurückhaltung sowieso gut.

Eigentlich wollte ich hier irgendwo, an einer der ATM-Maschinen der „Caixa“ Tickets für’s heutige Ligamatch ziehen – FC Barcelona gegen CA Osasuna, der Fünfte gegen den überraschenden Zweiten. Das Camp Nou kennen wir bisher nur ohne Fußball, haben vor ein paar Jahren mal eine Stadiontour gemacht und kamen uns ziemlich schäbig und klein vor in diesen roten Sälen aus Samt, in denen es von silbernen und goldenen Trophäen nur so wimmelt. Mit dem „Ticket-ziehen“ wird’s aber nix, denn die Kollegen meiner Angetrauten wollen mit, und beauftragen irgendeine Agentur, Eintrittskarten zu besorgen – entsprechend teuer sind sie dann auch.

Im Hotel bekommen alle Tickets für die Nordkurve (!), dritter Rang, im „General“-Bereich, in dem es keine numerierten Sitzplätze gibt. Das ist ganz oben, darüber gibts nur noch das Weltall, aber solche Plätze mussten es wohl sein, damit die Gruppe irgendwie zusammen hocken kann. Auch schön. 44€ kostet die Karte, statt eigentlich 29€, aber ich beschwer’ mich nicht – schließlich bin ich eingeladen, und wir bekommen sogar noch ein kleines Taschenbuch dazu, in dem die Stadien aller spanischen Proficlubs beschrieben sind (Ich wette, das gab’s von der Liga umsonst).

Um 22 Uhr ist Anpfiff, also ziehen wir gegen 20 Uhr los, nehmen die U-Bahn und fahren bis Les Corts, wo wir einfach der Menge folgen, die geradeaus auf’s Stadion loszieht. Zehn Minuten Fußmarsch, vorbei an einem Parkhaus mit Namen „Wembley 92“, sicher in Erinnerung an den Europapokalsieg unter Cruyff, und dann liegt das riesige Camp Nou vor uns. Ein gewaltiger Brocken.



Erfolge für die Ewigkeit

Camp Nou

Die Menge ist sehr ruhig, drängt sich an gut besuchten Kneipen vorbei und durch den fließenden Verkehr hindurch zum Stadiongelände, wo ein paar Polizisten nach dem rechten Sehen, und ein knappes Dutzend kleiner Verkaufsstände Schals zu 9 bis 12€ und Fahnen für 15€, oder Leckereien wie beispielsweise Nüsse anbieten.

Hier unter der Südtribüne sind die Kassenhäuschen offen, kleine helle Löcher in einer ansonsten dunklen Wand, und es stehen noch einige Fans an. Überall bekommt man das Programmheft in die Hand gedrückt: „Media Punta“, auf dessen Titel Lionel Messi gerade loszieht, und der „Co-Lider“ aus Osasuna (Punktgleich mit Real Madrid an der Spitze) als krasser Außenseiter bezeichnet wird. 10:1 zahlt man auf den Sieg des Gastes.

Wir ziehen durch den Gitterzaun hindurch, wo uns die Eintrittskarten zerrissen werden, und finden uns wieder auf dem Parkplatz vor der Osttribüne – ein Abtasten findet nicht statt, ist alles sehr friedlich hier. An der Engstelle zur Nordtribüne hin kommen uns fünf Polizisten entgegen, die dreissig Osasuna-Fans begleiten. Unbehelligt ziehen sie singend hinüber zur Süd – wir laufen an den großen Rampen (breiter als im SanSiro) und der Reihe der diversen Wappen aus Barcelona vorbei zu unserem Eingang, der auf der Eintrittskarte vermerkt ist.

Hier, direkt in der Stadionfassade, gibt es elektronische Drehkreuze, die über den Barcode auf der Eintrittskarte geöffnet werden – ich frag den freundlichen Mann in Gelb, ob’s drinnen noch was zu Essen und zu Trinken gäbe, und der lacht und nickt: „And Toilettes, too!“.

Dann beginnt die Kletterpartie über 15 Plateaus und 150 Stufen die Treppen hinauf. Völlig durchtrainiert wie ich bin, komme ich oben kaum noch lebend an, nehme aber begeistert wahr, dass hier in der kahlen Betonflucht ganz oben unter’m „Dach“ tatsächlich Bratwürste gegrillt werden. Das hätte ich nie und nimmer für möglich gehalten, auch wenn die Dinger aussehen wie Bockwürste.


Einer von vielen

Zwei Engländer stürzen auf mich zu, haben mich wohl an den großen Augen als „Neu“ identifiziert – „Hey lad! You’ve got general seating, just like us, right?“ und dann erklären sie mir, dass man hier jetzt einfach in den Block hochsteigt und dann ohne Barrieren um’s Stadion herum bis an die Mittellinie laufen kann, und so einen Haufen Kohle für die dort eigentlich teureren Tickets spart.

Meine Aufmerksamkeit richtet sich jetzt allerdings erstmal auf den kleinen Getränkestand – da gibt’s Wasser („sin Gas“), Limonade, Cola, Süßigkeiten, und Bier. In Dosen. Drauf steht ganz groß „0.0%“. „No Alcohol!“ meint der Spanier hinter der Theke achselzuckend. Egal, her damit. Er gießt das Bier-ähnliche Nass in einen großen Plastikbecher und dann treten wir durch die Einlässe und blicken in das weite Rund in Europas größtem Stadion – was für ein gigantischer Anblick!

Als säße man in einem Satelliten, so schaut man aus unglaublicher Höhe hinab auf das im grellen Licht liegende Fußballfeld. Das Stadion ist noch sehr leer, der „FCBARCELONA“-Schriftzug auf der Westtribüne noch gut zu lesen – erst fünf Minuten vor dem Anpfiff wird die Kiste voll werden. Knapp 99.000 passen rein, ungefähr 70.000 werden kommen. Es läuft sehr leise Musik und auch der Stadionsprecher hält sich angenehm zurück.

Wir klettern ein paar Reihen nach oben, und ich setze mich an den Gang. Ein Dach gibt es hier nicht, über uns ist nichts als schwarze Nacht. Obwohl ungeschützt dem wohl seltenen Regen ausgesetzt sind die blauen Sitze, Plastik mit flexibler Rückenlehne, erstaunlich sauber. Jeder hier hat ein Geländer vor sich, wohl um wegen der Höhe Stürze auf jeden Fall zu vermeiden. Besonders steil ist es allerdings nicht, da haben wir schon wilderes gesehen. Gott-sei-Dank, für die Beine ist genug Platz – und die Sicht von hier oben ist einfach traumhaft. Wir bleiben hinter’m Tor, versetzt zur Eckfahne, mein liebster Stadion-Blick, wo die Angriffswellen auf einen zurollen.



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Ein toller Abend, lauwarm, mensch bin ich froh, hier zu sein. Unten wärmen sich weiße und gelbe Punkte auf. Die Barca-Spieler laufen direkt aus den Kabinen hinüber zur Osttribüne, begrüßen dort die Fans, die sich von ihren Sitzen erhoben haben. Die „lautesten“ Anhänger allerdings finden sich hinter’m Tor in der Südkurve – vielleicht dreihundert, mit knapp zehn Fahnen und drei Spruchbändern. Mehr ist nicht.

Außer Ronaldinho kann ich keinen der Spieler erkennen, und den auch nur deshalb, weil er lange Haare hat, und jetzt schon Dinge mit dem Ball anstellt, die man in der Bundesliga praktisch nie zu sehen bekommt.

Hinter uns sitzt ein spanisches Pärchen, vielleicht Mitte Zwanzig. Sie lauschen gemeinsam über Ohrstöpsel ihrem MP3-Player, aber frech wie ich bin unterbreche ich sie mal. Mein Spanisch ist praktisch nicht existent, und die Beiden sprechen kein Englisch – also wird per Hand und Fuß und einem Mischmasch aus Italienisch, Englisch und geratenem Spanisch konversiert, wobei das Mädel immer nur höflich nickt und lächelt, der Bube aber wie ein Maschinengewehr auf mich einredet: „rattatatattatatata- tagonn!“. Oder so.

Stolz zeigen Sie mir ihre Dauerkarten und erklären, dass das Mädel dafür 200€ zahlt, er mit seiner „Zweitkarte“ nur noch 100€ - und dafür können sie hier oben sitzen wo sie wollen, und alle Saisonspiele sehen. Inklusive der ChampionsLeague. Mir bleibt die Spucke weg, ich frage dreimal nach, aber die Zahlen ändern sich nicht. „Gibt’s nur bei Barcelona!“, meint der Spanier stolz, „bei Madrid: Uiuiuiui!“, und er bläßt die Backen auf und wedelt mit den Händen. Muss teuer sein, da.

Ich erkläre, dass sie uns ja Van Bommel weg geschnappt hätten, dass er beinahe mal zu uns gekommen wäre und sicherlich wegen des vielen Geldes hier nach Spanien ging – aber da lacht der Kollege. Van Bommel würde praktisch nichts kosten, da gäbe es ganz andere in der Mannschaft. Und dann zeigt er mir, dass sich links die erste Elf aufwärmt, und rechts die Reserve, und dass Van Bommel, klar, in der letzten Gruppe zu finden ist. Auf der Bank.

Jetzt ist die Hütte voll – zumindest sieht sie so aus, bis auf einige leere Flächen im obersten Rang. Viele junge Leute sind dabei, ganze Teeniegruppen voller aufgedonnerter Mädels, die sich bei 18 Grad bis Mitternacht ein Fußballspiel gönnen. Trikots sieht man auf den Rängen nicht besonders viele, aber immerhin sind hier oben doch ein paar traditionelle in Rot-Blau und die eher modernen Knallgelben zu sehen. Erstaunlich viele Leute, auch junge Kerle, haben Zigarren dabei, an denen sie genüsslich paffen – dem Duft nach gibt es außerdem einige, die sich Zeug reinziehen, das ihnen jeden beliebigen Spielstand erträglich machen wird.

Dann ist es soweit: Fackeln und vier Katalanische Flaggen werden zum Mittelkreis getragen, ein heroisches Lied erklingt, und aus einer Art Puzzle wird im Mittelkreis Katalonien zusammengefügt – dann singt irgendein Schlagersänger irgendeine Melodie, die niemand mitsingt und schließlich stellen sich die Mannschaften auf, und eine große Fußballnacht beginnt.



FC Barcelona – CA Osasuna, Panorama: 292kB (1898×650px)


Barcelona nimmt sofort das Heft in die Hand, immer wieder versucht man’s über rechts, wo Ronaldinho sich warm-zaubert. Zu verzücktem Aufschreien verleitet aber eher der blutjunge Argentinier Lionel Messi, der sich immer wieder irgendwo auf dem Feld die Pille schnappt und damit los rennt, seine Gegenspieler vernascht und die Mitspieler in Szene setzt. Großartig!

Mein Hintermann tippt mir auf die Schulter, erklärt mir, dass Van Bommel ja auf der Bank säße und dass Marquez seine Position spielte – die #4 – und der macht das exzellent. Die Weißen aus Osasuna spielen derweil eine Art Systemfußball wie aus dem Lehrbuch. Auf 30 Metern steht die Mannschaft wie eine Einheit, verschiebt blitzschnell und wie am Lineal gezogen. Nach vorne geht wenig, aber nach hinten lassen sie auch nicht viel zu – es ist wie eine Schachpartie zwischen einem kreativen Menschen und einem etwas älteren Schachcomputer.

Das Stadion ist unglaublich ruhig. Man könnte meinen, man wäre bei einer Partie zweier Reserveteams in der Oberliga Westfalen. Ich glaube wirklich, selbst die Bande aus Erkenschwick ist bei Auswärtsspielen lauter als ganz Camp Nou, denn hier hört man nur ein paar hohe Flötentöne – ein Dudelsack? - und ab und zu ein paar Rufe von der kleinen Gruppe hinter’m Tor, sonst nichts. Angefeuert wird eher über rhythmisches Klatschen, das allerdings auch nicht besonders häufig oder ausdauernd.

Die Gästefans sitzen ganz oben, neben der Anzeigentafel, und wenn sie singen, dann hört man sie auch. Tun sie aber nur selten. Ansonsten dröhnen manchmal Gaströten und das übliche Raunen, Rauschen und Rufen („Baar-ca! Baaar-ca!“) durch’s Rund.


Spielerfressendes Untier auf Rädern

Mitte der Halbzeit verletzt sich Juliano Belletti, und in der Stadion-Ecke erwacht eine gefräßige Katze zum Leben. Zwei Scheinwerfer leuchten auf, und der kleine Elektro-Transporter hoppelt zum erlegten Spieler, nimmt ihn auf die Ladefläche und bringt ihn aus dem Stadion. Immer, wenn ein Barca-Spieler zu Boden geht, flackern in der Ecke die beiden Augen auf – trifft’s einen aus Osasuna, dann ist’s der Karre offenbar egal. Die schmecken wohl nicht.

Kurz darauf staune ich darüber, dass Deco im Mittelfeld Stretch-Übungen macht. Ist der immer noch nicht warm? Aber dann geht er vom Feld, wird an der Ersatzbank behandelt, spielt weiter, bleibt stehen – die Adduktoren, offenbar. Nach dreißig Minuten kann er nicht mehr. Deco fällt an der Mittellinie auf die Knie, beginnt zu beten, während das Spiel um ihn herum weiterläuft. Faszinierend. Die Zuschauer merken, dass da etwas außergewöhnliches passiert, feuern den Star mit „Deco-Deco“-Rufen an, aber es geht nicht mehr. Zwei Minuten später setzt sich Deco auf den Rasen und weint. Ja: weint. Mit den Armen wischt er sich immer wieder über’s Gesicht, bis die Betreuer bei ihm sind und ihn vom Feld holen.

Jetzt kommt Van Bommel also doch. Bis zur Pause wirbeln weiter nur Messi und Ronaldinho, der Linksaußen wird geflissentlich ignoriert, und erst in den letzten Sekunden hat Barca zwei dicke Chancen – erst vergibt Eto’o, dann wird ein Klasse-Kopfball hervorragend zur Ecke pariert. Halbzeit: 0:0. Mein Hintermann mag Frank Rijkaard nicht besonders, ist aber trotzdem überzeugt, dass sein FCB heute als Sieger vom Platz gehen wird.

Wir bleiben sitzen, schauen zu, wie nun Dutzende von Anhängern über den Zaun hinunter in den unteren Teil des dritten Ranges klettern, wo man ein paar Meter näher dran ist (und die Karten etwas teurer sind). Seltsamerweise kommt jetzt keiner der fleissigen Helferlein vorbei, die während des Spiels alle zwei Minuten vollbepackt mit Getränken und einer Tüte voller Baguettes (4€, feine Salami), Toblerone und allerlei anderem Esswerk durch die Reihen zogen. Schade.


Kurz vor der Pause: Barca drückt

In der Stadionzeitung entdecke ich zu meiner Verblüffung ein Foto von Ailton, im Trikot von Werder Bremen – und so diskutiere ich mit dem Spanier hinter mir erstmal über Schalke 04, den der Bube tatsächlich kennt. Das hätte vor Jahren keiner geglaubt.

Als das Spiel weiter geht, hat man sich auch schon gewöhnt an die riesige Werbung neben den großen Anzeigetafeln und die elektronischen Reklamebanden, die ständig ihr Bild ändern und die Angreifer eigentlich irritieren müssten – tun sie aber offenbar überhaupt nicht, denn Barcelona kommt jetzt mit Macht. Noch aber steht über den Ersatzbänken auf der schmalen Anzeige, die von beleuchteten Bierreklamen gesäumt ist, und den Gast zuerst nennt, das „0:0“. Das wird sich ändern.

Ronaldinho ist eine Sensation – wenn der Antritt, dann geht ein Raunen durch’s Stadion, er zeigt reihenweise Kunststückchen, von denen man in Deutschen Stadien noch jahrelang erzählen würde. Unglaublich. Die Zuschauer feuern ihn an, rufen „Roooonal-dinho!“ im Chor, und nach einem besonders waghalsigen Dribbling, bei dem die gesamte Abwehr wie ein Haufen Anfänger stehen gelassen wird, erhebt sich die Ost-Tribüne, vor der Ronaldinho schließlich gefoult wird, und betet den Helden an – die Menschen stehen, recken beide Arme in die Luft und verbeugen sich wiederholt. Gänsehaut.

Rasch fällt das 1:0 – wieder nach einer Einzelaktion des Helden, schlägt er den Ball perfekt in die Mitte, wo Eto’o zum ersten Mal ungedeckt ist und problemlos einnickt. Jetzt rockt das Stadion mal. Kurz. Osasuna hat überraschend eine Riesen-Chance, bei der der überragende Innenverteidiger Puyol wieder rettet. Bis zum 2:0 dauert es dann nicht mehr lange, wieder Messi, wieder Ronaldinho, Flanke, Schuß, Abpraller und wieder steht Eto’o goldrichtig und schiebt ein. Das Ding ist gelaufen.

Jetzt entpuppt sich auch ein kleines Grüppchen auf der Haupttribüne als „Stimmungsblock“ – vielleicht 40 Mann stehen auf, klatschen und singen. Und schon ist der Spuk wieder vorbei. Ausdauernder sind da schon die dunklen Jungs bei uns hier oben, etwa drei Dutzend stehen auf der Gegengeraden ganz oben und schmettern immer wieder Schlachtrufe – bis ein Haufen Ordner und Security erscheint, die Personalien aufnimmt und die Jungs vertreibt, die sich über die Ränge verstreuen. „Ultras!“ meint mein Hintermann, und erklärt, die hätten böse Dinge über den Präsidenten geschrieen – und weil das Stadion ansonsten ruhig ist, habe der das in seiner Loge gehört und lässt die Bande auflösen. Das wäre immer so.


Ronaldinho läuft an

Der FC Barcelona hat seinen Gegner, zu dem man offenbar freundliche Kontakte unterhält (verrät uns das geschenkte Stadiontaschenbuch, das Real, Espanyol und Valencia als „Feinde“ führt), jetzt komplett im Griff. Immer wieder kommen sie gefährlich nach vorne, mehrfach fallen Spieler in Osasuna’s Strafraum – wenigstens dreimal Elfmeterreif – aber der Schiedsrichter denkt gar nicht daran, zu pfeifen. Stattdessen zeigt er bei der klarsten Szene dem gefällten Messi „Gelb“. Jetzt sind die Zuschauer aufgebracht, aus dem Häuschen, wedeln mit weißen Tüchern, wohl um dem Schiri zu sagen, er solle sich besser aus dem Staub machen.

Der Kollege hinter uns schimpft auf die Unparteeischen, die er allesamt „Hombre!“ nennt. Sein „Hombre, NO!“ kommt bei jedem Fahne-Heben, jedem Pfiff. Ansonsten raunt er bei Ronaldinho’s Glanztaten häufig ein gespanntes „Oh!“ und wenn die Spielzüge eleganter und weiter werden, vernimmt man gar „Ole“’s in Reihe, vom halben Stadion.

Dann kommt Osasuna doch noch zu seiner Chance – ein dicker Patzer von Valdes im Tor, und Puyol muss auf der Linie retten. Mehrmals. „Schade, dass Giuly nicht spielt“ sag ich zu meiner Holden, ungefähr zehn Sekunden bevor Eto’o unter Standing Ovations vom Feld geht und der Franzose doch noch aufläuft – fünf Minuten später trifft er zum 3:0. Ein toller Pass in die Gasse, zwei Verteidiger und der Torwart sind sich nicht einig, und Giuly spritzt in den freien Raum und lenkt den Ball mit dem großen Zeh am verdutzten Schnapper vorbei ins Netz.

Diesen Treffer in der 88. haben Tausende schon nicht mehr gesehen, denn schon ab der 75.Minute gehen die ersten, und kurz vor Schluss ist der „FCBARCELONA“-Schriftzug da drüben wieder fast vollständig zu lesen. Nur eine Minute lässt der Mann in Schwarz nachspielen, dann ist Schluss – 3:0 für den hohen Favoriten.


Sieg

Wir bleiben noch ein bisschen stehen, genießen den gigantischen Blick durch’s gewaltige Stadion, laufen dann hinaus zu den Treppen, wo ich nebenan den Fahrstuhl entdecke, denn ich vor zwei Stunden gebraucht hätte. Bergab geht’s auch so.

Sehr ruhig ergießt sich die Menge hinaus auf die Straße, wo die Schal- und Trikotläden noch offen sind und die Kneipen schon wieder – oder immer noch – voll. An der U-Bahn stehen die Menschen zwanzig Meter vor dem Eingang schon, deshalb schlendern wir weiter durch die Nacht bis zu „San Estacio“, wo wir die „5“ zurück in Richtung Hotel nehmen. Da unten sind’s vierzig Grad und der Schweiß läuft in Strömen….

Kurz vor 1 Uhr sind wir im Zimmer, staunen nochmal über den tollen Abend in einem richtigen Fußballstadion, ohne Dach und mit Klasse-Spielern. Am nächsten Morgen bringt uns ein Taxi zum Flughafen – es ist Sonntag, die Stadt ist leer, die Straßen verwaist.

„It’s the best day for us!“, sagt der Taxifahrer, und verlangt 40€ für die Fahrt, die sonst nur 15€ kostet…Er will wissen, ob wir beim Fußball waren, denn er war auch im Stadion, hat eine Dauerkarte im zweiten Rang an der Mittellinie, zahlt dafür 600€ - vielleicht waren die supergünstigen Tickets des Pärchens hinter uns ermäßigt? Studenten? Wer weiß…

Ich erzähle dem Lenker, dass wir nur hier waren, um schon mal zu sehen, wo wir dann demnächst stehen werden, wenn Schalke kommt, um Barca aus der ChampionsLeague zu kicken – darüber muss er lachen, der Wicht. Er meint, die beste Mannschaft Deutschland’s käme doch aus diesem Kaff, das den Italienern nicht mal einen eigenen Namen wert ist und deshalb „Monaco del Nord“ genannt wird. Pah!

Dann sind wir am Flughafen, der natürlich auch einen großen Barca-Fanshop enthält, und fliegen heim – mit Zwischenstopp München, unvermeidbar, irgendwie…der Blick von oben auf die hypermoderne Schüssel der Allianz-Arena als Mega-Kontrast zum phantastischen Fußballstadion in Barcelona…

Das silberne Geschoss hat geduldig am Düsseldorfer Airport gewartet, bringt uns abends heim. Eine lange Woche mit viel Reiserei geht zuende – fünf ChampionsLeague-Teams in acht Tagen gesehen, gestern im Camp Nou den besten Fußballer der Welt, am Mittwoch in der Stamford Bridge die beste Mannschaft der Welt, und letzten Samstag AufSchalke den geilsten Club der Welt – meine Königsblauen Helden.

Im Radio singt ein englischer Soldat: „My life is brilliant“, und so ähnlich fühl ich mich auch, jetzt wo ich wieder zu Hause bin. Chelsea, Barca, alles gut und schön, aber es geht doch nichts über die glorreichen Knappen von Schalke 04, denn wo bei den einen der kühle Geist die Klasse anerkennt, da lodert für die anderen das Feuer im Herzen – und das wärmt 1000 mal mehr.

Und deshalb freu´ ich mich unbändig auf’s nächste Wochenende: Nach „Stamford Bridge“ und „Camp Nou“ wartet nun die „Rote Erde“. Das Derby der A-Jugend – was will man mehr?


Monstertreppen

Bratwurst in 1000 Meter Höhe



Barca führt, Panorama: 646kB (3462×640px)


Nippes-Shop in der Stadt


Fanshop an der Sagrada Familia


Sagrada Familia am Fanshop


winziges Polizeiaufgebot


Nüsse fürs Stadion


Kassen


Äußerer Zugang


Ticket Barca-Osasuna, 22.10.05


Fackelläufer



winziger Fanblock


Schach!




”Ultras”



geht nicht rein, das Ding



ruhige Zuseher

Eto’o wird beglückwünscht




Trainerbänke


Giuly trifft





..rund um’s Stadion


Am Parkplatz



…noch genug da…



Essbare Skorpione


Pata Negra


Fundacion Miro


Schwimmstadion am Montjuc


Columbus und ultramoderner Bürotower


Sagrada Familia und Cathedrale


Hafen


Rathaus Barcelona


in den Straßen von Barcelona…


…findet man viel

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