FC Schalke 04 - Atletico Madrid 1:0
Geschrieben von: mberghoefer in Europapokal, Profis (654 views)
Mittwoch Abend, und endlich geht es wieder um die Wurst in der Schalker Arena - um eine verdammt fette Wurst diesmal: ChampionsLeague-Qualifikation, und der Gegner ist nicht Lokomotive Ganzweitwegistan sondern Atletico Madrid. Direkt nach der Auslosung vor ein paar Wochen griff Depression und Massenpanik um sich - da warfen die einen die Stirn in die Falten, die anderen schon die Flinte in´s Korn, und am Trostbier-Zapfhahn gab´s Mordsgedrängel. He, ma halblang: Dat is Schalke hier, hier is wie immer alles drin!
Eigentlich is mir „ChampionsLeague“ ja “egal“, mag den Wettbewerb überhaupt nicht. Kein Vergleich mehr mit früher, wo´s von Anfang an um alles ging, und wirklich nur „Champions“ mitspielen durften. Aber wenn´s dann soweit ist, dann kommt´s doch, das flaue Gefühl im Magen, die Nervosität, die den ganzen Tag schon an den Nerven zehrt. Anne Arbeit machen die Leute heute einen Bogen um mich, merken lange vor mir, dass mich das heute doch nicht kalt lässt. Es geht ja schließlich auch um Alles! Na, fast jedenfalls - notfalls dürfen wir ja noch im UEFACup wenigstens eine Runde spielen, aber trotzdem: Der Verein liebäugelt heftig mit den vielen schönen Millionen, und mir, das geb ich zu, mir gefiel der Pokal, den ich damals bei einem ChampionsLeague-Finale mal live auf´m Rasen gesehen (und neulich in Barcelona als Kopie auch mal in den Pfoten) hatte, und die Vorstellung, dass ein Knappe das Teil mal stemmen könnte, die löst schon Gänsehaut aus…
Es ist Zeit, wir machen uns auf die Socken gen Gelsenkirchen. Wie praktisch jeden Tag in diesem Sommer, so begleiten uns heftige Gewitter, aber im Pott begrüßt uns aus einem rabenschwarzen Himmel heraus ein gigantischer Regenbogen - was für ein Bild! Dat kann doch nur Gutes bedeuten!
„Wird nicht regnen“, sagt die beste Ehefrau von Allen tapfer, und weigert sich, den Schirm mit zu nehmen, also latschen wir ungeschützt den Trampelpfad zur Arena hinauf, und das wird etwas hektisch, weil uns nach ein paar Metern schon was auf den Kopf fällt, was kein Regen ist, nein, natürlich nicht. Hohe Luftfeuchtigkeit vielleicht, das schon. Wer wollte sich schon mit einer Ultra-Nervösen Griechin anlegen, so kurz vor´m Spiel? Oben am Eingang müssen wir warten - im Europapokal wird offenbar wieder besonders ausgiebig kontrolliert, und da viele wegen Arbeit spät hier ankommen, gibt´s Gedränge. Die Mädels müssen besonders lange anstehen, und so sieht man auf den Treppenstufen hinter den Kontrollen ganz genau, wer Single ist, und wer nicht: Routiniert stehen die „Vergebenen“ herum und warten auf die bessere Hälfte, und die anderen streben ungehindert nach oben, den Bierständen entgegen. Ich steh gerne hier unten und warte.
Wir schauen kurz hinter der Nordkurve vorbei, aber wir sind zu spät dran, keiner von der Gang mehr zu sehen. Also auf in den Oberrang, und da staunen wir darüber, wie frei die Gänge sind, wie wenig am Bierstand los ist. Ist wohl doch ein anderes „Publikum“ heute. Zum Allerersten Mal passiert es uns, dass wir vorne eine Bestellung aufgeben, und gar nicht genug Kohle auf der Knappenkarte haben, und das liegt nicht nur an den horrenden Preisen (die Brezel kostet hier das dreifache von der in Homburg) - unter höchstem Einsatz wird verhindert, dass das Plastikviereck eingezogen wird. Das wär ne Katastrophe: die Scheibe is nämlich nicht nur hübsch, blau, und werbefrei, nein: sie ist auch noch ungeschlagen. Darf auf keinen Fall verloren gehen! Dat Mädel am Tresen merkt schnell, das sie ihr Anliegen besser aufgibt. Also raus aus der Schlange, 20 Eier aufgeladen, und wieder angestellt. Als wir endlich auf unseren Plätzen sind, ist die Mannschaft schon auf dem Rasen und wärmt sich auf. Wer ist das da unten, mit den kurzen Haaren? Wir einigen uns auf „Lovenkrands“, und erst lange nach dem Spiel wird uns auffallen, dass es „Grossmüller“ gewesen sein muss - das ist uns bei Chelsea London auch schon passiert, dass wir uns an den nicht erinnern konnten. Komisch, ob uns das was sagen sollte? Ebenfalls auf dem Platz: Levan Kobiashvili. Das hätte ich nicht gedacht. In Georgien sind die Kampfhandlungen mit den Russen angeblich seit heute eingestellt, aber im Krieg gibt´s eh nur Propaganda, und nichts ist gewiss, außer dass den Leuten Leid zugefügt wird, egal was die Politiker rundherum so schwafeln.
In ohrenbetäubender Lautstärke läuft der „SweetHome Alabama“-Verriss von KidRock (oder so), ein furchtbar schwaches Teil, das im Radio hoch und runter gedudelt wird - was da gespielt wird ist eh schon lange keine Frage der Qualität mehr, sondern des Bakschisch. Unerträglich, aber ich muss es mir zum Glück nicht lange anhören, denn im Block gibt´s jetzt ein großes „Hallo“: endlich das Wiedersehen nach endlosen Jahrhunderten, die die Sommerpause gefühlt gedauert hat. Wie geht´s, was habt ihr gemacht, wo seid ihr gewesen, was habt ihr gesehen, welche Chancen hat die Mannschaft, und am wievielten Spieltag werden wir vorzeitig Meister? Ein Geschnatter, man kriegt gar nichts mit von dem Werbemüll, der bestimmt über die Lautsprecher verbreitet wird. Die Leute sind relaxed, nur angespannt wegen „Quali“, aber richtig gut drauf. Die Saison ist noch nicht versaut, und noch gibt´s keinen neuen Feind, über den man regelmäßig den Kopp schütteln kann. Ham´ ja schließlich auch nen neuen Trainer!
Da heute Europapokal ist, sind nicht alle Block-Kollegen da: Der Nicht-Bochumer Bochumer neben mir fehlt, da hockt heute ein Nachwuchsknappe, der ein paar Reihen weiter noch Papa und Schwester dabei hat. Die Koblenzer rechts können unter der Woche auch fast nie, da haben sich zwei Jungspunde breit gemacht, die schon ordentlich Pommes- und Bier-Sauerei unter sich angerichtet haben - skeptische Blicke erst, aber sind patente Burschen. Dürfen öfter kommen. Und dann Falco: „Hasse schon gehört? Dirk hat seine Dauerkarten abgegeben!“ Was? Kann doch nicht wahr sein! Ihn sieht man ja seit letzter Saison bei Heimspielen eh nur noch aus der Ferne, weil er da unten auf dem Rasen mit dem Mikro jonglieren muss, aber was ist mit dem Rest seiner Gang? Kommt keiner mehr vorbei? Das werd´ ich später verifizieren, ob das nicht nur „für ein Jahr“ ist, aber jetzt deprimiert mich das erstmal. In den beiden Reihen vor uns gibt´s noch weitere Plätze, die angeblich anderweitig vergeben sind diese Saison - das ist ja, als hätte man plötzlich Fremde im Wohnzimmer sitzen, die einem mitteilen, das sie jetzt hier wohnen. Steht nicht im Dauerkarten-Vertrag irgendwo, dass man bei Abgabe der Plätze die Nachfolger erstmal den Block-Kollegen präsentieren und von denen abnicken lassen muss?
Ach, seufz. Ersma Kopp in die Hände, und mit Welpenblick die Arena abchecken jetzt. Was hat sich geändert? Irgendwas neu? Die Banner da oben hängen ja schon länger, seit wann, darüber gibt´s ne kleine Diskussion, aber wir kommen nicht drauf. Rund um den Rasen stehen jetzt niedrige Reklametafeln - elektronische, wie sie in Spanien schon seit Jahren üblich sind. Darauf wälzen sich Sprudelflaschen hinter´m Tor herum und flackern und blitzen Werbesprüche, für sich die kein Schwein interessiert. Der Torwart steht ja mit dem Rücken zu dem Zeug, aber die Stürmer werden wohl alle mit Sonnenbrand nach Hause gehen, dermassen verstrahlt sie das neumodische Zeug. Als stünde man vor Tausend Flachbildschirmen, schätze ich. „´Reifen Tanski´ und ´Baumaschinen Hinnebusch´ laufen da wohl nich´ drüber“ mein ich, und Artur erzählt von prägenden Erlebnissen mit „Tillmann´s Hackfleisch“. Alles passé. Die Werber von Heute sind große Läden, dieselben, die überall auftreten, und deshalb schon von vornherein nicht der Rede wert.
Neu auch: der Kabinenausgang. Wo früher blaues Stahlgeflecht nach siebziger Jahre aussah, da ist jetzt ein flaches Vordach, beleuchtet, und offenbar schief angebracht steht „FC Schalke 04“ drauf. Na, ganz passabel, auch wenn´s ein bissel an „Autohaus“ erinnert. Und dann ist da noch die Nordkurve: Vor der fehlt das Podest für den Vorsänger der Ultras. Simon darf dieses Jahr nicht kommen, und das liegt nicht an seinem Schatzi, und deshalb haben die, die „immer in Klumpen auftreten“, wie meine Ausländerin mal so treffend bemerkte, einen Neuen, der aber mangels Podest wohl irgendwo im Block stehen muss. Ob das nur wegen „Europapokal“ so ist?
Ich horche auf, am Mikro spricht grad einer, dessen Akzent schlägt ein wie ein Blitz: der kommt aus meiner Heimat! Ein „Moobojer“ - aus Marburg also! Ma genau gucken, ob ich den kenn´, sieht aber nicht so aus. Dirk stellt ihm gute Fragen, und der Landsmann antwortet, wie es so unsere Nordhessische Art ist, äußerst eloquent, geschickt, schlau und liebenswert. So sind wir halt! „Was ist denn bei euch so die größte Stadt?“ will Dirk wissen, und erhält zu recht die Antwort „Marburg natürlich, was anderes gibt´s da ned!“. Ob sie hier übernachten würden? „Nein, morgen wird wieder gearbeitet, damit wir uns die Eintrittskarten für´s nächste Schalke-Spiel kaufen können!“. Marburg is´ schon gut, und das nicht nur, weil wir da die Bayern mal in´nem Freundschaftsspiel vernichtet haben (wie sich bestimmt jeder erinnern wird, gelle?). Weshalb ich so deppert grinse, will meine Ex-Europameisterin wissen. Schon gut.
Dirk erzählt, dass er das ja jetzt noch ein weiteres Jahr mache, und führt den „ersten Soundcheck der Saison“ durch. Das „Hey“ der vier Tribünen kommt deutlich leiser als sonst, aber Dirk lässt´s durchgehen, zischt nur mal was von „Ponyhof hier…“. Die Spanier werden extra begrüßt, und dafür packt er sein gesamtes Vokabular aus: „Ola!“. Sauber! Die Gäste sind, für iberische Verhältnisse, ganz zahlreich erschienen. Die „Besseren“ unten auf der Haupttribüne, der Rest im Eck über dem Gästeblock. Über? Ja, denn der „Glaskäfig“ sitzt heute offenbar voller Schalker, und die Atletico-Fans haben die Plätze obendrüber. Es gibt einen großen deutschen Atletico-Fanclub, und deren Banner prangt groß und breit da oben - ich schätze, ein Großteil der Jungs in Rot und Weiss da oben sind gar keine Spanier. Sie bemühen sich sogar ab und zu ein Liedchen zu singen - mit Ausnahme der Helden aus Sevilla ist man das von diesen Landsleuten ja gar nicht gewohnt.
„Und heute extra leise, damit man euch auch hört, euer, unser Vereinslied!“ ruft Dirk, und dann singen 60.000 „Blau und Weiß“, und da geht dir das Herz auf. Is´ doch schön, endlich wieder in der Arena zu sein. „Der Steiger kommt“, und mit ihm die Gänsehaut. Dann „Status Quo“, und Wind kommt auf durch Millionen geschwungener Schals. Da stehen die Mannschaften jetzt auf dem Platz, und wir wundern uns, dass „Status Quo“ nicht wie sonst abgewürgt wird duch die „ChampionsLeague-Melodie“ - und da erst fällt mir auf, dass auch alles andere, was bei diesen Spielen sonst so da ist, heute fehlt: Das Banner auf´m Mittelkreis, die anderen Werbebanderolen, „FairPlay“- oder „Anti-Rassismus“-Ansagen, die explizite Begrüßung der Gäste in Landessprache (oder hab ich die verpasst?) und so weiter. Also zählt die Qualifikation noch gar nicht richtig, so ist das! Vor der Nordkurve wird ein großes Transparent hoch gehalten: „Adios Rafinha! Kohle kassiert, aber nix kapiert!“. Man verzeiht dem kleinen Brasilianer, der so leicht fällt, nicht, dass er uns für die Teilnahme an Olympia im Stich lässt. Heute hat er beim dritten Sieg der BlauGelben wieder auf´m Platz gestanden, wenn auch nur kurz. Das ist ihm wichtiger als Schalke. Ob sich das nochmal einrenken lässt?
Die Balljungen von der Schalker B-Jugend haben ihre Plätze eingenommen, Marvin Grumann da direkt unter uns. Wegen der neuen Elektronik-Reklame können sie nicht mehr auf dem Rasen hocken, sondern müssen hinter diesen Teilen auf dem Geländer sitzen - ob das die Leute in den ersten Reihen nicht stört? Und: ein Querschläger genügt, und die Hoffnungen aus´m Schalker Nachwuchs segeln hundert Meter in den Betongraben. Ob unser Medicos auf sowas vorbereitet ist? Na, die werden schon wissen, was sie tun…
Los geht´s - Fred Rutten pfeift die Partie an! Was? Das ist gar nicht Fred Rutten? Ne, geht ja gar nicht, der ist ja unser neuer Trainer - aber offenbar hat er einen Zwillingsbruder, denn der Mann in den hässlichen, schwattgelben Farben da, der sieht ihm aus der Ferne zum Verwechseln ähnlich.
Das Spiel ist der Hammer! Schalke überrennt Atletico, und schon nach 04 Sekunden oder so muss Rakitic das 1:0 machen. Muss!!! Aber er schießt aus acht Metern wieder genau auf den Torwart, wie schon am Samstag in Homburg. Junge, guck dahin wo der Ball hin soll, nicht dahin, wo der Schnapper steht! Mann, ist das ärgerlich! Aber so geht´s weiter. Schalke spielt, zeigt feine Angriffe, und unterschiedliche dazu. Farfan rechts draußen wieder eine Sensation, den kriegen sie nicht in den Griff. Jones erstaunlicherweise nach vorne fast besser als nach hinten, und Ernst wieder souverän. Wie schon in den letzten Spielen: Engelaar und Rakitic schwächeln, da stimmt was nicht. Trotzdem hat Rakitic auch die nächste Riesen-Chance, kommt drei Meter vor der Kiste aus spitzem Winkel mit der Rübe an den Ball - aber der wischt am langen Pfosten vorbei. Schade, wär ein schönes Tor gewesen.
Dieses schöne Tor macht schließlich Christian Pander. Schon als Westermann gelegt wird, da halbrechts vor´m Strafraum, springen die Leute auf, denn sie wissen: Das ist die Pander-Pracht-Position! Und wirklich, das „Fertigmachen zum Jubeln“ ist berechtigt, perfekt schlägt die Pille ein, und die Arena explodiert! Schalke führt! Außergewöhnlich für eine Auftaktpartie in diesem Wettbewerb, bisher gab´s immer nur „zu Null“-Heimniederlagen, aber diesmal ist das anders. Die Arena steht Kopf und die Hoffnungen wachsen in´s Unermessliche. Die Blauen machen weiter Druck, und hinten hält der hervorragende Bordon alles bestens zusammen. Eine Schrecksekunde gibt´s trotzdem: Ujfalusi spritzt an der Strafraumgrenze dazwischen und spitzelt die Pille zum Tor, wo Schober sie aufnimmt. Da bleibt mir das Herz stehen, das ist ja eine fast 100prozentige Wiederholung der furchtbaren Szene aus´m Mai 2001 - nur diesmal stehen die zwei ja in unterschiedlichen Mannschaften, und da kann´s ja kein Rückpass sein - war´s damals zwar auch nicht, aber da gab´s ja diesen Zahnarzt, und ach… ich brauch wirklich zwei Minuten um mich wieder auf das Spiel hier zu konzentrieren, und das lohnt sich, denn Schalke ist wirklich gut. Wirklich gut!
Zur Pause sind die Leute glücklich - eine der besten Halbzeiten seit langer, langer Zeit. Klasse Kombinationen, hoch überlegen obwohl der Gegner auch nicht schwach ist. Zufrieden schnattern wir unter dem geschlossenen Dach die viertel Stunde weg, lauschen halb der „Böklunder-Fanbox“, in der sich heute einer durch explizites Schweigen hervortut, und wo sich ein Opa gegen seine Enkelin wehrt: Als sie in´s Mikro ruft, dass sie den Opa heute das erste Mal mit in die Arena genommen habe, und jeder schon denkt „Ou, ein Tourist“, da lehnt er sich vor und stellt klar: „Ich war schon 1937 in der Glückaufkampfbahn!“ - Mann, was muss der erzählen können!
Jetzt fallen uns auch die Werbebanden wieder auf, erstaunen uns dadurch, dass sie offenbar nix Weißes mehr anzeigen können. Vor´m Spiel ging das noch, aber jetzt scheint nur noch „Rosa“ drin zu sein. Komisch. Auf´m Rasen jongliert derweil Erwin in seinem Plüschkostüm und Wattefüßen Schuhgröße 80 unglaublich gut mit dem Ball, da staune ich wirklich. Vielleicht sollte er die Treter unserem guten Kevin leihen, dem gelingt´s heute wieder nur äußerst selten mal, unfallfrei die Pille anzunehmen. Die Pausenstände der andere Qualifikationsspiele: Twente noch 0:0 gegen Arsenal, und, unfassbar: Famagusta führt 2:0 gegen Olympiakos. Gibt´s doch nicht. Die in der ChampionsLeague, und Schalke oder Atletico draußen?
Weiter geht´s, und schnell tritt die Ernüchterung ein. Schalke steht jetzt viel tiefer. Viel, viel tiefer. Warum? Das ist schade, denn jetzt übernimmt Atletico die Initiative, und die Knappen reagieren nur noch. Höwedes, der wieder eine klasse Partie abliefert, hat´s jetzt schwerer, kommt zweimal in Verlegenheit, aber einmal Bordon, dann Schober mit Glanzparade, bügeln die Patzer aus. Die Patzer von Schober, dessen Abschläge immer zum Gegner gehen („Hat der das bei Rost gelernt???“ ruft Artur verzweifelt), bügeln alle aus, die in seiner Nähe sind - dazu gehört sogar Farfan, der bis zur eigenen Grundlinie verteidigt. Unglaublich, wo der sich alles rumtreibt.
Weil Schalke jetzt weniger tut, weniger gefährlich ist, verfällt die Arena in Schweigen. Rechts oben die „Supporters“ tun ihr bestes, wann immer sie etwas anstimmen, wird es von der ganzen Hütte übernommen, aber dann auch schnell wieder beendet. Da unten fehlt das Feuer, da springt´s nicht mehr über. Die Spanier sind auch nicht gefährlich genug, um einem richtig Angst zu machen. Klar, haben einmal aus bester Position einen Freistoß, und ich denk schon darüber nach, was man auf diesen elektronischen Werbebanden einblenden könnte, um den Schützen heftigst zu verwirren (Irgendwas über seine Frau vielleicht, soll bei Fußballern ja manchmal wirken), aber das ist gar nicht nötig - die Kugel schlägt irgendwo im Arena-Dach ein. Mehr aus Spaß rufen wir das von den Andalusiern gelernte „Uiii“, wann immer Atletico mal versucht, auf´s Tor zu schießen - auch wenn die in Madrid bei verpassten Chancen wohl eher „Aisch!“ schreien, wie wir da mal erlebt haben. Wirklich ernsthaft, und erschreckt, schreien wir auf, wann immer einer der Guten gefällt wird. Westermann wird das Knie zertreten und wir sind schon ganz blass, aber der Ex-Armine berappelt sich wieder - und dann wird Farfan umgenietet wie in einem Stuntfilm, unglaublich. Überschlägt sich achtzig mal und bricht sich alle Knochen, bleibt liegen wie ein Häufchen Elend. Der Schiedsrichter pfeffert die „Gelbe“ derart rasant nach oben, dass ihm beinahe der Arm abreißt, aber unserem Peruanischen Wunderstürmer nützt das nix mehr - die Schulter ist im Arsch, äh, jetzt nicht wirklich, aber da, wo sie hingehört, ist sie jedenfalls nicht mehr. Alles kaputt. Wird behandelt, versuchts noch zwei Minuten geht nicht. Der 10-Millionen-Mann ist aus dem Spiel, und das für länger, so wie´s aussieht. Erst das mit Dirks Dauerkarten, und jetzt auch noch Farfan. Oweh.
Jefferson Farfan ist raus, und das Spiel bricht zusammen. Madrid kann nix, und bei Schalke fehlt jetzt jede Inspiration. Und dann fliegt bei Atletico noch einer mit Gelb-Rot vom Platz, schleicht in Super-Zeitlupe vom Rasen, und danach kommen auch die RotWeissen nicht mehr vor´s Tor. Manche der Fans auf den Tribünen werden ungeduldig, es gibt sogar Pfiffe bei einem absolut notwendigen und richtigen Rückpass von Ernst zu Schober - wohl doch zuviele Ergebnis- statt Fußballfans hier. Und außerdem: Letztes Jahr sind wir jedesmal so richtig eingebrochen, wenn wir in Überzahl spielten, wurden von Valencia und Porto vorgeführt, dass wir uns bis heute dafür schämen - aber heute, da sind wir eine Klasse besser. Kriegen selbst nix mehr zustande, der Gegner aber auch nicht. Die Partie ist gelaufen. Da helfen auch die Auswechslungen, u.a. schleppt sich Rakitic mit allerletzter Kraft zehn Minuten lang zur Seitenlinie, nix mehr.
Ab der 80.Minute laufen spanische Durchsagen in der Arena, sicher irgendwas mit „sollen für die Schalker schomma dat Bier kaltstellen in Madrid“ oder so. Und natürlich gehen die ersten heim, aber ich glaub, es sind weniger als sonst. Und dann ist es vorbei - Schalke siegt im Hinspiel der ChampionsLeague-Qualifikation gegen Atletico Madrid, und Millionen springen auf, frenetischer Jubel brandet durch´s Rund, und die Leute stehen stundenlang feiernd auf ihren Sitzen. Oder, äh…. ne, moment ma - acht Sekunden nach dem Abpfiff sind 40.000 schon zum Ausgang raus und verschwunden. Verblüffend. Der Applaus ist unglaublich dünn, und als die Mannschaft, erstaunlicherweise ziemlich zögerlich, zur Nordkurve kommt, da wird sie da nur noch vom „Klumpen“ und einigen Hundert anderen empfangen. Entsprechend kurz fällt das Feiern aus, und schon zieht´s die Spieler zu den Katakomben.
Immerhin einem halben Dutzend fällt unterwegs auf, dass das Stadion mehr als nur eine Tribüne hat, und so erhalten auch wir noch Besuch, wenn auch nur von Wenigen. Der Schreck fährt dem gesamten Block in die Glieder, als neben uns die „Poltermama“, die sonst immer nur was gegen Türken hat, wie ein Furie zu kreischen beginnt: „Erst scheiße spielen, und dann nich in die Kurve kommen, die ARSCHLÖCHER!!!!“. Ich glaub, irgendwann werf´ ich die Irre vom Balkon. Artur verrenkt sich beim Koppschütteln den Halswirbel, auch nich gut sowas.
Unten hat der Dirk jetzt unseren Torwart am Mikrofon, lobt ihn für sein abgeklärtes Spiel. Die Abstöße erwähnt er nicht. Vor´m Spiel hat er Asamoah als „dienstältesten Spieler“ vorgestellt - ob das nicht eigentlich der Mathias Schober wär, mit seinen Jahren in der Schalker Jugend? Unser Schnapper freut sich. Dass er gespielt hat, dass es zu Null ausging, dass er gelobt wird, und dass wir gewonnen haben. Netter Kerl, der. Wie alle Schalker.
Ganz zufrieden ziehen nun auch wir aus. In der Arena ist kaum jemand verblieben, ich glaub´, so schnell hat sich die Butterdose noch nie geleert (außer damals, beim allerersten ChampionsLeague-Spiel hier überhaupt. Da gingen die ersten, auch wir, schon nach zwanzig Minuten. Die Meisten waren gar nicht erst gekommen. Aber das war der 11.September 2001, und keiner wusste, ob´s nun Weltkrieg gibt oder was da überhaupt los war…)
Die, die drinnen fehlen, die stehen offenbar alle draußen vor dem Trampelpfad zu den Parkplätzen. Ein unglaublicher Stau! Sowas hab ich da auch noch nicht gesehen, so lange nach Schlusspfiff, wo die Massen schon längst abgehauen sind. Offenbar liegts an dem Graben, der hier frisch neben dem Pfad ausgehoben wurde - wahrscheinlich schauen alle nach, ob das mal ne Bierpipeline wird und wie man da rankäme?
In SuperSloMo bewegen wir uns mit der Menge vorwärts, schieben uns am „Nur FÜNF EUROO!“-Schalmann vorbei, der offenbar alle Mützen und Fahnen schon losgeworden ist. Hinter uns singt eine Bande Jungspunde mit ziemlich angegriffenen Stimmen Lieder, die immer weniger jugendfrei werden. Während meine Griechin die Stirn runzelt, beginne ich zu lächeln, fühl mich etliche Jahre jünger. Solches Gesangsgut ist wohl wirklich nur was für Jungs.
In der Kneipe am „SportParadies“, die wir nach gefühlten drei Jahren erreichen, läuft noch Fußball. Die anderen Ergebnisse, Twente hat verloren, Famagusta 3:0, unglaublich. Dann ein Interview mit Fred Rutten, und wir hören, dass es Farfan wirklich schwer erwischt haben soll. Das schlägt auf den Magen - in drei Tagen beginnt die Bundesligasaison, und der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte, der beste Mann der Vorbereitung und auch des heutigen Abends, wird mit übler Schulterverletzung für Monate ausfallen, vielleicht sogar die ganze Hinrunde.
„Dat war´s dann mit der Meisterschaft“, das hört man hier an jedem Tisch. So früh haben wir, glaub´ ich, das letzte Mal die Titelhoffnungen begraben, als wir in der zweiten Liga antraten…
Dabei war´s ein guter Abend AufSchalke. Wie immer mit flauem Gefühl hingefahren, aber dann sehr glücklich, in der Blauen Hütte zu sein, bei den Kumpels, und zuzusehen, wie NullVier endlich wieder attraktiven Fußball spielt - hoffentlich auch noch ohne Farfan - und das Hinspiel in der ChampionsLeague-Qualifikation mit 1:0 gewinnt.
In zwei Wochen, in Madrid, da machen wir die Spanier platt, das ist doch klar - ich kann´s kaum erwarten!



Einträge (RSS)
Danke Matthes,
eigentlich sollte ich Brötchen holen, doch meine Familie muss warten bis ich zu Ende gelesen habe. wird wohl doch ein Brunch heute…
Man sieht, dass Du viel zu lesen scheinst. Ich erkenne da so einige Stile wie Ephraim Kishon (Die beste Ehefrau von allen…) oder auch Herbert Knebel mit seinem Ruhrpott-Slang (Boah glaubse…). Das gepaart mit Deinem eigenen Stil - perfekt!!!
Zudem erfährt man so, was in jedem einzelnen Block der Arena, an jedem Stand im weiten Rund und selbst auf den Autobahnen in Gesamt-NRW so passiert. Wozu brauch ich da meine Jahreskarte? Habe sie aus diesem grundefür diese Saison abgegeben!
Der „Moobojer“ aus deiner Heimat ist übrigens der aktuelle Oberbürgermeister Egon Vaupel gewesen. Mir kam er auch gleich bekannt vor :-)
@smyrkel:
Kishon hab ich das letzte mal gelesen, da bist du wahrscheinlich grad´ eingeschult worden, Schalke war noch nie abgestiegen, und ich probierte grad meine erste Zigarette - und Herbert Knebel kenn ich ernsthaft nur dem Namen nach. Dat wahre Leben genücht da völlich ;-)
@Manuel:
Witzig! Ich hab ihn nicht erkannt, dafür bin ich zu lange weg aus der alten Heimat - aber der Dialekt war unverkennbar. Im Stadion dachte ich noch, “Guck ma, der spricht besser als´n Politiker!” - so kann man sich irren!
Hee Matthes, jetzt willze mich aber beleidigen wass? Als ich eingeschult wurde (1969), da bist Du noch mit Deinem Papa übern Zaun gesprungen! Oder sollte ich das als Kompliment auffassen, dass ich mich trotz meiner Leibesfülle noch ganz gut gehalten habe?
Apropos Dialekte und Slangs… Es wäre doch mal interessant Berichterstattung in anderer Mundart zu machen, so frei nach Knebels Motto…:
Boah glaubse, weiß wat mich sait letzn Mittwoch so richtig die Plauze am rumoren lässt? Dat war als die Toreros von Madrid dachten, der Fanfare (Farfan) wär gez so’n Stier und den musse umlegen. Ja, und da hamse ihn praktisch aussem Leben gekloppt, also gez aussem Schalke-Leben mein ich. Hörma, wenne gez für so’n Stier 10 Mios an Penunsen raushaun tus, dann willze auch wat von ihn haben. Normal musse den nach’n Spiel in so ne Holzkiste mit Watte drin reinpacken, dat dem nix passiert und dann so wat. Also, wenn dat mitte Champignongs-Liga nix wird, fliech ich höchst persönlich selbst an’ Ballermann und mach den sein Namen alle Ehre. Dann nehm ich allet wat nach Spanier aussieht auffe Hörner, obwohl hoffentlich treff ich da kein ausse Nachbarschaft? Der Kegelclub vom Rudi Koslowski und die Elsbeth, die wollen da nämlich hin und aussen Eimer den Sangrita saufen…
So oder ähnlich könnte ein Bericht aussehn, vielleicht sogar in einer besonderen Rubrik! Wie wäre der gleiche Beitrag auf “Moobojer’sche Art”?
Nur mal so als Anregung und heitere Auflockerung.
Natürlich habe ich meine Karten bis Saisonende abgegeben…………….sollte ich die Plätze leer lassen ?????
:-)