”Gumma, es is so kalt, die Leute kaufen schon Frostschutzmittel!” sag ich zu meiner besseren Hälfte, als wir an einer Autobahnraststätte jemanden sehen, der knallblaue Flüssigkeiten kauft. Die Griechin rollt die Augen: “das ist was zum trinken!”. Oh. Neumodischer Kram. Uns war früher die Farbe von dem, was gekippt wurde egal - heute reicht das offenbar nicht mehr. Sieht aber echt aus, als gehörte es in den Kühler; Bei furchtbaren 14 Grad sind wir heute früh losgedüst (was für ein Sommer!), und in Bremen wartet noch dazu richtiges Sauwetter auf uns… Das wär kein schöner Tag heute, wenn da nicht eine Kleinigkeit wäre: Auswärtssieg bei Werder!

Die Fahrt gen Norden ist ganz nett, auch wenn sie mit einem richtigen Knaller beginnt, in den Sportnachrichten des Radios: “Beim Meisterschaftsfavoriten Bayern fehlen heute fünf Stammspieler, darunter Neuer, Farfan, Engelaar und Jones”. Hä? Ist da jetzt nur ein Wort falsch, oder zwei? Oder hab ich was verpasst - das Transferfenster is´ ja schließlich noch offen. “Das ist Radio Neandertal, mach dir keine Sorgen, die sind noch nicht so weit” sagt meine Ex-Europameisterin ruhig - das erklärt natürlich einiges.

Dachte schon, ich wär immer noch durch den Wind, von Gestern. Eigentlich stand ich vor der Wahl, den Freitag Abend zu verbringen beim Sommerfest einer großen Deutschen Unternehmensberatung, in einem wunderschönen Düsseldorfer Schloß, oder bei Dauerregen in einem nicht ganz so hübschen Stadion in Essen zu stehen, zusammen mit 11.000 beim einstigen Randalegipfel RWE gegen Schalke Zwo. Natürlich fiel die Wahl auf Letzteres, aber am Ende machte die Arbeit einen Strich durch die Rechnung, und es gab weder Bratwurst noch Kaviar, sondern ConferenceCalls. Seufz. Und haushoch verloren haben wir auch noch…

Ich leide also schon unter Fußballentzug als es endlich nach Bremen geht. Bis auf heftige Graupelschauer bei Münster bleiben wir von Wetterkapriolen verschont. Viele Blaue sind unterwegs, manche winken ganz euphorisch herüber. An der schon erwähnten Raststätte ruft einer davon von weitem meinen Namen und meint “wir haben euch verfolgt!”. Hab mir doch nix zuschulden kommen lassen? Ne, wahrscheinlich hoffen die einfach nur auf meinen legendären Orientierungssinn: der führt uns 30 Kilometer vor Bremen nämlich auch heute wieder von der A1, weil, soll Mords Stau geben vor Hemelingen, und so kreuzen wir über Land bis Delmenhorst, beschauen uns eher zufällig und ungewollt ein paar Kilometer Niedersachsen und kriegen dann doch noch die richtige Kurve bis nach Bremen hinein.

Im Radio (nein, diesmal nix mit “alte Knochen”) spricht Klaus Allofs, ist leicht genervt, weil die Dame ihn ernsthaft fragt, ob´s noch Karten gäb für´s Spiel, “nein, äh, das ist schon lange ausverkauft..” - man kann praktisch hören, wie der Ex-Fortune die Augenbrauen hochzieht und sich überlegt, ob er nicht Besseres zu tun hätte. Und dann will die gute Frau auch nur noch Sachen wissen über Schalke. Wie´s dem Özil denn geht, und dem Boenisch. Hihihi. Von Testroet weiss sie nix. Na, das kommt noch.

Als wir endlich alle Staus und Baustellen in Nordeuropa abgeklappert und umfahren haben, entern wir die Hansestadt von Nordwesten, und fahren so also mitten durch´s Stadtzentrum, lassen den Plan, wie üblich am P+R an der A1 zu parken, sausen, und quetschen uns in die Seitenstraßen am Weserstadion. Seit letzter Saison ist das Gebiet nördlich der Stader Straße nur noch für Anwohner frei, aber wir finden was ganz in der Nähe, werfen Schal und Jacke um, holen den Regenschirm aus dem Kofferraum - und sofort beginnt es zu tröpfeln. Phantastisches Timing! Ein paar Schalker stürzen zum Auto direkt hinter uns, und ich fürchte schon, man dürfe hier nicht stehen bleiben - aber ne, die Soester haben nur ihre Eintrittskarten in der Karre vergessen. Uff.

Im Regen geht´s zu Fuß die paar Schritte zum Osterdeich, und dann diesen entlang auf das Stadion zu. Hier entschied sich vor ein paar Monaten das Schicksal unseres letzten Ex-Trainers. War eigentlich das beste Fußballspiel der ganzen Saison, ging aber ziemlich knapp mit 1:5 verloren. Wusste man gar nicht, ob man traurig sein sollte oder nicht. Naja. Inzwischen ist Mirko Slomka ja auch nicht mehr auf der Gehaltsliste, fürstlich ausgezahlt worden - aber offenbar nicht fürstlich genug. Beim Jubiläumsfest der AWD in Hannover vor ein paar Wochen, da wurden LKW-weise A-, B- und C-Promis beigeschafft. Von Kofi Anan, der eine feine Rede hielt und sicher richtig viel Geld dafür kassierte, über Ex-Kanzler Schröder (der auch sprach, was sich aber sicher keiner gemerkt hat) bis Ex-Trainer Slomka, der für ungleich weniger Penunzen auflief und schwieg. Gut, irgendwie muss man die Zeit ja totschlagen - und wenn man für´s “auf Party gehen” noch bezahlt wird…

Unten, auf den frisch asphaltierten Busparkplätzen vor´m Stadion, wo abgehärtete Schalker einer verdutzten Polizeistreife erklären, wieso sie hier im Regen grillen, rollt eben das weiße Gefährt aus dem Märkischen Kreis aus, das wir auf der Autobahn noch überholt hatten - erst jetzt seh ich, dass da vorne Tom und ToKo sitzen, die winken wie bekloppt und freuen sich, dass sie im Trocknen sind, während wir hier oben von kaltem Wind das Wasser in´s Gesicht gefegt bekommen. Ist das schön!

QUIETSCH!!!! Ach du Scheiße! Um ein Haar wär ich überrollt worden von einem eiligen Grünen. Hält verdutzt seine Lila Pappkarte mit “VIP Schalke” an die Scheibe, damit man ihn auf die teuren Parkplätze lässt und hat mich träumenden Knappen übersehen. Die Griechin guckt giftig, aber is ja alles gut gegangen. Wenn schon, dann lass ich mich nur nobler überfahren - seit ich einst in London beim Überqueren eines Zebrastreifens Prinz Charles in seinem Aston Martin zu ner Vollbremsung zwang (was fahren die auch auf der falschen Seite!), bin ich da wählerisch.

Vorne am Stadion ziehen zwei Kindergruppen durch die Menge. Einlaufkinder vielleicht? Die einen in Werder-, die anderen in Schalke-Klamotten. Die Grünen sind ganz eingeschüchtert, werden von den Erwachsenen an die Hand genommen, während die Blauen sich lautstark bemerkbar machen, “SCHALKE! NULLVIER!” im Wechselgesang mit sich selbst, und vor ihnen teilt sich die grüne Masse verdutzter Fans.

Dann sind auch wir da, werden empfangen von Herrn Frings. “Ich will dich!” steht auf nem großen Plakat, der Lutscher will mich als Werder-Mitglied gewinnen. Ne, da kannste lange warten. Das können die Schalke-Fans auch, die sich am üblichen Gästeeingang an Tor 10 eingefunden haben. Wie immer ordentlich Andrang, aber wir haben diesmal eine Alternative entdeckt. Direkt nebenan, an Tor8, steht kein Mensch - und von dort kommt man auch in den Gästeblock! Die Ordner schlagen sich fast darum, uns abtasten zu dürfen, sind wir doch die einzigen “Kunden” für sie. “Was heisst denn F.B.I.S?” frag ich die Bemühten, die das auf der Kappe tragen. “F.B.I Security” sagt einer stolz. “Äh, und?” “Wie, und?” “Das F.B.I - muss doch auch für irgendwas stehen!” - aber das überfordert die uniformierte Gruppe jetzt. Steht offenbar wirklich für nix, oder die haben da noch nie drüber nachgedacht. Besser nix mehr sagen, bevor die unwirsch werden. “Der Schirm kommt aber nicht mit rein. Metallspitze!” dröhnt einer, und also liefern wir die Greuelwaffe demütig ab, erhalten dafür einen Abreisszettel mit Nummer drauf. 158. Quersumme 14. 1:4 geht´s also heute aus. Vor wichtigen Spielen berechnet mein Hirn solche Omen von ganz allein…

Jetzt sind wir drinnen, passieren die legendären Toiletten des Weserstadions - die sind jetzt noch einigermaßen erträglich, gegen Spielende werden sie aussehen als wären sie geflutet worden mit allem, was man eigentlich besser nicht erwähnt… Erstma für HappaHappa und GluckGluck sorgen, was gar nicht so einfach ist. Wie in der Schalke Arena kann man sich auch hier links oder rechts anstellen, aber hier beachte man die Feinheiten: Links arbeiten drei, die starren die Kassen an, als sähen sie sie zum allerersten mal. Offensichtlich völlig überfordert, vertreiben ihre Zeit mit “Kleingeld sortieren” und bedienen niemanden. Da die Schalker ganz vorne schon heftig geladen haben, macht ihnen das nix aus, die stehen da und träumen. Die dahinter warten und sagen nix. Die stehen bestimmt nächste Saison noch alle da. Zusätzliche Verwirrung gibts, weil einige der Schalker glauben, das liefe hier wie in der Arena: Links nur Essen, rechts nur Getränke. Dass man hier beides auf beiden Seiten bekommt (falls man bedient wird), das können manche gar nicht fassen. Is aber so!

Bewaffnet mit einem “Almeida”-Becher und mit erträglicher Bratwurst stiefeln wir in unseren Block, erste Reihe Oberrang, diesmal weiter links, Sicht passabel. Unten werden gerade erst die Kreidestriche gezogen, haben wohl Angst, dass die sonst vom Dauerregen weggeschwemmt werden. Kaum Bekannte hier auf der Seite, aber denkste: “Ihr wart doch auch in Homburg!” sagt einer neben uns, und da können wir nicht widersprechen. Hoffentlich haben wir uns da benommen, wüsste nicht, wieso man sich sonst an uns erinnern sollte. Von hinten wirft sich ein fröhlicher Blauer über mein Weib, im verzweifelten Versuch, weiter unten seine Angebetete auf sich aufmerksam zu machen. Ein glatter Fehlschlag. Sein Schatz sieht ihn nicht, und mein Schatz, eingequetscht zwischen Beton, Plastik und Knappe wird grantig. Oh-oh. Natürlich bin auch ich ein bisschen schuld, aber der Hauptzorn entlädt sich schon am eigentlichen Übeltäter. Das ganze Spiel über, und noch darüber hinaus, wird sich der Bube mehrfach bei uns entschuldigen für seine hormongetriebene Tat. Na, so schlimm war´s jetzt auch nicht.

Schlimmer ist da schon das Geschrei des Stadionsprechers. Beziehungsweise der zwei Stadionsprecher. “FRINGS FRINGS FRINGS!!!” plärren sie, als sie den “Spieler des Monats Mai” verkünden (super, oder? Und wer war´s im April 1812?) und wir lachen uns scheckig als passend dazu auf der Anzeigentafel eingeblendet wird, das Torsten Frings “Hausarbeit hasst”. Ehrlich, das steht da! Bei allen anderen, die sie so beim Aufwärmen mal einblenden, wird erwähnt, dass sie x Tore in y Spielen gemacht hätten. Aber Frings: “hasst Hausarbeit”. Grandios. Da haben wir die Vorstellung des Werder-Keepers schon hinter uns, da muss man sich jedes Jahr die Ohren zuhalten: “GEBT MIR EIN L! GEBT MIR EIN U! GEBT MIR EIN “SCH” GEBT MIR EIN “E”!!!”, seltsamerweise setzen die das hier zu Tim “WIESE” zusammen…

Jetzt Vorstellung der diversen Kurven, unter anderem aller Schulklassen die hier nebenan hocken, dann Reklame. Wie Auf Schalke, so auch hier heute im Brennpunkt: Volkswagen. Scheinen unbedingt ihre Autos an Fußballfans loswerden zu wollen. Heute der Scirocco, “älter als ich!” meint der Bube am Mikro, das wird die Auftraggeber sicher mächtig freuen. Ein paar Bessermenschen werden an den Rasen geführt, damit sie sich dort fotografieren lassen können - bei denen sind Regenschirme mit Metallspitzen offenbar kein Problem…

Unten, im Block neben den Blauen, sitzen Bremer und Schalker vereint. Darunter zwei Nonnen mit Werder-Schals, die zum beliebtesten Fotomotiv weit und breit werden, sich selbst aber sehr interessieren dafür, was das Knappenpack nebenan so anstellt: Die Kurven zeigen ihre Fahnen, die Prostkurve (wo die Werderaner stehen) zeigt Banner, irgendwas davon, dass sie lieber Werder- als Nationalelf-Fans wären. Das Werderlied wird niedergepfiffen, ne, nicht von denen, sondern von uns, und dann singt der Schalker Block mit einer Stimme sein “Königsblauer S04” - jetzt geht´s los!

Werder kommt gut in´s Spiel, der nach sieben Jahren im Exil bei Bayern und Chelsea heimgekehrte Pizarro hat das 1:0 auf´m Schlappen, aber er traut sich nicht, die Bude zu machen. Schober pariert glänzend. Mesut Özil hat unerklärlicherweise derart zugelegt, der sieht aus, als wäre er 15 Kilo schwerer und drei Jahre älter geworden in der Sommerpause. Was kriegen die hier zu essen? Am Ball ist er allerdings so flink wie eh und je, tanzt unsere gesamte Abwehr aus, verzieht nur haarscharf. Auf der anderen Seite gibt´s Gestolper und fast die Schalker Führung, aber Boenisch hat nix besseres zu tun, als die Pille von der Linie zu kratzen. Mensch, Basti, weisste noch als du uns damals am Rande eines Nachwuchskicks versprochen hast, Werder abzuschießen? Ja, mach doch ma!

Den größten Jubel gibt´s im Rund, als die Borussen-Führung gegen die Bayern vermeldet wird - ich glaub´ da schreien selbst eine ganze Menge Blauer mit. Ne, sorry. Unentschieden ist da das einzig akzeptable Ergebnis. Höwedes hat Pizarro voll im Griff, und auch sonst geht´s zwar hin und her, aber Tore fallen keine.

Nicht übel, 0:0 zur Pause. Hatten wir das letzte Mal beim “Kabelmuffen-Match”, glaub ich. Da ging´s mit zig Stunden Verspätung los, wegen “Fernsehen kann ohne Flutlicht nicht senden”, und der inzwischen-Borusse Valdez machte gaaaaaanz spät das Tor für die Falschen. Heute wird das nicht passieren (bitte bitte). Erstmal mehr Werbung. Wieder für VW - da hier alles dreimal geschrien wird, gilt das auch für “Scirocco”, glaub ich, und für die 21.000 Eier, die die Karre kostet. Jetzt können zwei Fans was gewinnen, wenn sie das Unmögliche schaffen, und aus zwanzig Metern die Pille in einer “halben Torwand” versenken. “Halb”, weil nur ein Loch drin ist in diesem Plakat, das das ganze Tor verdeckt. Was drauf ist auf dem Plakat? Ein bestimmtes Auto, ihr dürft mal raten, welches. Der Stadionsprecher erzählt uns die gesamte Lebensgeschichte dieses Kleinwagens. Natürlich trifft keiner der Helden und so gewinnen sie nicht den Mörderpreis. Das Auto? Nein, soweit geht die Liebe dann doch nicht. Sie hätten es eine Zeit lang fahren dürfen, aber behalten? No, Sir!

Bei der Durchsage der Halbzeitstände geht ein Raunen durch die Menge. Van Bommel ist in Dortmund vom Platz geflogen! Unglaublich! Gegen uns durften die Bayern-Lieblinge immer machen was sie wollten: Tritte und Blutgrätschen von hinten (Ballack), Kopf abreissen und Karatekicks (Kahn), Ellbogen und Knöchelsteiger (van Bommel), für nichts davon flog je einer vom Platz. Meistens gab´s vom Schiri sogar noch ein aufmunterndes Lächeln, wenn ich mich recht erinnere. Van Bommel muss in Dortmund was Unglaubliches getan haben: “Napalm in den Kinderblock” oder so. Anders ist das nicht zu erklären.

Auch hier ist der Schiri wieder ungeheuer gnädig mit unserem Gegner. Boenisch ermordet Westermann? Egal. Kuranyi wird umgetreten? Weiterspielen! Ob Herr Fleischer hier die Bratwürste liefert? Na gut, passabel geschmeckt haben sie ja… Auf´m Rasen sind die Bremer jetzt wieder obenauf. Unser Mittelfeld-Gott Grossmüller übt sich weiter im Sinnieren, zählt Grashalme und so. Gegen den Ball treten, das käme ihm nicht in den Sinn. Interessiert beobachtet er, wie rund um ihn herum die Leute so unsinnig hin und her hasten, dieser runden Pille nach. Wofür unser Carlos heute eingeteilt worden ist, das würd´ ich doch gerne mal wissen… mit Fußball kann´s jedenfalls nix zu tun gehabt haben.

Rakitic immerhin bemüht sich. Aber er ist da links draußen heute irgendwie fehl am Platz, seine Dribbel-Einlagen sind geradezu peinlich berechenbar und entsprechend von absolut gar keinem Erfolg gekrönt. Selbst einer der Balljungen könnte ihm die Pille abnehmen, wenn er denn wollte. Und hinten, da stehen wir ja eigentlich ganz gut, nur Westermann, der kommt immer wieder mal in die Bredouille, weil er nicht richtig steht, nicht übernimmt, wenn die Innenverteidiger verschieben - ist nur eine Frage der Zeit bis es knallt.

Grausames Schicksal, es ist der Mesut, der den Bösen zur Führung verhilft. Lässt sich von Freund Kobi anspielen und rennt dann auf´s Schalker Tor zu, mit hundert Sachen an Höwedes vorbei, narrt ihn, flach zurück gelegt, Rosenberg macht die Beine breit und Frings tritt zu. Äh,…nein, nicht so… tritt den Ball, mein ich, und trifft das Tor. Schober zeigt keine Reaktion, die einzige Szene über die ein Matuschak sicher nochmal mit ihm reden wird. 1:0, durch FringsFringsFrings. Musste auch nicht sein, wennze mich fragst.

Aber der Schalker Block ist sofort da. Die Gesänge laut wie nie: “Immer wiiiiiiiieder Ess Null Vier!”. Alle sind sie jetzt auf den Beinen, der Käse ist noch nicht gegessen. Die Bremer scheinen erschrocken zu sein, haben fortan nur noch ein paar Konterchancen. Schalke bemüht sich, Asamoah kommt, macht sich bei mir aber mal sofort unbeliebt, hat gleich wieder nur das Standard-Programm im Kopp: “In günstige Position rennen, Ball kriegen, dann warten und hinfallen”. Arrrrgggh. So richtig dreht Königsblau erst auf, als der versonnene Philosoph Grossmüller seine Arbeit getan hat und Sanchez für ihn kommt.

Der dreht jetzt ein ums andere Mal Boenisch auf der rechten Seite ein, holt einen Eckball nach dem anderen. Höwedes muss den Ausgleich machen, einmal, zweimal, und dann macht Westermann ihn wirklich - was für ein Jubel! Fünf Minuten vor Ende! Zehntausend sind da schon auf dem Nachhauseweg, darunter viele, die im Unterrang schon kurz vor´m Ertrinken waren - in Bremen wird man halt bis auf halbe Höhe nass, wenn´s fieselt… Rund um mich rum springen die Leute, außer sich vor Glück, und ich steh da, hab die Arme oben und die Kamera noch in den Pfoten. Wie einst der Huub in Mailand komm ich mir vor, der schrieb nach dem letzten Elfer erstmal Notizen und steckte die Kappe ordentlich auf den Filzer bevor ihm der Co in die Arme sprang - und bei mir warten sie bis die RitschRatschKlick in der Jacke steckt und dann wird abgeklatscht. Die Zeit schlägt Purzelbäume, irgendwie. Von dem Moment, wo Westermann zum Ball geht bis dahin wo er die Arme hochreißt und an der Seitenlinie eingeholt wird fehlt alles, aber danach, das Springen, wie Bordon auftaucht, und Ernst, wie unten die Leute übereinanderfallen und ein Bierbecher im Schneckentempo an mir vorbei segelt und eine leuchtend gelbe Spur hinter sich her zieht, das dauert irgendwie Stunden, in völliger Stille, und ist dann plötzlich auf einen Schlag wieder vorbei, die Echtzeit hat mich wieder.

Jetzt tobt die Blaue Horde, die auf´m Platz und die auf den Rängen. Wahrhaftig noch´n Eckball, jetzt der Sieg! Aber nein, aus, aus, aus - bestimmt viel zu früh abgepfiffen, jetzt hätten wir die im Sack gehabt - was soll´s 1:1 in Bremen, das ist was wert! Jetzt kommen die Spieler in die Kurve, strahlen über beide Ohren, und die Menge feiert fast wie vor zwei Jahren, als hier in der Rückrunde die Tabellenführung übernommen wurde. Heute reicht´s nur für Platz zwei, denn der Aufsteiger aus Hoffenheim hat auch sein zweites Spiel gewonnen. Egal, die kriegen wir noch!

“Kannste mir die Fotos schicken?” will einer von nebenan wissen, steckt mir seine Visitenkarte zu - “Vertriebstrainer”, das ist irgendwie komisch. Alle hier haben so´ne zweite Welt, eine mit der sie das hier finanzieren. Denkt man sonst so gar nicht dran - hier sind alle gleich, gleich schlau, gleich schön, gleich reich, gleich durstig, gleich glücklich. Alles Schalker halt.

Vorne werden, als die Ergebnisse von den anderen Plätzen erscheinen, schon die Tipprunden ausgewertet und der Übeltäter von vorhin kommt nochmal vorbei, will sich “von Angesicht zu Angesicht” entschuldigen. Rührend. Wo wir her wären, will er wissen, und erzählt uns, er wär mit´m Bus hier, aus Gelsenkirchen. “Wir sind bestimmt die Letzten zuhause!” sagt er stolz, und ein Kumpel von weiter vorne ruft dazwischen: “Mit dem im Bus kann allet passieren! Gefährlich is dat!” - hoffentlich isser nicht der Busfahrer! Andere Bekannte kommen vorbei…man redet über Madrid, das vor uns liegt. Mancher kann nicht mit, steht beim Tagesflieger nur auf Warteliste - das drückt die Stimmung, aber irgendwann erwischt´s jeden mal.

Am Fuß der Treppe gibt´s am Container in Windeseile den Regenschirm, und den brauchen wir jetzt auch - es sifft nämlich immer noch ganz ordentlich. “He, den willst du mir doch abgeben, stimmt´s?” meint draußen ein Werder-Fan mit bemüht strengem Blick und trollt sich als ich loslache. “Ne, schon gut…”. Vielleicht hätte ich ihn doch abgeben sollen, der Schirm ist so winzig, da passen meine Weltbeste und ich zusammen einfach nicht drunter, werden beide halbseitig quatschnass.

Weiter vorne springen sich drei Klöpse in die Arme, denen man nicht unbedingt nachts in´ner dunklen Gasse begegnen möchte. Arme wie Eisenbahnschwellen, und für einen Moment guckt die Polizei aus der Ferne aufmerksam, aber die drei, zwei Grüne und ein Blauer, die kennen und mögen sich, und feiern jetzt ein Wiedersehen.

Der Hang zum Osterdeich hoch hat sich in eine Schlammwüste verwandelt, und mancher zeigt Olympia-würdige Akrobatik beim Hinaufrutschen. Ich meine “Doppelte Rittberger” und “Eingesprungene Salti” zu erkennen - zum Glück gibt´s Waschmaschinen! Oben zieht die Menge ruhig die nasse Straße entlang, vor uns ein lamentierender Werder-Papa, und ein kleines Söhnchen, das sich für ihn schämt. Der Knabe trägt den späten Ausgleich noch einigermaßen mit Fassung, will aber jetzt auch nur noch nach Hause und keine Blauen mehr sehen, während wir Schalker das Remis wie einen gefühlten Sieg feiern.

Am Auto treffen wir die Soester Jungs wieder, wünschen uns allen eine gute Heimfahrt, und stürzen uns auf die 320 Kilometer Rennbahn - Regen, Regen, Regen, bis, ein Wunder: An der Grenze zum Ruhrgebiet reisst der Himmel auf, schon über Oberhausen strahlt die Sonne, wenn auch bereits arg nahe am Horizont. Als wir in Düsseldorf das Rheinstadion passieren, ist es schon dunkel, keine Wolke mehr zu sehen, und am Firmament flackern unzählige Sterne.

1000 Feuer - nur für uns!

130 Fotos und Stadionpanoramen: Fotos aus Bremen

3 Antworten zu “SV Werder Bremen - FC Schalke 04 1:1”
  1. Krethiplethi sagt:

    Danke, ich war jetzt auch dabei!

  2. Tulpe sagt:

    Hallo Matthias,

    Ihr habt uns bestimmt auf diversen Autobahnen überholt, Stau auf der A1, wir über Land und dann auf die A28, wieder Stau, runter … :-)
    Waren 14 Uhr aber da!

    Sehr schöner Bericht!

    BWG

    Tom

  3. forum-aufschalke.de sagt:

    [... Merci Vielmals für den tollen Bericht. ...]

    [... Sehr schöner Bericht Matthias, aber der Pizarro war nur sieben Jahre im Exil und nicht neun Jahre... ...]

    [... manche Jahre zählen doppelt ;-)
    (ok, schwacher Versuch. Danke für die Korrektur! ;-) ...]

    [... Endlich haben ich bzw. wir es einmal geschafft in dem legendären Bericht vom Herrn Berghoefer zu kommen
    Als ich auf einmal das silberne GEschoss gesehen habe, war mir klar das kann doch nur der Mattes sein, von dem du dir immer die Berichte durchliest. Im Auto wollte mir keiner glauben, doch als wir ihn überholten war alles klar. Er ist es. Mit ein paar lustigen Gesten am Steuer konnte er uns die Fahrt versüßen.
    Ich hatte mal wieder Recht und wir sahen eine Schalker Legende auf der StraßeAugenzwinkern und fragten uns, der fährt doch echt überall hin, eigentlich könnte er uns junge Burschen öfters mal mitnehmen.
    Doch mehr als über den Groupie Status an der Tankstelle kamen wir nicht heraus und haben wir ihn schnell wieder verloren.
    Der Tag sollte gut beginnen ...]

    [... :-)
    Als ihr das erste mal vorbei gedüst seid, da hab ich zu meiner Weltbesten gesagt: "Guckma die, mit achtzehn Mann in der Karre, so fröhlich, die platzen gleich. Ich glaub, wennze irgendwie so Dinger wie das 1:5 vor´n paar Monaten überstehen willst, dann am besten in so´nem Haufen. Die lassen sich nicht unterkriegen, egal wie´s ausgeht."
    Dass ihr (du?) ernsthaft das Silberne Geschoss und uns zwei erkannt habt, das hab ich erst kapiert, als ich auf der Raststätte meinen Namen hörte, obwohl ihr mein wunderfeines Trikot noch gar nicht von hinten gesehen haben konntet. Komisch ist das schon ;-)

    Das, was du da schreibst, ist das Teil eures Abenteuersberichts? Kann man den irgendwo nachlesen? Erinnert mich bestimmt an meine Jugend ;-) (Obwohl, wir hatten ja damals nix. Gaaaaar nix. Schon gar keine so großen Autos wo so viele Kumpels und Kumpelinnen rein passten ;-) ...]

    [... He mattes, ich war auch einer von den "achtzehn mann" in der karre
    Der Tach war gerettet als wir das silberne geschoss gesehen haben
    Na wir sind eben große Fans deiner Berichte
    Auf ein nächstes Mal auf der Autobahn! ...]

    [... Ja das ich dich erkannt habe, das lag einfach daran, dass ich aufmerksamer Leser deiner Berichte sind. Und oftmals wird ja auch dein von dir so genanntes "silbernes Geschoss" auf diversen Parkplätzen abgebildet.
    Das ist nun mal so, du bist bekannt wir eher weniger
    Auch wenn ich es komsich finde, das wir dich früher noch nie gesehen haben.
    Naja bei uns reicht es noch auch nur für Stehplätze, du bist ja bestimmt immer im Logebereich großes Grinsen
    Ja mit dem Auto, das ist eins vom Vater gewesen, unser eigenes war es natürlich nicht.
    Das kann man sich als angehender Abiturient nicht leisten, man ist froh wenn man 30 Spieltage sieht und man sich vielleicht auch nochmal ein Sahnehäufchen international leisten kann.
    Aber man ist ja faul geworden und will nicht immer mit dem Zug fahren da trifft man natürlich auch nicht so nette und lustige Leute wie dich( ich bekomme nicht die Szene aus meinen Kopf wie du denn Rennfahrer am Steuer nachmachst )
    Leider gibt es noch keinen Abenteuerbericht von mir, dazu fehlt mir leider die literarische Ader und ganz so ein großes Abenteuer ist auswärts dann auch nicht mehr. Aber ich bin dankebar für jeden Bericht von dirAugenzwinkern
    Wollte dir mit dem Stück nur verdeutlichen, wie bei uns die Situation im Auto aussah
    Achso, selber Schuld wenn ihr beiden immer alleine Fahrt, dann schiebt man natürlich immer Frust nach Niederlagen- Das Angebot steht, ich fahre gerne bei euch mit! ...]

    [... herrlich, besonders die passagen über die beiden stadionsprecher. da realisiere ich immer wieder was wir mit unseren doch wirklich für ein glück haben. ...]

    [... Herzlichen Dank an alle Schreiberlinge! ...]

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