Racing Santander - FC Schalke 04 1:1
Geschrieben von: mberghoefer in Europapokal, Profis (758 views)
”Schalke is ma wieder wichtiger wie ich….”, seufzt das Mädel an der Theke resigniert, „seit zwei steh ich hier, ohne Ablösung - weil die anderen kümmern sich alle um Schalke…“. Es ist kurz vor 8 Uhr am Flughafen Münster/Osnabrück, und wir opfern gerade 15€ für zwei Kaffee und ein bissel was zum Frühstücken, bevor´s um halb zehn losgehen soll gen Spanien: Auswärtssieg in Santander!
Wir bemitleiden die einsame Bedienung im spärlich besetzten Café, die jetzt meint „das ist immer so, wenn Schalke fliegt!“. Aber Schalke ist doch schon gestern geflogen?! Mit einer winzigen Propellermaschine sind sie gelandet und hatten in Santander doch gestern abend wie immer ihr Abschlusstraining. „Vielleicht fliegt heute noch jemand mit. Einer der schomma zu spät kommt… Rafinha vielleicht?“ Gelächter. Das erstirbt als andere Schalker vorbei kommen und fragen, wo denn hier das kostenlose Buffet aufgebaut sei? Kostenloses Buffet? Hab ich was verpasst? Hab ich!
Wahrhaftig ist keine dreissig Meter Luftlinie entfernt, aber von hier aus unsichtbar, direkt am Gate ein verblüffend gutes Frühstücksbuffet für die Passagiere des „Übernachtungsfliegers“ aufgebaut. Also für uns. Wussten wir aber nicht, hat uns auch keiner gesagt. „Aber das ist doch immer so!“ meint eine der hilfreichen Damen, die O-Saft und Schnittchen, Obstsalat und Müsli anbietet. „Ne“, sag ich, „wir sind ja erst ein einziges Mal mit so einer organisierten Reise geflogen, der Tagesflieger letztes Jahr nach Trondheim, aber da gab´s sowas nicht.“ Da flogen aber auch nicht Olaf Thon, Peter Peters, Gerd Rehberg und alle möglichen anderen „Promis“ mit, die jetzt hier in dunklen Mänteln auftauchen und gleich mal zulangen.
Klar - das hier ist ja gar kein „Tagesflieger“. Wie schon beim Spiel auf Zypern gab es zu wenige Anmeldungen dafür und lange stand die Reise auf der Kippe. Was haben wir wieder gezittert, und wieder gab´s einigen Ärger, weil niemand sagen konnte oder wollte, wo das Problem liegt, und ob und wann denn irgendwas entschieden werde. Alternativflieger, bei denen man aber mindestens einmal übernachten müsste wurden täglich teurer. Iberia innerhalb der letzten drei Tage von 240€ auf 550€… - da hilft´s auch wenig, dass unser Präsi Schnusenberg uns Nikosia-Fahrern die Hälfte der Santander-Reise zahlen will…bis zum halben Preis des „Tagesfliegers“, der jetzt auf der Kippe stand.
Nach und nach sprangen welche ab, suchten sich andere Routen - bis vor nichtmal einer Woche endlich klar war: doch, es wird geflogen, aber zurück geht´s erst am Morgen nach dem Spiel. Wegen der Warterei wurde die notwendige Hotelübernachtung all denen „geschenkt“, die sich bis dahin noch immer nicht anderweitig orientiert hatten, und da gehören wir dazu. 349€ plus Eintrittskarte, also insgesamt 404€ (1A Zahl!) kostet uns der Spass trotzdem pro Kopf (ohne „Nikosia-Zuschuss“) - auch wenn man so eine Reise vor zwei Wochen noch für deutlich weniger Geld hätte buchen können, wir sind heilfroh, dass es jetzt doch irgendwie geklappt hat. Und geklappt hat es wohl auch deswegen, weil man die sonst mit der Mannschaft fliegenden Promis ausgelagert und in „unseren“ Flieger gesteckt hat. Na, mir soll´s recht sein.
Jetzt sitzen wir am Gate und frühstücken noch ein zweites Mal, soweit überhaupt noch was reinpasst. Natürlich bin ich wieder mords-nervös, von wegen „Fliegen“, „Nicht-selber-ans-Lenkrad-dürfen“, „ausgeliefert-sein“ und so, und auf der Toilette macht sich Klopapier-Spender „Katrin“ äußerst unbeliebt bei mir, weil sie so störrisch ist und nur fetzenweise das arg Nötige rausrückt. Nur die Ruhe! Wird schon alles gut gehen! Immerhin sind alle da, und man wird Vorstände und Aufsichtsräte schon nicht hierlassen, egal wie neblig es draußen ist. Andere hatten da weniger Glück - gestern fuhren einige unverrichteter Dinge aus Charleroi wieder nach Hause, weil RyanAir ihren Flieger gestrichen hatte. Jetzt sollen sie heute von Hahn aus abheben. Wat für ein Stress - da geht´s uns richtig gut!
Wir mussten nur knapp zwei Stunden hier hoch düsen, konnten das silberne Geschoss im Parkhaus auf Platz 04.04 abstellen (wichtig sowas!), haben von den wie immer super organisierten Mengede-Leuten die Bordkarten bekommen (vorgebuchte Plätze - leider nix für lange Beine, aber wird schon gehen), auf Nachfrage auch die „Spieltags-Schals“ (hübsch!) und feine Unterlagen, in denen uns erklärt wird, wann wo welcher Bus wieso wohin fährt und was „Santander“ eigentlich ist und was es da so ungefähr zu sehen gäbe. Top Service - auch wenn da von „Reise nach Madrid“ die Rede ist, und wir daran ja gar keine so guten Erinnerungen haben.
Holger setzt sich zu uns, will wissen was mit mir und „Aufsichtsrat“ so wäre. Das ist ein Thema, das hat sich im Schalke-Forum irgendwie verselbstständigt. „Irgendwie“ natürlich eigentlich nicht, sondern forsch platziert von Freund Rainer, der sich, wie viele andere wohl auch, gefreut hat über meine (wie ich finde) winzige Einmischung beim Thema „TausendFreundeMauer und Schwarzmarkt-Kontrollen“. Seither muss ich mich im Forum, in eMails und jetzt auch live am Flughafen dazu erklären, ob ich das wirklich wolle, man sagt mir, ich solle, und bestimmt wär´s gut und wichtig und und… und eigentlich will ich mich damit überhaupt nicht beschäftigen. Muss aber.
Grad kommt einer vorbei, der ist schon Aufsichtsrat. Rolf Rojek, humpelt ganz furchtbar. „Gestern in Wolfsburg, Sponsorentermin. Knie angeschlagen, ganz dick!“, sagt er, und ich empfehle eine Folterstunde bei Dr.Papa. So wie der immer unseren Mannschaftskapitän Bordon hinbiegt wird er sich auch um ältere Knie kümmern können. „Ne, lieber nich“, sagt Rolf, „wat kommt dat geht auch wieder!“. Na hoffentlich, so besonders gut sieht´s ja nicht aus, wie er sich da vorwärts quält.
Dann ist Boarding, endlich, und jetzt kann ja nix mehr schief gehen! Mama Neuer entdeckt uns und fröhlich sagen wir uns „Guten Tach“ - bei unserem Schnapper ist halt die ganze Familie nett - und dann hocken wir weit hinten im AirBerlin-Jet und brettern gen Süden. Unter uns Wolken, Wolken und Wolken, bis endlich, direkt über Biarritz mal kurz das Meer, die Küste sichtbar wird. Wie Urlaub! Und dann Nord-Spanien. Über Kopfhörer kann man einen schnellen Spanisch-Kurs machen und Effi, die beste Griechin von allen, merkt sich das Wichtigste. Cafe con Leche und so. Was „Auswärtssieg“ oder „Kniet nieder“ heisst, wird offenbar nicht verraten.
Nicht mehr lange bis Santander. „Bitte die Rückenlehnen und Kiefer wieder hochklappen!“ - ist aber auch zu idyllisch jetzt. Rechts der Atlantik, wilde Klippen, sanfte Strände; Links hohe Berge, Schneebedeckte Gipfel. Was für ein Panorama! Dann der Landeanflug, wir schweben über die kantabrische Bucht - da hinten liegt die Stadt, vor der vom Königsschloss gekrönten Halbinsel fährt eben eine riesige weiße Fähre aus England ein. Die Scouts von Manchester bestimmt. Die Wasseroberfläche kommt immer näher und als ich schon mal nach der Schwimmweste fummle setzen wir doch auf einer richtigen Landebahn auf. Uffff, mal wieder gut gegangen! Nein, richtige Flugangst hab ich nicht. Nur Start- und Lande-Angst.
Jetzt aber raus hier! Während die einen am Gepäckband warten müssen strömen die anderen nach draußen zu den wartenden Bussen, erstmal eine qualmen. Wir dagegen finden einen Schalter der Touri-Info, ergattern eine kleine Straßenkarte, erhalten Tipps zum „was man in fünf Stunden machen könnte“, merken uns ein paar Buslinien, und wo es nach dem Sieg noch gutes Essen gäbe. Super nützlich.
Der Pilot hatte uns noch verraten, dass das Wetter nach viel Regen in den letzten Tagen heute gut sei, nachmittags aber wieder mit Schauern gerechnet werden müsse - jetzt, Punkt 12, scheint die Sonne, siebzehn Grad! Zwei Busse warten vor dem Terminal - „Hotel Sardinero - Fans“ steht auf dem einen, „Hotel Real/Victoria“ auf dem anderen. Das ist dann wohl der für „Nicht-Fans“, für die, die sonst mit der Mannschaft fliegen also. Unser Bus hat in der Frontscheibe riesige Risse, bestimmt reiner Zufall. Na - hauptsache es hält - und Hauptsache, er fährt bald los.
Das dauert allerdings gut zwanzig Minuten. Da fällt mir das Warten schon schwer - noch scheint ja die Sonne, und viel Zeit in der Stadt haben wir ja nicht, hätten wir nicht einfach ein Taxi nehmen und abhauen sollen? So ist das halt, wenn man „organisierte Touren“ nicht gewöhnt ist… Endlich geht es aber doch los, ein Stück Autobahn, vorbei am Industriegebiet an der Bucht, dann schon fast mitten in der Stadt noch eine Werftanlage, links die Kathedrale, rechts der Hafen mit der Fähre von eben und daneben ein riesiges Segelschiff: die russische „Krusenstern“ - mmmmh, taktisch klug wär´s, jetzt hier abzuspringen, denn dann könnte man direkt mit „Altstadt erkunden“ loslegen und danach am Strand entlang zum Hotel und weiter zum Stadion laufen - aber der Bus düst natürlich weiter, die Promenade hinauf. Draußen flanieren hier und da Blaue, und im Bus bricht jedesmal Gejohle aus, wenn wieder welche erkannt werden. Und man kennt sie alle, klar.
Erstaunlich hügelig die Küste und damit auch die Stadt. Sowas erkennt man bei „Google Maps“ ja nicht unbedingt, und auch die Touri-Karte ist ganz flach - wenn man genau hingeschaut hätte, dann würde man darauf allerdings diverse Tunnel entdeckt haben, aber wir gucken lieber aus der Scheibe auf die prächtige Kulisse da draußen. Jetzt geht´s am hässlichen „Festival-Center“ vorbei den Hügel hinauf, rechts liegt das Schloss, vor uns das Meer, also 90 Grad nach links abgebogen und an tollen Stränden entlang wieder den Hügel hinab - da liegt das Casino, daneben unser Hotel, das „Sardinero“. Ein Prachtschuppen direkt am Meer, der auch schonmal bessere Tage gesehen hat,… und der Bus fährt vorbei! He! Hallo!
Es geht noch einen weiteren Hügel hinauf und hinab und so direkt vor´s Stadion - gibt´s hier noch ein weiteres Training und wir sollen da jetzt dabei sein? Nein, offenbar ist unser Gefährt nur zu lang, muss von der anderen Seite an´s Hotel andocken und wendet deshalb jetzt hier im vom Springbrunnen gezierten Kreisverkehr. Ok, wenigstens wissen wir jetzt, dass es zu Fuß vom Hotel bis zum Stadion keine zehn Minuten sind. Sauber!
Viertel vor eins, und der Doppeldecker-Bus wirft uns am Hotel auf den Bürgersteig. Die Schalker warten am Bus, keine Ahnung wieso, ich stiefel mal direkt hinüber in´s Hotel an die Rezeption und verkünde dass die Blauen jetzt da wären. Sofort holt das Mädel einen Chef in wichtigem Anzug und der redet fünf Minuten lang in bestem Spanisch auf mich ein. Währenddessen versammeln sich hinter mir die Knappen, bis die Lobby voll steht. Äh…was hasse gerade gesacht, Meister? Jetzt hält mir der gute Mann eine Liste vor die Nase, und seine Helferinnen schleppen Schlüssel herbei, und so langsam kapier´ ich. Die glauben, ich sei der Reiseleiter, und ich soll jetzt mal die Schlüssel verteilen. Moment, das mach´mer anders. Schwätzend verstehen wir uns zwar kein Stück, aber meine grandiose Zeigetechnik kombiniert damit, dass ich fast zwei Kopf größer bin als Hotel-Cheffe, hat Erfolg. Ich finde mit dem Finger meinen Namen auf der Liste, zeige übertreibend auf den passenden Schlüssel, schnapp ihn mir, und deute auf den nächsten hinter mir. Selbstbedienung. Klappt tadellos. Die brauchen keine Pässe kein gar nix hier, das geht ruckzuck, und in Nullkommanix sind wir auf´m Zimmer. Nummer 100. Knirsch. 104 wär besser gewesen, aber ok, muss halt so gehen.
Tür auf und dich trifft der Schlag: Eine Bullenhitze in der Kammer, die Heizung ist am Anschlag - die sind wohl nix gewöhnt hier. Sofort mal Heizung aus, Rollo hoch und Fenster auf: erster Stock, unter uns die Hotel-Einfahrt, davor die Strandpromenade, dahinter rauscht das Meer. Wow! Zwei Betten, einzeln, naja, Bad ist ok. Wunderbar - jetzt aber raus hier!
Draußen treffen wir sofort einige Bekannte, seit gestern hier, oder vorgestern. Auf allen möglichen Wegen angereist. „Furchtbares Wetter gestern, nur Regen!“ sagt einer und wir sind doppelt froh über den grandiosen Sonnenschein, der uns hier empfängt. Jacke über´n Arm, und im Trikot gehts den prächtigen Strand entlang. Die Wellen brechen sich an idyllischen Klippen, draußen liegen große Fracht- und Tankschiffe, Surfer und Schwimmer wirbeln im Wasser und das Leben ist großartig.
Alle paar Meter könnte ich Fotos ohne Ende schießen, und tatsächlich werden´s schließlich über 500 sein. Hierhin müss´mer unbedingt mal zurück kommen, zum richtig Urlaub machen, mit dem Auto ohne Dach. Bilbao spielt nicht zufällig auch im UEFA-Pokal?
Eine Stunde dauert der Spaziergang an den Stränden entlang bis zum Jachthafen, wo jetzt erstmal „Essen fassen“ angesagt ist. Wir setzen uns draußen in die Sonne, in ein Cafe voller Spanier, und es gibt superleckere Tapas, wunderbar! Alle Nase lang kommen andere Schalker vorbei, wollen wissen, wie´s schmeckt oder seit wann man denn da wäre. Matthes erzählt von der gestrigen Abenteueranreise, über Valladolid und per Mietwagen durch Nacht und Sturm und durch den Schnee auf den Gipfeln der Picos de Europa, die diesen Küstenstreifen nach Süden hin abschirmen. Sicher kein Spaß dieser Stunt - aber auf jeden Fall eine grandiose Erinnerung.
Immer wieder scharwänzelt unser junger Kellner um unseren Tisch herum, beäugt mein Trikot, auf dem mein Name und „Schalke“ in griechischen Buchstaben steht (musste mal was anderes anziehen, nach den Pleiten in Barcelona und Madrid) und insbesondere den extra zum Match angefertigten Schal aus´m Flieger, der prominent die Wappen von Schalke und Racing trägt. Schließlich kommt eine Mädel an unseren Tisch, die spricht deutsch, ist Berlinerin und - na klar - die Liebe hat sie hierher verschlagen. Wollte eigentlich nur spanisch lernen und lebt jetzt seit zwei Jahren in Santander, bedient hier im Café. Ihr Kollege hat sie vorgeschickt, sie soll fragen, ob er sich den Schal mal genauer angucken könnte. Klar, kann er. Sie trägt das Ding nach innen, wo der Schal von der Theken- und Küchencrew bestaunt wird. „Er würde den Schal gerne kaufen“, berichtet die Berlinerin, und das kommt ja gar nicht in Frage. Da will ich den Jungen erstmal sprechen, und der kommt dann auch ganz zögerlich, spricht kaum Englisch, Deutsch natürlich schomma gar nicht und so reden wir mit Händen und Füßen, und ja, der Junge ist glühender Racing-Fan, und solche Schals extra zum Spiel, die gäbe es leider nicht vom Verein. Habe man mal gegen Valencia gemacht, aber das hätte sich wohl nicht gelohnt und deshalb, was wär das schade, und unser Schal doch so schön!
Guter Junge, wirklich ein Fan. Immer dabei, auch nachher. Kriegt den Schal geschenkt. Aber das überrascht und erschreckt ihn. Geschenkt käme gar nicht in Frage, nein, wenn nicht Geld, dann „Cambio“, tauschen? Klar, wieso nicht. Sofort rennt er an´s Telefon, konferiert mit diesem und jenem und verkündet dann, dass irgendwer einen Racing-Schal vorbei bringen werde, in der nächsten Stunde, ganz bestimmt. Wir könnten doch noch ein paar Kaffee trinken? Oder später nochmal kommen, bis 23 Uhr? Oder morgen am Flughafen, wann wir denn wieder weg flögen? Der Junge ist so glücklich, sooo glücklich über diesen Schal, das ist einfach wunderbar. Selbst wenn´s mit dem Tausch nicht klappen wird, allein für die Freude in diesen Augen hat sich´s gelohnt, ihm das Ding zu überlassen. Außerdem: wir haben ja zwei von der Sorte ;-)
Wir ziehen weiter, jetzt mit „Serious Sightsseing“ befasst - aber das klappt leider gar nicht. Die Kathedrale, nach dem Krieg wieder hergerichtet, ist zu. Das Kunstmuseum… ist zu. Die berühmte Bibliothek…ist zu. Selbst die meisten Läden sind geschlossen, machen erst gegen 16 Uhr wieder auf. Also viel Latscherei quer durch die Altstadt, aber rein kommen wir nirgends. Wir sehen kleine Parks, breite Straßen, winzige Geschäfte, ein altes Kinderkarussell, das letzte öffentlich verbliebene Reiterstandbild Francos (wieso eigentlich?), pfiffige Ampelanlagen, schöne Fassaden und dazwischen ein paar Spanier, einige Matrosen der „Krusenstern“ mit ihren riesigen Uniform-Mützen und Schalker, die sich verlaufen haben, oder eben erst am Bahnhof ankamen. Mehr Wolken jetzt am Himmel, aber von Regen keine Spur.
Am Fährterminal konferiert grad´ ein Haufen Blauer mit einem Wachmann, der einst in Deutschland arbeitete. Bei ihm werden Kneipentipps abgeholt, mit den Blauen überlegt, wo man sich zuletzt getroffen habe. Hamburg? Ne, Österreich, beim Schwimmen am Rande des Trainingslagers - richtig. War das ein Sauwetter damals! Unter Wasser dreißig Grad in der Therme, aber oben eiskalter Regen im Gesicht. Grad mal ein viertel Jahr her, fühlt sich an wie „ewig“.
Nebenan am Drehkran sitzen ein paar Spanier auf einer Bank, sehen den Anglern zu, und einer will von mir alles wissen über Schalke, wo das liegt, und - ich fasse es nicht - ob „Hoffenheim“ nicht besser wäre, weil die wären doch Erster in Deutschland? Unglaublich, oder? Sonst wirste ja immer auf „Bayern“ angesprochen, und unvergessen bleibt mir dieser kleine Jordanier, der sein Bolzen in den Trümmern der alten Kathedrale Ammans unterbrach, den zerlumpten Lederball unter die Arme klemmte und mir Deutschem Touri mit stolz erhobenem Daumen zurief „Borussia Dortmund gut!“.
Selten war ich so erschüttert - na gut, die waren grad ChampionsLeague-Sieger geworden, hab ich mich getröstet. Aber „Hoffenheim“ während du mit Schalke auf Europatour bist? Eieieieiei…. Ob sich damals die Leute in England oder sonstwo auch über diese kleine Kaff namens „Schalke“ gewundert haben, das da in Deutschland Furore machte? Ist doch mit Hoffenheim was anderes - oder nicht? Da kommste schon in´s Grübeln… „Maybe we see later in Estadio!“ ruft der Spanier und lacht. Seine Kumpels hocken derweil auf ihrer Bank und sehen ihren Sprecher und mich stumm an. Ne, Leute, noch´n Schal hab ich nicht zum tauschen!
Schon von weitem sieht uns der junge Kellner kommen, mit unserem wehenden Schal am Hals rennt er in´s Café und kommt zurück mit einem schönen grünen „Racing Santander UEFA-Cup“-Schal. Wirklich hübsch - die Übergabe-Zeremonie erinnert stark an Besuche des Dalai Lama, nur das es kein weißes Tuch ist, und zur Feier des Tages gibt´s erstmal noch einen von den leckeren Cafe con Leche. Dann wünschen wir uns allen viel Glück, nehmen dabei natürlich insgeheim das abendliche Match davon aus, und ziehen am Jachthafen entlang weiter zum Hotel von Andrea, Micha, Dirk, Andreas und all den anderen, die schon länger da sind, und jetzt natürlich - da hätte man drauf wetten können - direkt vor der Tür in der Sonne sitzen, sich flüssig ernähren und fröhlichste Schwätzchen halten. Da mach´mer mit!
Da hocken wir dann eine gute Stunde, erzählen über dies und das, unter anderem auch wieder über „Aufsichtsrat“ und „Wahlausschuss“ und hoffentlich ist das dann damit erstmal erledigt, weil´s doch so viel lustigere Themen gibt auf Auswärtsfahrt. Wie das ist, mit Trikot oder T-Shirt hier in´s Casino zu latschen, zum Beispiel. Hinten über Stadt und Hafen beginnt die Sonne zu schwächeln, die Kontraste werden stärker, die Schatten lang und länger - nicht mehr lange, und´s wird dunkel - und damit auch kühl. „Ne, zum Schloss laufen, das könnt ihr vergessen“, meint Dirk gegen halb sechs, „das schafft ihr jetzt nicht mehr. Taxi! Das kostet doch hier nix. 5€ bis zum Stadion nur!“. Ja, auf „Laufen“ bin ich auch nicht mehr so scharf, hab schon platte Füße und Kreuzweh. Aber „Taxi“ is langweilig, wir nehmen den Bus.
Praktisch jeder Bus, der hier die Promenade entlang kommt, der fährt auch an Hotel und Stadion vorbei. Trotzdem wird das an der großen Karte im Wartehäuschen nochmal verifiziert, und für alle Fälle auch schonmal die „Nachtrouten“ ausbaldowert. man weiß ja nie. Da isser, beim Fahrer 1€ pro Kopf berappt, und dann lassen wir uns den Hügel hinauf schaukeln, und springen schon oben an der Klippe, wo´s rechts zum Schlosspark und links hinunter zum Hotel geht, wieder raus. Küste und Meer kurz vor Sonnenuntergang, ist das idyllisch! Da müss´mer dann doch noch mal ein bissel spazieren gehen.
Auf den Klippen trotzen Angler der Brandung, und auf der unteren Strandpromenade finden sich einheimische Jugendliche zum Alkoholtest und, wer schon den Führerschein hat, zum „Kreise zeichnen mit der Hinterachse“. So kommen also die Muster auf den Asphalt… An anderen Ecken ist es völlig ruhig, nur die mit Getöse an den Strand brechenden Wellen sind zu hören, schlagen die letzten Surfer in die Flucht. Als wir vor´m Hotel ankommen, ist es schon fast dunkel. Wir gehen gegenüber auf der Promenade in einem in die Jahre gekommenen Café noch ne Kleinigkeit essen, inmitten von Rentnern die hier wie in einem 50er-Jahre Treff in der Tristesse hocken, während draußen mehrere Mannschaftswagen der Polizei aufziehen. Die wissen offensichtlich, dass das Hotel voller Schalker steckt, und klar, sie sind nur wegen uns da bestätigt mir einer der Uniformierten, den ich im Café anspreche. Viel entspannter sind die hier als in Madrid, Barcelona, Valencia. Oder selbst als in Sevilla, wo die Polizei im Stadion beinahe in Panik geriet aus Angst vor den eigenen Fans, die nach dem Führungstreffer aus der Stadt herbei strömten und von außen wie eine Belagerungsarmee an die geschlossenen Metalltore hämmerten, weil sie den Schlusspfiff innen miterleben wollten. Unvergesslich. Hier: alles ruhig.
Draußen an der Promenade stehen viele Schalker, die meisten haben wir heute noch nicht getroffen und in der vom Rauschen der Brandung begleiteten Dunkelheit gibt´s lustige Schwätzchen mit Haiko und Oli und insbesondere Piet, der mehrfach nachfragt, wie die Holde Hellenin denn richtig heißt und das ganz toll findet (Ich auch). Oli, der von seinen Kumpels als „Rosinenpicker“ befrotzelt wird, weil er auf Zypern gefehlt hat, freut sich, dass ich „sein“ Trikot anhab (war ein Geschenk von ihm - wat für´n netter Kerl, ne?) und staunt, dass da wahrhaftig die griechische Nationalhymne im Saum eingestickt ist. Wahrscheinlich damit die Hellenen bei der Aufstellung notfalls spicken können.
Im Hotel wird der getauschte Schal zurück gelassen und dafür jetzt wieder ein BlauWeisser umgehängt, dann kann´s los gehen. Der von „Mengede“ organisierte Bus zum Stadion ist eben schon gefahren, und wirklich saßen Leute drin - wir gehen zu Fuß. Einmal den Hügel hoch, und auf der anderen Seite wieder hinunter. Unterwegs treffen wir Andreas und Andrea, die aber erst nochmal was essen gehen wollen, während wir kurz vor´m Stadion auf der Terrasse einer Kneipe auf einen ganzen Haufen Bekannter treffen. Halb und Halb ist der Laden besetzt von Grünen und Blauen, darunter Anni, Ralf&Co und viele andere, und natürlich wird da mal ausgiebig geschwätzt bevor´s weiter geht.
Nur noch ein paar Schritte jetzt - der große Parkplatz liegt direkt vor der Nase, dahinter das „Sardinero“, benannt nach eben dem populärsten Strand, der hier keine hundert Schritt entfernt liegt, dem angeblich ersten Strand Spaniens, an dem ein König zu baden wagte (echt, stand da auf´nem Schild. Die früheren Könige trauten wohl den Seeungeheuern nicht). Links die Kassen, offen, weil „ausverkauft“ is nicht - mittig die Stadionkneipe. Davor eine große Menschenmenge, in der wir auch Toto&Kumpels treffen, die auch nicht so ganz genau wissen, wo wir denn rein müssen. Aus kleinen Imbissbuden heraus wird Futter verkauft, brauchbar sortierte Schalhändler haben ihre Tische an der Stadionwand aufgebaut. Es gibt für 6€ doch „UEFACup-Schals“, aber nur welche von der ganzen Gruppe, mit den Wappen aller Vereine, oder eben nur mit dem von Racing, aber keine extra für das Spiel gegen Schalke. So einen haben wir eben bei einem „wilden Straßenhändler“ für 10€ direkt vor der Kneipe ergattert - „Aufpassen“, meint Marc, „die mögen die illegalen Schals hier nicht, die Polizei kassiert die ein, wenn sie sie entdecken!“. Also in die Jacke damit! Neben dem „offiziellen“ Schalhändler finden sich die „Nüsse + Cola“-Schlepper, wo wir Wasser erwerben. „Alk“ wär drinnen eh verboten.
Die Kontrollen gehen ruck zuck und sind nicht besonders streng. Zwei verschiedene Stadionzeitungen bekommen wir in die Hand gedrückt, und am noch völlig verwaisten Futterkiosk holen wir ein Sandwich, das wir, wie schon zuletzt in Nikosia, dann doch nicht essen werden. Erstaunt nehmen wir zur Kenntnis, dass hier sehr wohl alkhaltiges Bier verkauft wird. An jedem Block-Eingang steht Polizei, und die schicken uns nach links in die Ecke. Das steht zwar nicht auf unseren Eintrittskarten, aber was soll´s. Eine kurze Treppe hoch, Leverkusen-like, und da sind wir. Schnuckelig kleines Ding. Immerhin mit einer Art Oberrang, keine 30.000 passen hier rein. Unser Block ist in Kniehöhe mit einem Baustellenabsperr-Band gesichert, und da müssen wir jetzt drüber klettern, stellen uns in dem winzigen Block fast ganz nach oben, unter die bereits mit Schalker Bannern gepflasterte Wand. Direkt über unseren Köpfen Racing-Fans, viele Frauen und Kinder. Aufblasbare Klatsch-Röhren haben sie in der Hand und damit ergeben sich witzige Scheingefechte mit älteren Schalke-Papas hier unten. Getrötet wird auch, und nebenan im Eckblock, wo sich unten die „Ultras GE“ versammelt haben, trennt ein schmales Kunststoffdach nach oben hin ab zu den etwas fanatischeren Racing-Anhängern, die hier direkt auf dem Dach ihre Trommeln abgestellt haben, die so erst recht Lärm machen.
Marc und Detto stehen weiter links, wir verabreden uns für nachher zum Essen. Hinter uns erzählt einer stolz er kenne jeden, der mit in Nikosia war und ist ganz verblüfft als meine Glutäugige meint, sie wäre eine davon. Tja. Jetzt will man wissen, was da auf meinem Trikot steht, und wieder mal erklär ich´s. Howard kommt vorbei, erzählt, er habe gestern „das Rothenburg Spaniens“ besucht und das sei ganz grandios gewesen - ich glaub, hier müssen wir wirklich nochmal hin. Ansonsten macht Howard sich natürlich, wie immer, keine großen Hoffnungen für´s Spiel und ist jetzt schon deprimiert.
Jetzt singen die Fans ihre Vereinshymne, offenbar ohne Lautsprecher-Unterstützung, das gibt´s selten. Die Hütte ist mittlerweile gut besetzt - irgendwo in der grünen Menge steht „mein Kellner“ mit seinem neuen Schal und hofft genau das Gegenteil von dem, was ich mir wünsche. Der Stadionsprecher verspricht sich bei „Altintop“ und vor uns äfft´s jemand nach: „Hat er ´Altinflop´ gesacht?“ Ich grummle. Um ein Haar verpasse ich den Anpfiff - die Mannschaften haben offenbar schon ein Weilchen da gestanden und jetzt geht´s los.
Das Spiel ist nichts Besonderes. Gutes Zweitliga-Format würd´ ich mal sagen. Die Santander-Fans auf den Rängen bemühen sich nach Kräften, das gefällt. Singen verschiedene Lieder, darunter auch das „Vamos Campeon“ und der kleine Blaue Block versucht, dagegen zu halten. Über uns kommt´s zu einem Zwischenfall, irgendwas wurde wohl geworfen, und die Polizei holt einen Spanier unter den Pfiffen des Grünen Anhangs raus, verschwindet mit ihm in den Katakomben - kommt ohne ihn wieder zurück und laute Buhrufe empfangen sie.
So richtig Sorgen machen muss man sich um´s Spiel nicht, wie´s aussieht. Beide Mannschaften nicht sonderlich gefährlich. Ein Sieg wär schon nicht schlecht, denn „City“ zuhause und „Enschede“ auswärts - das sind beides ganz andere Hausnummern als die Reserve aus Paris und das hier. Aber, wie so oft zuletzt, man will wohl nicht so recht. Neuer hält das 0:0 zur Pause, da muss man schon zufrieden sein.
Auf der Anzeigentafel wird weiterhin dafür geworben, dass man dem Team nach Paris folgen möge. 168€ kostet die organisierte Zweitages-Reise. Also weniger als die Häfte von dem, was wir für dieses Erlebnis hier berappen. Außerdem bettelt die Anzeigentafel sonst nur noch darum, dass man hier doch bitte Werbung machen solle. Gibt´s keine Ergebnisse aus anderen Stadien? Aus´m Nachbarblock kommt ein Zwölfjähriger über die Absperrung geklettert, sucht jemanden zum Schal-Tausch und zieht mit unglaublich glücklichen Augen zurück zu Mama, Papa und Kumpels, die alle ganz begeistert die wunderbare königsblaue Neuerwerbung begutachten. Der kleine „Manuelito“ ist in dieser Familie der Held des Abends.
Zweite Halbzeit. Jetzt spielen die Guten auf unser Tor, das ist schon viel besser. Viel mehr Bewegung ist jetzt drin - unter anderem auch auf den Rängen. Nicht nur wird von den Knappen weiterhin das unterschiedlichste Liedgut zu Gehör gebracht, nein, in den vorderen Reihen hebt ordentliche Rennerei an, denn es beginnt zu regnen. Ziemlich stark sogar. Und auch das Spiel ist jetzt schneller. Leider hauptsächlich von der Heim-Mannschaft, die eine ganze Reihen von Eckbällen erkämpft, die mich jedes mal ziemlich nerven, weil dann aus den Lautsprechern „We will rock you“ dröhnt. Noch mehr nervt das irgendwann wirklich überfällige Tor für die Falschen. Die grüne Meute auf den Rängen überschlägt sich vor Freude und zeigt uns, wie lang bestimmte Finger sind (ziemlich kurz, wennze mich fragst). Verdammte Tat - jetzt geht das hier doch glatt den Bach runter!
Aber nein, wie aus dem Nix taucht unser Niederländischer Riese auf, der dunkle Elfe Orlando Bloom, äh, Engelaar, und zwirbelt die Zwiebel zauberhaft und unhaltbar in das Nest der Spanier, die entsprechend gramgebeugt zu Boden sacken während wir aus der totalen Konsternation aufwachen und uns jetzt gleichermaßen aufführen als hätten wir plötzlich eine ganzen Haufen BVB-Mitgliedsausweise in der Hose. Ein Gezappel und Gejaule - aber ein fröhliches!
Wahrhaftig könnten wir das Spiel jetzt doch gewinnen, und würden´s auch, wenn der granatige Asa das Ding doch reinmachen würde, und wenn der Schiri, der uns doch die ganzen Minuten vorher sehr mochte, beim knappen Abseits auch diesesmal beide Augen zugedrückt hätte. Macht er aber nicht. Pfeift. Asa hat ja eh den Schnapper angeschossen, also wieso ärgern…
Kurz mal regt sich der Kantabrische Anhang darüber auf, dass auf dem Zaun vor den Schalker Ultras einer der Blauen steht und feiert, aber dann, in den letzten Minuten machen sie selbst nochmal Höllenlärm. 1:1 stehts, und bis zum Schlusspfiff werden sie mit stolz in die Höhe gereckten Schals ihrem Team Tribut zollen, und das ist aller Ehren wert.
Aus, Aus, das Spiel ist aus. Schalke gewinnt mit 1:1, ein Kanter-Remis. Naja. Spaß gemacht hat´s trotzdem. Erhobene Daumen von beiden Seiten. Zwischen den Fans natürlich - die Mannschaften lassen sich auch kurz blicken, aber mehr beschäftigt man sich mit den Grünen aus den Nachbarblocks oder mit sich selbst. Schaltauscherei, sogar Trikots wechseln auf den Rängen den Besitzer (freiwillig), und dann sind die Spanier weg und die Knappen alleine. Erst als Manuel Neuer, der als einziger uns Fans wohl nie vergessen wird, hinüber in die andere Ecke hinter´m Tor geht, sehe ich, dass da auch Schalker sind. Irgendwie bin ich wohl nicht ganz fit heute.
Das Stadion ist leer, und nur der kleine blaue Block da hinten, und wir, der etwas größere Block, sind noch da. Alles wartet auf die „Chelsea-Rasenmäher“, aber es kommen nur ein paar Rasenstocherer, und dann entsteht plötzlich und unerwartet das Highlight des Abends: der kleine Block da drüben, der später wegen der offenbar zahlreichen alkohlbedingten Ausfälle „Asi-Block“ getauft werden wird, beginnt mit Schmähliedern auf uns. „Nie deutscher Meister, ihr werdet nie deutscher Meister!“ schmettern uns die Schalker von da drüben entgegen. „Ihr seid Scheiße wie der BVB“ ist die Antwort. Und dann wird´s richtig lustig. „Lutscher, Lutscher!“ und „Komm doch ma rüber, komm doch mal rüber, komm doch ma rüber zum Ess Null Vier!“ und „Wir kriegen euch alle!“ - die Drohgebärden zwischen den beiden Schalke-Blocks im ansonsten leeren Stadion werden immer deutlicher. Während die einen singen lachen sich die anderen kaputt. Bis einer anfängt mit der „Platz in der Kurve“, und ab da singen die beiden Knappen-Haufen wieder gemeinsam ihre Lieder.
Dann rücken die Polizisten ab, die Menge darf gehen - ausgelassen und fröhlich nach einem „Schalke-Gesangs-Battle“, das ich so auch noch nie erlebt hab. Europapokal ist schon ganz große Klasse.
Draußen, wo´s längst wieder trocken ist, treffen wir wie verabredet Marc und Detto. Der „illegale Schal“-Händler ist auch wieder da, hat seine Preise noch nicht gesenkt. Die Stimmung in der Menge, die jetzt hauptsächlich aus Schalkern besteht, ist grandios. Bis da ein Arschloch beim Vorbeifahren eines Busses voller Racing-Fans den Körper steif macht, den Kopf in den Nacken wirft und den Arm nach oben reißt zu einem Fascho-Gruß, wie ich ihn rund um Schalke seit Ewigkeiten nicht gesehen habe. Ich bin sprachlos und ein bissel schäme ich mich dafür - auch wenn ich nachher beim Anblick der Gefährten dieses Menschen merken werde, dass es ziemlich riskant gewesen wäre, da auszurasten. Aber es bleibt ruhig, der Bus fährt weiter, jetzt voller zorniger Spanier, und der Typ geht zu einem Haufen, den ich hoffentlich nicht wiedersehen werde, und mit ihnen davon in die Nacht.
Die Kneipe von vorhin quillt schon über. Die Terrasse ist von fröhlichen Zechern beider Fraktionen besetzt, innen sind´s fast nur Schalker. An den wenigen Restaurant-Tischen finden wir Platz, und es gibt lecker Essen. Ich nehm irgendwelche Tapas, die anderen Nudeln. Schmeckt und reicht. Und das Bier ist auch ok.
Marc erzählt über den Lungenstrapazierenden Tunnel-Marsch zum Stadion, da bin ich froh, dass wir am Strand entlang sind. „Ihr fliegt morgen mit der Mannschaft zurück, wisst ihr das schon?“ fragt er. Ne, davon weiss ich nichts. Aber macht natürlich Sinn. Die sind ja nur per Kleinflugzeug hergekommen. „Ist ne Mischkalkulation, klar. Anders hätten sie euren Flieger bestimmt gestrichen!“. Ja, auch das könnte stimmen.
Die Nebentische sitzen jetzt auch voller Schalker, Kluti, Anni, Holger, Oli, Ralf, Sabine und und und - an der Bar, direkt nebenan, werden Schalke-Lieder angestimmt und trotz Spaghetti oder Pulpo im Mund wird hier kräftig mitgeschmettert - was für ein Bild! Gegen ein Uhr kommt Sabine vorbei, will Klärung, weil „hab mich draußen mit ein paar angelegt, die glauben nicht dat wir damals, als wir gegen Waldhof gespielt haben, wo der Güttler vom Platz flog, in Ludwigshafen gespielt haben - du weisst das doch bestimmt!“ Äh. Das muss so vor ungefähr 20 Jahren gewesen sein. Und das Spiel war mitten in der Woche - „Genau! Wusst ich doch!“ - aber ich war nicht dabei, ich passe…
Wie aus dem Nichts steht plötzlich der Spanier vom „Nachmittag am Hafen“ wieder da, der alles über Hoffenheim wissen wollte. Freut sich, uns wieder zu treffen, war auch im Stadion. Wünscht Glück für alle Zeiten - ebenfalls, Danke! Marc murmelt lächelnd was von „kannst hinfahren wo de willst, der Matthias kennt überall wen“. Gar nicht wahr! „Habt ihr gemerkt, wie wenig Werbung da im Stadion war? Nicht mal auf´m Trikot hatten die welche!“ meint einer, und das mit den Trikots ist mir wirklich nicht aufgefallen. Hab halt immer nur Augen für die Blauen. Ein Gen-Defekt, schätze ich… Was wir von Fred Rutten halten? Tja, mal so mal so, weiss noch nicht genau. „Der Lars darf jetzt nicht mehr mit der Mannschaft essen, hat der Trainer befohlen!“ sagt Detto, und das trifft mich schon. „Unser“ Busfahrer, der die blaue Kiste einsam überall hin auf der Welt kutschiert, durch Schnee und Eis nach Trondheim, tausende Kilometer nach Palermo, nur um an fernen Flughäfen die Profis aufzunehmen und die paar letzten Meter zu Hotel und Stadion zu chauffieren, der muss jetzt alleine in´ner dunklen Küchen-Ecke hocken? Da runzel´ ich die Stirn.
Noch vor zwei Uhr stolpern wir hinaus auf die Terrasse, die noch gut besetzt ist von größtenteils ausgesprochen fröhlichen Blauen. Marc und Detto wollen wieder durch den Tunnel zurück in die Altstadt, ein ziemlicher Gewaltmarsch, aber sie sind ja noch einen Tag länger hier, können ausschlafen. Wir gehen hinüber an den Strand, langsam, weil ich ziemlich Kreuzweh hab, laufen durch die Dunkelheit am jetzt ruhigen Meer entlang, müssen dann doch die eine Klippe zwischen Stadion und Hotel wieder hinauf und da liegt die Promenade unter uns. Zwischen den Palmen, in denen irgendwelche Viecher vor sich hin fiepen (Fledermäuse?) seh ich schemenhaft jemanden am Abgrund stehen. Ein älterer Mann. Fast 2 Uhr, ein Schritt noch und der ist weg. Ein bisschen erschreckt er sich, als ich mich neben ihn stelle und ihn mit erhobenen Augenbrauen ansehe. Außer „Ola“ fällt mir nix ein, und der Opa senkt die traurigen Augen, nickt, und geht langsam weg von der Klippe. Beim Blick nach unten erschreck ich mich jetzt selbst, und mit zittrigen Beinen geh ich zurück zu Schatzi, die ein paar Meter weiter mit fragenden Augen am Geländer wartet.
Wenige Minuten später sind wir im Hotel, das Zimmer ist sehr warm, die Heizung immer noch nicht kalt. Also wieder Fenster auf, und wegen der Straßenlaternen, die ihr Licht genau auf´s Kopfkissen schleudern, die Vorhänge zu. Mindestens eine Stunde brauch´ ich auf dem harten, leider ein Stückchen zu kurz geratenen Bett, bevor ich endlich einschlafe. Der tolle Tag in Santander, die Gesangs-Schlacht im Stadion, der Opa am Abgrund - ob der wirklich das vorhatte, was ich erschrocken befürchtete…?
Um halb vier rumpelt´s ein letztes Mal vernehmlich im Hotel, jetzt sind wohl alle „heim“ gekommen, und dann säuselt von draußen nur noch beruhigend die sachte Brandung….
Santander, 7.November 2008
Immerhin, über zwei Stunden Schlaf, da kannste nicht meckern. Duschen klappt tadellos, richtig Wasserdruck und sofort warm isses auch. Ehrlich, das hätt´ ich nicht erwartet. Draußen werden die Geräusche plötzlich anders, ganz leicht, ein leises Zischen über der Brandung, alles andere gedämpft, was ist das? Eine Minute später dann, sehr vertraut: Wasser auf Asphalt. Aha: Regen zieht von der See herüber! Sekunden später geht ein richtiger Wolkenbruch nieder, das Geplätscher übertönt das Rauschen des Meeres bei weitem.
Frühstück um sieben. Der hübsche, alte Saal sitzt voller Schalker. Alle ruhig, alle zufrieden. Kaffee schmeckt, und das Essen ist auch ok. Nur der Koch-Schinken, gefühlte fünf Zentimeter dick und groß wie die „Frankfurter Allgemeine“. Da wird einem schon ganz anders. Wir sitzen an großen runden Tischen, mit vielen anderen Blauen. „He, das ´Schalke´ auf deinem Trikot ist doch falsch geschrieben!“ meint einer mit Blick auf mein griechisches Trikot. „Ich weiss das, weil ich griechisch in der Schule hatte!“. „Musste dich an meine Frau wenden“, sag ich, „die hat´s mir so diktiert und die ist Griechin“. Grimmig guckt die Weltbeste über den Tisch und der Besser-Wissende grummelt Ausflüchte, irgendwas von „..fehlt ein x…“, aber ganz leise.
Auschecken ist schnell erledigt: einfach den Schlüssel abgeben. Es regnet immer noch, aber nicht mehr so heftig. Auf der Promenadenstraße, die die ganze Nacht hindurch völlig verwaist war, fahren jetzt dann doch die ersten Autos - hier muss man wohl nicht früh zur Arbeit? Da drüben steht der Bus, der selbe von Gestern, mit den riesen Rissen in der Frontscheibe. Auch die Seitenscheiben haben Macken. „Guck mal, ich hab mein eigenes Aquarium!“ sagt einer in der Reihe vor uns - und tatsächlich: zwanzig Zentimeter hoch steht das Wasser mitten in der Doppelglas-Scheibe. Beim Fahren mit richtigem Wellengang.
Gefahren wird aber nicht, wie geplant um Acht, sondern etwas später. Gewissenhaft kontrollieren die Jungs und Mädels vom Reisebüro, dass alle da sind. Und bringen die Zimmerschlüssel zurück, die Schläfrige aus Versehen mit in den Bus geschleppt haben. Jetzt sind alle da, alles geregelt, der Bus fährt los, einen anderen Weg als gestern. Erst nochmal zum Stadion, ein letzter Gruß, dann hinein in den „Marc+Detto-Tunnel“, in dem´s ordentlich Stau gibt, und dann vorne am Hafen und der Altstadt entlang zum Flughafen. Schon im Bus drücken sie uns die Bordkarten in die Hand. „Hier bitte, Herr Berghöfer“ sagt Matthias Hausmann, und ich fühl mich fünfzig Jahre älter als ich bin. „Och“, sag ich betroffen, „sach doch Matthias, Namensvetter…“.
Dann sind wir da - von der Mannschaft noch keine Spur. Die Kontrollen gehen problemlos und ruckzuck von statten. Gleich hinter der Scheibe und der Sicherheitsschleuse liegt Gate 3, und erst als wir da hocken, merk´ ich, dass es hier keine Toilette gibt. Ach du Scheiße, das geht nicht! Ich soll schließlich gleich in ein Flugzeug klettern, da muss ich vorher mindestens 1904 mal müssen müssen. Also wieder raus, Klo, wieder rein. Je näher „Boarding“ rückt, desto dringender glaub ich, ich sollte nochmal müssen. Natürlich völlig sinn- und erfolglos - muss aber sein. Die Polizisten halten mich garantiert schon für einen Terroristen, der irgendwas ganz clever schmuggelt, so oft wie ich schon durch ihre Röntgenschleuse hin und hergelaufen bin.
Immerhin, draußen treff ich den Schalker Vorstand und einige andere Offizielle - die Mannschaft kommt also wirklich. Rolf Rojek ist auch da, und sein Knie ist wieder ziemlich in Ordnung, jemand vom Betreuerstab hat sich drum gekümmert. Natürlich sind auch die Presseleute da, Reviersport und Co, und auch Manni Breuckmann, den wir schon vermisst hatten. Von der Mannschaft aber keine Spur. Am Kiosk seh ich die Zeitungen: die Spanier sind stolz auf ihre Mannschaft, das 1:1 war ein Erfolg für sie, ein großer Kampf und tolle Stimmung im Stadion. Stimmt.
Endlich wieder drinnen freu´ ich mich darüber, dass wir jetzt zu Gate 4 verlegt werden - so passt das viel besser, und dann ist wirklich Boarding. Vorletzte Reihe, na gut. Bei „arte“ lief mal eine Serie über Flugzeugabstürze, in der ein Experte ausführlich erläuterte, was man vor´m Start unbedingt wann wie machen müsse, um höhere Überlebenschancen zu haben. Mach ich natürlich alles. „Maximal sechs, besser nur vier Reihen weg vom Notausgang sitzen“ war eine dieser Regeln, und ganz hinten passt das ja, man muss nur noch durch die Küche.
Als alle schon drin sind kommt wirklich die Mannschaft des FC Schalke 04. Die haben ihre Plätze alle ganz vorne, und kümmern sich kein Stück darum, wer sonst noch so im Flieger ist. Außer Manuel Neuer natürlich. Wie im Stadion, so bleibt er auch hier lange stehen und schaut ruhig die Reihen ab, auf der Suche nach Bekannten. Orlando Engelaar dagegen schrappt mit seinem Schädel, der von Pizzateller-großen Ohrhörern bedeckt ist, an der Kabinendecke lang und wird AirBerlin so wohl zu besonderen Wartungsmaßnahmen zwingen.
Der Rückflug ist ereignislos, im Regen ist sowieso nur kurz beim Start noch was zu sehen, ein bisschen was von der Stadt, da ein letztes mal die Klippen, und weg - alles grau. Über den Wolken, natürlich, prächtige Sonne und wir träumen nochmal die vergangenen 24 Stunden nach. Der witzige Co-Pilot bereitet uns darauf vor, dass man nun den Abstand zum Erdboden verkürzen werde und richtet noch Geburtstagswünsche an einen der Fans an Bord aus, „vom kleinen Bruder“. Neben uns sitzt einer im Trikot von Racing Santander. „Ne, nich gekauft“, sagt er, „hab extra vorher wat Billiges von Schalke bei eBay ersteigert was ich tauschen konnte“. Verblüffend.
Bei der Landung in Münster/Osnabrück fällt natürlich sofort auf, dass der Schalke-Bus auf dem Rollfeld steht - die Spieler steigen praktisch direkt von der Treppe in den Bus während freundliche Helfer ihr Gepäck verladen. Wieder steht Manuel Neuer da, am Bus, und schaut hinüber zu uns, den Fans. Sieht fast so aus, als würde er sich ein bisschen sehnen danach, nach unserem Jetzt, das früher auch das seine war.
Im Flughafen lassen wir die Parkkarte stempeln - als Vereinsmitglied des S04 zahlt man hier die Hälfte - und verabschieden uns von diesem und jenem. Manche davon besonders froh, dass der Flieger pünktlich war, denn sie haben noch viel vor heute. Zweite Liga in Holland zum Beispiel. Und Klaus macht sich jetzt auf zum Düsseldorfer Flughafen, hebt nachher ab nach Dubai: Groundhopping. Wird den Sieg gegen Bayern verpassen, ne, das wär nix für mich.
Vor´m Terminal steht ein weiterer Schalke-Bus, da steigen Vorstand und weiterer VIP-Anhang ein, während wir hinüber zum Parkhaus schlendern, umgeben von anderen Blauen, die alle ein grandioses Europapokalabenteuer hinter sich haben. Die einen voller Tatendrang, die anderen noch müde. Die einen fröhlich, die anderen still.
Aber alle mit denselben, leuchtenden Augen: Voller Glück.
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Saison 2010/2011
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[... manchmal müsste die Zeit stehen bleiben...ALLES wie in in meiner Erinnerung :-) Danke ...]
ach Matthias…
wie immer bei Deinen Berichten schaffst Du es, einem den Abend echt zu versüßen,
hört sich komisch an, ist aber so. Du schaffst es wirklich, den Daheimgebliebenen
alle notwendingen Emotionen und Erlebnisse
mitzugeben. Mag es auch mal nicht so schön gewesen sein (Scheiß Nazi!)
Wirklich schöner Bericht, mit Allem was dazu gehört!
DANKE !!!
Lars