FC Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach 3:1
Mit schwitzigen Händen stehe ich um 14:55 Ortszeit Offenbach im Büdchen meines Vertrauens und warte, dass ich endlich die 4 Bier bezahlen kann. Der nette alte Grieche, der Besitzer, guckt mich freundlich an: „Zigarett‘?“ Ja ja, auch das, nur mach hinne, ich will pünktlich zur Berichterstattung um 15:00 Uhr auf meiner Couch sitzen. Das weiß mein griechischer Nachbar, der schon in so macher Halbzeit meine Rettung war, natürlich, schließlich bin ich seitdem ich hier in der Straße wohne nicht nur seine Nachbarin, sondern mit meinem Bruder zusammen die Kunden, die den Laden am Leben erhalten. Besonders samstags um kurz vor 3 oder sonntags um kurz vor 5. Als ich letztens wie eine Verrückte donnerstags um kurz vor 6 in den Laden gerannt kam, weil ja UEFA-Cup war, hat er mich ganz verwirrt angeguckt. „Schalke heute? Is doch Donnerstag!“ Ich erkläre ihm kurz, das wir jetzt im „Verlierer-Cup“ spielen und nicht mehr Champions-League und bekomme ein fast schon mitleidiges „Ja, is doch auch schön!“ zur Antwort.
Ich darf schnell bezahlen, Tüte brauch ich nicht, wenn ich ins Stolpern komme und falle, bin ich sowieso schon vor der Haustür. Ruckzuck durch die Haustür, meine beiden Kater rennen vor Schreck schnell weg von mir, der Große beschwert sich kurz, aber keine Zeit jetzt für Aufmerksamkeiten. 3 Bier in Kühlschrank, eins in die Hand, einen Satz und auf der Couch. Böse stell ich fest, dass ich im Endeffekt mir den ganzen Stress hätte locker sparen können, denn alle anderen Spiele und das Spiel Bielefeld - Leverkusen ist wohl wichtiger . Im Nachhinein hört sich es immer blöd an, aber ich habs irgendwie im Gefühl, Leverkusen verliert heute. Nun ja, Matthias Sammer is da ja der gleichen Meinung. Dann klingelt es und ich freu mich, dass meine Familie es doch tatsächlich mal schafft pünktlich zu kommen. Und mit pünktlich meine ich nicht eine Minute vor Anpfiff, sondern noch vor dem Vorbericht. Ist bis jetzt aber leider nur einmal vorgekommen.Ich kann das nicht leiden, wenn alle um mich rum wuseln und ich versuche den „Premiere-Experten“ zu zuhören. Der Papa hat auch noch Bier im Schlepptau, die Mama ihr Strickzeug und da kommt se: MEINE OMMA! Das ist ein ganz besonderer Tag heute, denn die Omma war 6 Wochen im Krankenhaus und in der Zeit war „Schalke gucken“ nicht mehr das Gleiche. Und das letzte Spiel war das Spiel gegen Wolfsburg. So kurz vor der OP bekam sie natürlich Panik und machte schon mal ihr Testament. Ich hab nach dem Spiel beim Verabschieden zu ihr gesagt „ Denk dran, spätestens beim Gladbach-Spiel biste wieder hier, und dann gewinnen unsere Schalker auch.“
Bei mir auf der Couch hat jeder seinen Platz und das wird strikt eingehalten, denn sonst bringts Unglück. Tja, jeder hat halt so seins. Ich sitz immer links außen und neben mir die Omma. Meine Mutter sitzt zwischen der Front, denn auf der rechten Seite sitzt der Herr Papa mit Bruderherz. Und das ist die Meckerfront. Ich nenne die Ecke eigentlich nur noch „Haupttribüne“. Pünktlich um fünf vor halb sitzen alle mit Trikots auf ihren Plätzen und die Mannschaft läuft ein. Grundsätzlich platzen fast die Boxen meines Fernsehgerätes, denn der Kommentator ist die ersten 10 Minuten immer aus und der Stadionsound kommt nur rüber, wenn man auch richtig laut macht. Plötzlich wird die Dame rechts neben mir ganz still. Ich seh was Sie sieht, aber ich wußte was da kommt. Seit dem Leverkusen-Spiel und den vielen Berichten von Charly´s Beerdigung bin ich etwas ruhiger geworden. Die Omma treffen die Bilder mit voller Breitseite. Die Gänsehaut läuft mir über den Körper, als ich die Trikots sehe und ein paar Tränen kullern schon. Mein Vater ist etwas irritiert „Machen die heute noch ne Schweigeminute?“ Ich nicke und murmel etwas von „letztes Mal nur von den Fans aus!“ Da springt der Herr Papa hoch, „ Ja dann aufstehen!“ Man muss erwähnen, er steht nur bei Ecken auf. Er ist der Meinung bei Ecken muss man aufstehen, das bringt Glück. Ich muss euch ja jetzt nicht erklären, wie lustig das war beim letzten Bayernspiel. Sogar die Omma mit ihrer Wirbelsäulen-OP schleppt sich hoch und da stehen wir alle in meinem Wohnzimmer um den Tisch herum und sagen nichts. Es ist vielleicht schwer vorzustellen, aber in diesem Moment wurde mir eiskalt. Da stehen wir hier 300km entfernt von der Arena in meinem Wohnzimmer und es ist als wären wir da. Der Stadionsprecher erzählt was, ich habe nur Rauschen im Ohr. Alle haben ein bißchen feuchte Augen und als ich sehe wie Bordon betet und sich danach die Tränen aus den Augen wischt muss ich mich schwer zusammen reißen. Das „Danke Charly!“ macht uns alle wach, nachher erfahren wir, dass es aus dem Gladbach-Block kam. Ich bin froh es erst später zu erfahren, denn diese Geste hätte mich wahrscheinlich richtig zum heulen gebracht. Okay, bin eben etwas sentimental, bin halt ein Mädchen.
Nachdem das Spiel angepfiffen wurde ging es auch schon los. Gleich nach Kuranyis erster vergebenen und angeblichen „Großchance“ geht die Sprücheklopperei los. Wenn man meine Familie und mich fragt wer unsere Lieblingsspieler sind muss man eigentlich nur die Trikots beachten. Die Mama hat natürlich den Bordon auf dem Rücken, die Omma steht auf den „kleinen Fuzzi“ Rafinha und ich trage stolz das blaue Heimtrikot mit der Beflockung von unserer Nummer Eins, dem Jung aus der Nordkurve, Manuel Neuer. Mein Bruderherz und mein Vater finden alle gut (manchmal auch alle schlecht). Alle außer Kuranyi. Der ist bei denen immer der Buhmann. Deswegen tragen die Beiden auch ihren eigene Namen. Wie gesagt, jeder hat so seins.
Und jetzt gehts auch weiter mit den blöden Sprüchen, von links nach rechts und meine Mutter sitzt dazwischen und freut sich, dass sie sich da raus halten kann. Dann ein schöner Pass von Rakitic und Halil macht ein großartiges Tor. Ich bin immer die Einzige, die aufspringt und rumhüpft, der Rest sitzt meistens so eng, sagen die. Aber trotzdem wird nach jedem Tor abgeklatscht. Wenn uns mal jemand beobachten würde, so durchs Fenster, der würde uns für total bekloppt halten. Aber man muss ja schließlich wissen wie man sich arrangiert, wenn man eben nur 3-4 Mal im Jahr ein Spiel live sehen kann. Aber jetzt hier keine Kritik an demjenigen, der „da oben“ dafür zuständig ist, wieviele Tickets jedes Schalke-Mitglied „nur“ noch bekommt.
Die Omma ist ganz wuschelig und stellt dann doch mal fest, dass ihr Rafinha gar nicht spielt heute. Wenn mich nicht alles getäuscht hat, war da ein bißchen Enttäuschung in den Augen. Und dann ne typische Situation bei uns beim „Schalke gucken“. Farfan wird böse gefoult, wir springen alle auf (da ist plötzlich dann doch genug Platz) und schreien gleichzeitig „Eeeeeey, Elfmeter!“ „Und Gelb kannste auch noch geben!“ schrei ich hinterher und anscheinend hat der Schiri uns gehört und gibt beides. Ich hake mich bei meiner Omma ein und kann nicht richtig hin gucken. Ganz sensibler Punkt, denk ich mir, hier kann das Spiel mal schön kippen. Wenn der nicht rein geht. Und Zack! Halloooo? Wer hatte denn da Zweifel, dass der nicht rein geht? Es steht 2:0 und so langsam fällt die Anspannung ab von mir. Jetzt nur nicht wieder überheblich werden.
Nun ja, da fällt das 2:1 und ich klatsch mir mit der flachen Hand an den Kopf. Mein Bruder steht auf und auf dem Weg zum Kühlschrank fängt das Gemecker wieder an. „Das ist so unnötig, aber wieder so typisch. Wie gegen Dortmund!“ Man muss dazu sagen, nach jedem Gegentor fängt die Geschichte mit dem Derby wieder an. Selbst wenn wir Meister werden, mein Bruder wird sich trotzdem noch da drüber aufregen. Meine Mutter ist dann immer ganz subjektiv. „Ja, da muss man auch mal bissi aufpassen da hinten. Wer hat denn da wieder geschlafen?“ Ich gucke meinen Vater schräg an: „Komm, jetzt sach schon. Der Kuranyi, die Pfeife. Der hat hinten gepennt ne?!“ Er geht auf meine Frotzelei nicht ein. „ Nee, weiß ich selbst, dass der da hinten nix zu suchen hat, aber der hätte vorhin das 1:0 machen können, dann wäre es jetzt noch nicht so schlimm!“ War ja klar das sowas kommt. Kurz bevor ich dann schon am überlegen bin nochmal den Griechen meines Vertrauens aufzusuchen, weil mir die „Haupttribüne“ zu sehr auf die Nerven geht, rappelt es im Karton. Alle springen dann doch mal auf, nur ich nicht, weil ich wieder mal nicht aufgepasst habe. Man man man, da is man einmal mit den Gedanken schon in der Kabine, dann kommt noch so ein Ding. Und schon wieder Halil. „ Ach, das freut mich so für den. Der wurde doch immer so ausgepfiffen“ jubelt die Omma und mein Bruder erinnert sie freundlich, aber bestimmt dran, dass Halil nicht Kevin ist. „Ach so! Aber der Altintop trifft doch auch nie!“ Tja, ihr kann halt keiner was vormachen.
In der Halbzeitpause freut sich unser Büdchen-Besitzer, als er mich sieht und hält den Daumen hoch. „3:1, gut gut, dann gewinnt ihr mal wieder!“ Ich lächle etwas süß-sauer und schiebe den Kommentar auf die etwas schlechteren Deutschkenntnisse. Er hats bestimmt nicht böse gemeint.
In der 2.Halbzeit passiert nicht viel, und das ist dann das Blöde am „Schalke in der Glotze gucken“ . Da wirds dann schnell mal langweilig. Aber diesmal werden einfach die alten Charly-Geschichten ausgepackt. Zum hundersten Mal erzählt der Papa, wie er als kleiner Junge von Charly 10 Mark Trinkgeld bekommen hat, weil er in einem seiner Restaurants Fleisch angeliefert hat. Natürlich kann keiner die Geschichten von meiner Omma toppen, von nächtlichen Absackern in seinem Lokal in Buer, so ganz früher, und dann haben alle noch mit ihm gefeiert und am Morgen direkt wieder zur Arbeit zurück. Und wie verrückt das ist, dass ein Mensch, den man eigentlich nur so „vom Sehen“ her kannte, eine ganze Fussballnation so sehr prägen kann, ohne auch nur ein Tor geschossen zu haben. Nachdem Spiel sind wir uns alle einig, dass es zwar 3 Punkte sind, aber dass es nicht gut genug ist, um die letzten Tage zu vergessen. Ich freue mich auf Donnerstag und Sonntag, unser Grieche wahrscheinlich auch, und während alle ihre Trikots ausziehen und die Sachen packen guckt mich die Omma an und sagt: „Weißte Schätzchen, wenn einer stirbt, dann hofft man immer, dass irgendwann der Alltag kommt, der den Schmerz vergessen läßt, aber für mich wird jetzt lange Zeit jedes Spiel gleichzeitig ein Spiel für unseren Herr Neumann sein!“



Einträge (RSS)
Hallo Meli,
weil es solche Schalker wie euch gibt, kann man den ganzen Schalke Frust der letzten Jahre ertragen.
Servus aus der bayerischen Diaspora
pp
Hallo Meli,
suuuper Bericht! ;-))
Gruß aus dem Ruhrpott
Einfach herrlich. Ich glaub, wenn ich Modefan vonne Gegengerade demnächst ma keine Lust auf Fussek hab, dann geb ich meine Dauerkarten ab an Omma und Meli. Da werden sich Artur&Co in “meinem” Block ganz schön warm anziehen müssen ;-)
Das ist wirklich allererste Sahne. Man muss nur drauf kommen, diese “Wohnzimmergeschichten” auch mal zu erzählen. Klasse Meli, weiter so!
Klasse Meli. Gib der Omma mal´n Drücker von mir. Die erinnert mich ziemlich doll an meine eigene.
Danke meli, wohne in der (für Offenbach) verbotenen Stadt und lese mit Begeisterung deine Berichte aus der Nähe des Bieberer Berges…
Wieder mal ein spitzen bericht, immer schön hier vorbei zu kommen!
MFG
Poker