So langsam weicht der Herbst dem Winter, morgens werden wir vom ersten Schnee überrascht, aber wenigstens isses sonst ganz hübsch und beinahe windstill. Auf Schalke aber kündigt sich die nächste Eiszeit an, und richtig kalt ist der Gegenwind, der da manchem in´s Gesicht schlägt. Zweimal hintereinander verloren, und jetzt kommt auch noch ein Verein in die Arena, der eben erst den Trainer gewechselt hat - wie soll das gut gehen? Trösten kann man sich nur damit, dass es die Gladdies sind. Die haben bei uns ja seit ungefähr der Entdeckung von elektrischem Strom nix mehr gerissen.

Erstmal aber steht heute was anderes im Vordergrund: Anfang der Woche war die Beerdigung von Charly Neumann, und heute wollen viele Fans an der Tausend-Freunde-Mauer nochmal Abschied nehmen und eine Kerze für Charly aufstellen. Deshalb sind auch wir früher da als sonst, streben mit Doppelsocken gut gewärmt vorbei am Profi-Schalhändler, der sich gerade gegen wahnsinnige Kunden wehrt: „Was? RWE-Schals? Ne, sowas gibbet hier nicht - fahrt nach Essen!“. Sachen gibt´s…

Noch vor den Eingängen an der Westkurve kommt uns Ivo entgegen, und der hat wie immer irgendeine Leckerei dabei, die ich unbedingt probieren muss. Fast wie Ristic damals, der Bonbons verteilte - bei Ivo sind´s diesmal Nüsse. „Na, was macht ihr denn morgen?“ will er lachend wissen, weil er genau weiss, dass morgen keine Schalker Nachwuchsmannschaft spielt. Ein fussballfreier Sonntag, uiuiui, ne, da denk ich jetzt noch nicht drüber nach…

Vor der Tausend-Freunde-Mauer ist viel los, wir müssen uns um Neugierige herum quetschen ebenso wie um die, die ihre Kerzen bereits abgestellt haben. Sind schon ein paar Hundert, aber doch weniger als gedacht. Wir schnorren eine Flamme, schnell den Deckel drauf, funktioniert - mehr als die Hälfte der Lichter hat der laue Wind aber schon ausgeblasen. Selbst die mit Deckel schwächeln schon. Vorne stehen ein paar Kerzen, extra für Charly gemacht, und oben an der Wand hängen schwarz-rote Bänder, von einem Fanclub des 1.FC Nürnberg. Das Herz wird einem schon schwer.

Wir sehen aus der Distanz noch ein Weilchen dabei zu, wie immer wieder welche kommen und ein Licht für Charly anzünden, und dann geht´s hier, in der Ecke Südwest, rein in die Arena. Schlechte Omen überall - das Dach ist wieder zu, da sehen wir ja meistens mies aus. Und schon in Leverkusen hat mich Anni darüber informiert, dass wir ja immer verlieren, wenn´s ne Schweigeminute gibt. Barcelona, Madrid, in Leverkusen die „inoffizielle“, die nur von den Fans abgehalten wurde, und heute gibt´s dann auch wieder eine. Seufz… Ne, wenn wir heute verlieren, dann geht´s rund auf Schalke. Darf auf keinen Fall passieren, Mensch, tut wenigstens dem Charly den Gefallen…

Als wir auf dem Weg zu unserem Block hinter der Nordkurve vorbei kommen, singt da grad ein Mädel in der „Böklunder-Box“ ein Lied für Charly Neumann, wird begleitet von einem Mundharmonika-Spieler. Das ist richtig gut, was die da machen, und ich bleib kurz stehen. „Los - du als Nächster!“ blafft mich der Kameramann an, und ich suche schnell das Weite.

Die bereits gut gefüllte Nordkurve zeigt gleißend helle Streifen, und ich brauche einen Moment bis ich begreife: Draußen scheint jetzt die Sonne, und die ist offenbar auch Schalke-Fan, quetscht wenigstens ein paar ihrer Strahlen durch´s geschlossene Dach, um live dabei zu sein. Schön ist das!

Fabian Ernst wird unten gerade für sein 300. Bundesligaspiel geehrt, darf aber erstmal nicht mitspielen. Für ihn steht die „Rakete“ auf´m Platz, die zuletzt immer mal unter Antriebs-Problemen litt und nicht so richtig aus den Hufen kam. Auch Christian Pander, der in Leverkusen wenigstens die zweite Halbzeit dabei war, darf jetzt von Anfang an mitmischen. Zusammen mit den anderen Helden laufen sie auf den Platz, alle in Trikots, die zwar die richtige Rückennummer, aber nicht ihren Namen tragen. Heute heißen alle „Charly“… und mit „Charly Neumann“-Rufen feuert die Nordkurve sie an.

Zum Anpfiff müssen diese Trikots allerdings ausgezogen werden - darunter kommen die „normalen“ zum Vorschein, und dann wird´s ruhig in der Arena. Die Schweigeminute. Man merkt´s erstmal nur daran, dass die Spieler die Hände nach hinten nehmen und stocksteif stehen bleiben. Dann erscheint auf dem Videowürfel viel Schwarz und ein Foto von Charly Neumann, und dann werden die Menschen von sich aus still - unten in der Kurve stimmt Willi mit seiner Trompete eine traurige Melodie an, aber der Stadionsprecher gibt weder ihm noch der Ruhe mehr als vier Sekunden, redet stattdessen über „unseren“ Charly und keiner weiß mehr, wo denn da nun eine Schweigeminute sein soll, ob die noch kommt oder wie oder was… kommt nicht. Der Ultra-Block hinter´m Tor hält geschlossen Schals in die Höhe, sonst aber keiner. Im Gästeblock werden Banner gezeigt: „Ein Original verlässt sein Königreich - Lott Jonn, Charly“. Als Bernd Scheffler zuende gesprochen hat brandet Applaus auf, die Gladdie-Fans (!) rufen „Danke, Charly!“ und das Spiel beginnt.

Vielleicht liegt´s daran, dass die Schweigeminute gar keine war, in der geschwiegen wurde - jedenfalls spielen die Blauen die Gäste an die Wand. Da hilft denen ihr wie immer zahlreich erschienener Anhang auch nix. Schon nach vier Minuten muss Kuranyi das 1:0 machen, aber nach blödem Handspiel eines Gladbachers und perfekter Freistoßvorlage von Pander pfeffert er die Pille aus einem Meter frei vor´m Kasten unter´s Arena-Dach. Äh,…Pech… Neben mir brechen die Leute schon reihenweise zusammen, natürlich weil´s sie so an Leverkusen erinnert. Auch Rakitic vergibt eine gute Schusschance - der einzige der hingeht und ihn tröstet, ist Orlando Engelaar. Ansonsten sieht man von „Team“ eigentlich wenig. Wie schon in Leverkusen…

Aber diesmal geht´s besser aus - wir gehen trotzdem in Führung, und Kuranyi macht das dabei richtig gut, lässt den Pass von Rakitic einfach durch zu Altintop, der läuft noch ein paar Schritte und semmelt das Ei, hart bedrängt von zweien, unhaltbar in die Maschen. Jawoll!

Da knirschen die vier Gladbach-Fans, die sich skandalöserweise in unseren Block verirrt haben, hörbar mit den Zähnen, und wir sind einfach nur froh - so froh! Das steigert sich natürlich noch, als nicht viel später erst die Cottbusser in München in Führung gehen (wie immer sinnlosser Jubel in der Arena) und dann Farfan im Strafraum gelegt wird: Elfmeter! Endlich pfeift mal einer für uns! Und Farfan lupft den Ball lässig in die Mitte. Zu lässig für meinen Geschmack, aber drin is drin - Schalke führt mit 2:0!

Gut, die Bayern haben ausgeglichen, mir doch egal. Aber sonst: alles roger hier. Nur, dass die wahre Borussia immer noch nach vorne spielt, und dass dabei mit Baumjohann einer die Fäden zieht, der das eigentlich für uns machen sollte, das macht mir schon Sorgen. „Baumi“ kann halt nicht nur dribbeln, ne, der spielt auch feine Pässe in die Spitze und muss dafür nicht zehn Minuten lang überlegen, wie so mancher, den wir im Mittelfeld haben. Und was sach ich? Da isses schon passiert: Baumjohann perfekt in die Gasse zu Friend - Tor. Vor uns springt doch glatt einer der Gladdies auf und jubelt. Jetzt müsste ich nur leicht von hinten schieben, und der Platz bliebe leer. Is nämlich ganz schön weit bis runter in den Unterrang. Oh. Ne, sowas darf man nicht, käm´ mir nie in den Sinn. Aber in „meinem“ Block jubeln für den Feind? Schweinerei!

Jetzt wird´s ein Gezitter, nix mehr da von Schalker Herrlichkeit. Und die Borussen spielen immer noch, als wollten sie hier noch mehr Tore schießen. Tatsächlich jubeln die 6000 Niederrheiner irgendwann, weil sie meinen, die Pille wär im Tor - hammse aber nicht gut hingeschaut, war klar daneben und wir lachen uns scheckig. Aber nur kurz. Die letzten Minuten der Halbzeit sitz ich mit den Fingernägel-Resten zwischen den Zähnen, pfeif doch endlich ab! Aber dann, endlich sieht man mal, was Engelaar kann: ein grandioser Pass. Einer von der Sorte, wie man ihn in Reimöllers Schalker B-Jugend mindestens zehnmal im Spiel sieht, bei unseren Profis aber nur einmal alle zehn Spiele, und Halil Altintop ist durch, überläuft Heimeroth - oh, ne, das is ja Opa Gospodarek! - und macht das 3:1! Was für eine Erlösung!

Und Pfiff: Halbzeit! Danke, Danke, Danke! Zwei Tore vorne, Mensch, selten so entspannt inne Pause gegangen. Ich les im „Schalke Unser“, vor´m Spiel für 1.50€ erstanden, finde darin meinen eigenen, gewaltig gekürzten Reisebericht aus Nikosia und noch so das ein oder andere, ein schwieriges Quiz diesmal. Auf´m Würfel kommt als letztes die Gesangseinlage von „Mundharmonika und Mädel“, tatsächlich, inne Kiste sieht die Sängerin dicker aus als in echt. Singt aber genauso schön. Artur will wissen, wo wir in Leverkusen gewesen wären. Er hätte eine grauslige Zeit gehabt - aber nicht wegen dem Quark auf´m Platz sondern wegen der Leichen, die neben ihm gesessen hätten. „Nich ma bei Kuranyis Katastrophenschuss hamm die sich gerührt!“ Da schaudert´s einen!

Unten auf´m Rasen wird derweil ein Filmchen gedreht. Irgendein Schauspieler macht Elfmeter rein, oder auch nicht, je nachdem. Wird dabei umkreist von Kamerateams. Was das wohl werden soll? Werbung für Zielwasser? Das könnten unsere Jungs gut gebrauchen, aber offenbar gab´s in der Kabine was anderes: Baldrian-Tee.

Unglaublich, wie langsam das Spiel jetzt ist. Wieder beginnen die Königsblauen mit ihrem Ballgeschiebe, ach, warum denn nur? Die Gladbacher versuchen zaghaft, weiter nach vorne zu spielen, und unsere werden nur noch mit Kontern gefährlich. Nach einer Stunde allerdings muss das 4:1 fallen. Muss, muss, muss. Tut´s aber nicht, denn der 1a-Flankenball von rechts wird vom mutterseelenallein zum langen Pfosten sprintenden Kuranyi wahrhaftig neben die Kiste gewemmst. Das kannste echt nicht glauben. Jetzt sind die Leute auf den Tribünen es Leid, und mit Macht rauschen Pfiffe durch die Arena. Wirklich unfassbar - dass man so eine Chance nicht reinmacht ebenso wie dass man den eigenen Spieler derart auspfeift. Da verfall ich auf meinem Platz da oben wieder in Depression. Was soll da noch werden? Unten in der Nordkurve beginnt ne Klopperei, zwischen Schalkern. Oh, mann, muss das sein? Eine Traube Ordner ist nötig bis endlich wieder Ruhe ist.

Hier erlebste was… auf einiges davon könnste gern verzichten. Die phantastischste Aktion des Spiels, beispielsweise. Alle erleben sie staunend mit, die Glanztat des Schiri-Gespanns. Ein glasklares Handspiel von Friend auf der Linie verhindert den überfälligen Treffer durch Kuranyi - und 61.000 haben´s gesehen, nur die drei, die´s sehen müssten, nicht. Einfach unglaublich. Dabei steht der Schiri perfekt im Strafraum-Eck, kann das doch unmöglich verpasst haben! „Das ist die Rache für Oliver Held…“ murmel ich vor mich hin, und das gibt gleich mal Diskussion im Block, darüber wann das war, und wer von den Kölnern uns deswegen wieviel Unglück an den Hals wünschte und was aus Held wohl so geworden ist…

Das Zittern geht weiter. Mensch, Fred, bring doch mal den Lovenkrands. Den Lovenkrands! Bitte! Macht er nicht. Natürlich nicht. Wahrscheinlich ist das komische „o“ in dessen Namen das Problem. Den kann keiner auf den Zettel schreiben, da kritzeln´se eben lieber immer wieder „Asamoah“ hin… unter Pfiffen und Buh-Rufen geht Kuranyi für unseren „Blondie“ vom Platz. Vorher, Ernst für Engelaar, das hab ich ja noch kapiert, das hätt´ ich auch gemacht. Nur früher.

Farfan hat noch ne halbe Chance, Gladbach sogar noch ein-einhalb: Zehn Minuten vor Ende muss Marin das zweite fiese Tor machen, aber Neuer pariert den aus kürzester Entfernung abgegebenen Schuss mit einem Reflex, wie man ihn bei einem wie Olli Kahn nie gesehen hat - einfach, weil der körperlich überhaupt nie in der Lage war, den Arm dermaßen rasant nach oben zu werfen. Ungläubig seh ich diese Wahnsinnstat, weiss aber auch sofort: darüber wird´s in der Presse keinen Rummel geben. Dafür spielt der Manu im falschen Verein.

Aus. Endlich! Die letzten Minuten gab´s wieder „Charly Neumann“-Chöre, und die Spieler werfen jetzt ihre „Charly“-Trikots in die Nordkurve. Rare Einzelstücke sind das, werden hoffentlich in Ehren gehalten. Am Mittelkreis zeigen sich die Spieler beider Vereine gegenseitig, wie Friend mit seiner Glanzparade das 4:1 verhinderte. Nur der Schiri kann darüber nicht lachen.

Wir gehen. Schalke hat gewonnen, wieder eine Halbzeit ganz passabel gespielt, eine sehr grottig. Am „Sportparadies“ wird kurz ein Zwischenstopp eingelegt, und wir wundern uns über die Bilder aus Bochum, die da in der Kneipe über den Bildschirm flimmern. Schneesturm im Ruhrstadion. Von der Arena aus kann man da fast hinspucken, aber hier war das Wetter viel besser. Eine trügerische Ruhe?

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