Festschrift anläßlich der Platzweihe der Glückaufkampfbahn
Geschrieben von: mberghoefer in Bücher, Filme, usw (771 views)
Im August 1928 wurde das nagelneue Stadion des FC Schalke 04, die “Glückaufkampfbahn”, festlich und mit einer “Sportwoche” eingeweiht, und dies hier ist ein Blick in die zu diesem Anlass herausgegebene Festschrift.
30 Seiten hat das Heft, elf davon sind gänzlich mit Werbung gefüllt (Tanz- und Bierlokale meist, aber auch Bauunternehmen, die bei der Errichtung des Stadions geholfen hatten, Parfümerien, Tabakläden, Architekten, Hüte, Schirme, Küppersbusch natürlich, Möbel uvm) und auch die meisten der anderen Seiten tragen kleinere Anzeigen.

..direkt vorm Stadion gabs also Dortmunder Bier
Eine Seite ganz für sich allein hat das Geleitwort des Reichspräsidenten von Hindenburg (”Leibesübung ist Bürgerpflicht”), das gleich auf der nächsten Seite vom “Stadtverband für Leibesübung” und vom “Stadtturnwart” ausführlich bekräftigt wird. Ebenfalls werbefrei: die Vorstellung des Vorstandes des FC Schalke 04 (der hier F.C.G.S.04 abgekürzt wird, schließlich hat man wegen des Stadionbaus seinen Namen in FC Gelsenkirchen-Schalke 04 geändert), ein Foto von der Grundsteinlegung 1927, sowie von den aktuellen Liga- und Reservemannschaften. Die Fotos stehen allein, ohne jede Textbegleitung, und werden schließlich abgelöst von einer ganzseitigen Ehrung für “die stummen Helden des F.C.G.S”, also denen, die im Krieg gefallen waren. Die Namen, dazu ein Gedicht.
Erst jetzt, auf Seite 8, findet man ausführliche Textbeiträge, beginnend mit einer Kurzhistorie des Vereins. die Anfänge, das erste Sportfest, die zahlreichen Wechsel der Spielorte und der Anschluss an TuS Schalke, von dem man sich 1924 wieder löste. “Beispiellose Siegesserien” folgen und besonders stolz ist man darauf, dass “kein Verein in ganz Deutschland” in seinen Verbandsspielen so viele Zuschauer anlockte wie der FC Schalke - u.a. 22.000 gegen Rasensport Köln, 24.000 gegen Arminia Bielefeld, 8.000 gegen Hagen 05, 42.000 gegen den Duisburger Spielverein! Erstmals erreicht man die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, verliert aber in der “Roten Erde” gegen 1860 München - und dann entschließt man sich, ein eigenes, großes Stadion zu bauen.

Schalker B-Jugend, mit Torverhältnis 64:2 ganz oben
Neben dieser Geschichte des Vereins und der “ersten Mannschaft” findet man nun Vorstellungen der “Alten Herren” (die ihr erstes Spiel gegen SC07 mit 1:7 verloren), und der Nachwuchsarbeit. “Kultur und Frauensport” wird in derben Worten betrachtet ebenso wie (aus derselben Feder) die Wichtigkeit des Trainings. Drei ganze Seiten listen das Festprogramm der “Sportwoche”, die sich vom 25.August bis 2.September 1928 erstreckt, viele Fußballspiele, Staffelläufe, Reden, Aufmärsche und Musikvorträge umfasst.
“Abends um 7 Uhr” am 2.September, endet die Festwoche dann mit der Weihefeier und dem “Stiftungsfest im Zelt”. Man wird sich vorstellen können, dass das bis weit in den 3.September wenn nicht noch länger ging (Bierkneipen gabs ja genug rundherum).
Ein paar Dinge, die mir im Heft auffielen, will ich mal noch “kommentieren”:

Ausschnitt aus dem Titelblatt
Gleich als allererstes ist mir die grafische Aufmachung der Festschrift ins Auge gefallen, künsterlisch, und vielleicht auch bis ins letzte durchdacht - die Bordüre auf der Titelseite (oben und unten) besteht aus verschiedenen Balken. Wenn mich nicht alles täuscht, kodieren sie das Gründungsjahr des Vereins: ein schmaler Balken, ein neunmal so dicker, vier schmale: 1904.

Teil einer Werbeanzeige
Dann “stolpere” ich über den Zeichensatz an einigen Stellen - hier exemplarisch mal das “F.C.G.S. 04″ aus einer Anzeige. Das “G” sieht schon fast aus wie das Vereinswappen, oder? Erst vier Jahre zuvor benannte sich der Verein nach der Auslösung aus TuS 1877 von “Westfalia Schalke” in “FC Schalke 04″ um, und das Vereinswappen muss also noch “brandneu” gewesen sein. Basiert es wirklich einfach auf dem simplen “G”? man schiebt nur die Verzierung ein wenig hoch und stellt “04″ in die Lücke…

Glückaufkampfbahn Gelsenkirchen, 1928
Das Stadion, die Glückaufkampfbahn, zum Zeitpunkt der Vollendung im Jahr 1928. Was häufig übersehen/vergessen wird: es gab noch keine überdachte Tribüne. Tatsächlich ist Stadionbau in diesen Zeiten ein politisches Thema - in Deutschland baut man völlig anders als es zeitgleich beispielsweise in Österreich oder England passiert. Dort hat man Tribünen, Dächer, Komfort, steile Ränge, die Menschen nah am Platz - in Deutschland ist das Gegenteil der Fall, und das hat wohl Methode. Man will keinen “Zuschauersport” unterstützen, man will Zuschauer selbst zu Sportlern machen, denn die deutsche Zivilbevölkerung soll “wehrhaft” sein und werden - der 1.Weltkrieg war verloren worden und die reguläre Armee jetzt auf ein Minimum eingeschränkt - so entstand der Plan, die Zivilbevölkerung möglichst “wehrhaft” einzustellen und dazu gehörte zuvorderst der Sport. Wenn man ihn schon nicht selbst betrieb (sondern eben passiv wie als Zuschauer im Stadion), dann sollte das erstens möglichst unbequem sein (kein Dach, Wind und Wetter ausgesetzt, möglichst stehen und wegen der schlechten Sicht immer wieder bewegen!) und gleichzeitig den Blick ermöglichen auf andere Sportplätze oder (noch besser:) Schwimmbäder, damit der Zuschauer zum “selber machen” animiert werde. So wurde es formuliert zwischen 1920 und 1926 in Publikationen zu Vorgaben für den Stadionbau, beispielsweise von Carl Diem (der wohl aus demselben Grund auch den Vorläufer der “Bundesjugendspiele” ins Leben rief). Deshalb mussten die Ränge flach sein, eine Laufbahn zwischen Platz und Rängen liegen, freie Sicht möglich sein über die niedrigen Ränge hinweg, besser noch durch Tribünenlücken hindurch, hinüber zum Schwimmbad oder zu Trainingsplätzen. Siehe Gladbeck, Dortmund, Frankfurt…
Die Glückaufkampfbahn ist m.E. ein klassisches Beispiel dafür. Sitzplätze waren nicht geplant, wurden dann aber - noch ohne Dach - kurz vor der Fertigstellung doch noch eingefügt. Die überdachte Tribüne wird erst acht Jahre später folgen, 1936 - als kurz zuvor die Wehrpflicht wieder eingeführt worden war und der sogenannte “Volkskrieg” (also der “Kampfeinsatz” von Zivilpersonen) nicht mehr als Plan bestehen blieb. Erst 1950 wird die Tribüne noch einmal erweitert und hat dann erstmals auch überdachte Stehplätze.

Anzeige von “Mutter Thiemeyer” am Schalker Markt

Anzeige des Textilhauses “Julius Rode”, direkt neben dem Schalker Vereinslokal
Zwei Werbeanzeigen, auf verschiedenen Seiten. Gedruckt im Jahr 1928. Das Textilhaus “Julius Rode” befindet sich auf zwei Stockwerken direkt im Nachbargebäude zur Vereinsgaststätte, die von “Mutter Thiemeyer” geführt wird - und der auch dieses zweite Haus gehört. Zehn Jahre später wird sie den jüdischen Inhabern des Textilhauses den Mietvertrag kündigen und damit die Geschäftsgrundlage entziehen - und Fritz Szepan wird Inventar und Lager für 7000 Reichsmark übernehmen und fortan sein Einkommen verzehnfachen, bis der Bombenangriff 1944 alles vernichtet. Da sind die früheren Inhaber des Geschäftes schon deportiert und ermordet worden. 1954 wird Fritz Szepan, nach mehreren Verfahren, “Reparationszahlungen” leisten, 1000 Deutsche Mark, wenn ich mich nicht irre. (Genaueres findet man bei Goch/Silberbach: “Zwischen Blau und Weiß liegt Grau”)
Das also ist die “Festschrift anläßlich der Platzweihe verbunden mit einer Sport-Werbewoche”, wie es komplett heißt, erschienen im August 1928. Ein historisches Dokument, das einem aus verschiedenen Gründen Gänsehaut machen kann.
(mberghoefer, Juni 2009)
Daten zum Buch:
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Titel:
Autor: FC Schalke 04 Preis: - ISBN: - Erscheinungsdatum: 1928 Umfang: 30 Seiten Abbildungen: sw Fotos |



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Interessant, interessant.
Übrigens hatten wir auch später im Parkstadion noch mind. 1 Werbebande mit Doofmunder Bier-Plörre !
[... Auszüge aus der Festschrift zur Platzweihe der Kampfbahn (-Auswärtssieg!) ...]