FC Schalke 04 - Hamburger SV 3:3
Geschrieben von: mberghoefer in Liga, Profis (1,293 views)Manno, wat für ne komische Woche wieder… offenbar bin ich irgendwie in eine Parallelwelt gerutscht, hab keine Ahnung wie?! Erst schreibt mir ein Klamottenhersteller ganz euphorisch, dass er jetzt in Zukunft die Trikots der SchwattGelben ausm Nahen Osten herstellen würden und das müsse mich doch kolossal interessieren - kopfschüttelnd klopp ich auf den „Delete“-Button. Zwei Stunden später les ich in einer eMail eines Meinungsforschers den unglaublichen Satz: „Natürlich wünschen wir uns in Ihrem Fall ausschließlich eine Zusammenarbeit mit der Fanbetreuung von Borussia Dortmund“. Hä? Man bitte um „einen kleinen redaktionellen Beitrag auf der offiziellen Internet-Seite“ des BVB. Wat is? Die eMail ist tatsächlich an mich adressiert! Bin ich etwa neuerdings ein Gelber, arbeite sogar für die?
Mit zittrigen Beinen wanke ich ins Büro vom ChefChef, der Dauerkarten in Leverkusen hat, und mich schon lange kennt. „Schrusse…?“ hauche ich ihm tonlos zu, er guckt überrascht und skeptisch, und ich räuspere mich heftig, versuche es noch einmal: „Samma - bin ich Borusse?“ Jetzt guckt er noch skeptischer. „Bist du krank? Das ist doch irgendein Trick?! Gehts ums Budget?“, und als zufällig die Rechtsabteilung, glühender Anhänger des FC Bayern, zur Tür reinlugt, fügt ChefChef zu meiner grenzenlosen Erleichterung an: „Komm, Schalker, setz dich, wir machen jetzt erstmal ‚Doppelpass’!“
Gottseidank fehlt uns dazu die im Original unvermeidliche Schnappsdrossel, aber ich kann mich auch so genug aufregen. ChefChef amüsiert sich köstlich, fragt, ob er in der Firma nicht mal ne Sammlung für meinen klammen Verein anordnen solle, und der ParagraphenKönig, der natürlich jeden Kniff kennt, lässt mich auflaufen, indem er erst gespielt zerknittert einräumt, dass seine Bayern sich wohl doch weder Rafinha noch Neuer einverleiben würden - nein, wegen der aktuellen Sensationserfolge des Herrn Van Gaal werde man uns im Winter einfach Felix Magath abluchsen, das wäre auch nicht teurer und damit würde man ja glatt zwei Fliegen auf einmal platt machen. Eine davon wären wir.
Mit Kopfschmerzen komm ich am Abend nach Hause und in den Tagen darauf schleicht sich eine Mords-Erkältung ein, während halb Deutschland sich gegen die Schweinegrippe-Impfung zu wehren beginnt. Na, ich wär ja eh nicht privilegiert genug, und jetzt isses wohl auch zu spät? Den Samstag quäle ich mich mit Gift, bekomm von Bundesliga nur am Rande was mit, und dann ist endlich Sonntag - und Schalke spielt!
Zu Gast der HSV. Gegen die haben wir in den letzten gefühlt viertausend Jahren zuhause immer verloren. Mal zu recht, mal richtig blöde, aber heute wird sich das ändern, heute machen wir sie alle, hab ich mir vorgenommen, und entsprechend optimistisch gehts bei erstaunlich gutem Wetter gen Gelsenkirchen. Über die im Radio unablässig verbreiteten brandheißen aufgewärmten Infos über zusätzlich „entdeckte“ 100 Millionen Verbindlichkeiten des FC Schalke 04, die sich auf den seit zehn Jahren bekannten Kredit für die 200 Millionen teure Arena beziehen, kannste nur lachen. Oder weinen, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland der Journalismus nicht mal mehr schafft, sich an seine eigenen Meldungen von vor ein paar Monaten zu erinnern. Rudi Völler würde sagen: „Ein Tiefpunkt, ein noch tieferer Tiefpunkt“ - oder war es doch „So ein Schaaaaaiiiisss - ich kann den Scheißdreck nich mehr hören!“. Naja, egal…
RuckZuck sind wir am „Sportparadies“, schlendern inmitten erwartungsfroher Blauer den Hügel zur Arena hinauf, und weils draußen so hübsch sonnig ist, schauen wir uns aufm Arena-Ring noch ein Weilchen das Treiben an den Buden und Spielzelten an, in denen „feste geschossen“ oder „Glücksrad gedreht“ werden kann. „Hausmeister Machulke“, oder wie der heißt, steht bei Rudy Esser auf der Bühne, schmettert mit seiner ausgebildeten Gesangsstimme irgendeinen weltberühmten auf Schalke umgetexteten Sinatra-Hit in die erschrockene Menge und wehrt sich zwischendurch gegen die Feixereien von drei HSV-Buben, die sich vor Lachen kaum halten können. Applaus gibts am Ende trotzdem.
Weiter vorne gerate ich beim Träumen über den Anblick des nahenden Sonnenuntergangs hinter idyllischer Ruhrpott-Kulisse um ein Haar unter die Breitreifen des Vorstandsvorsitzenden des Hamburger SV. Herr Hoffmann war in seiner gigantischen Karre mit unverwechselbarem Kennzeichen wohl auch vom „Schalker Hausmeister“ verwirrt worden, aber es ist ja nochmal gut gegangen. Dicht gefolgt wird „HH-SV-..“ von dem Schlitten eines Schalker Profis, am Steuer aber ein fremder Jungspund, der das Ereignis von seinem Schatzi aufm Beifahrersitz für die Ewigkeit festhalten lässt - sie filmt den Helden, wie er lässig durch die Menge der staunenden Fußballfans rollt. Wat et allet gibt!
Draußen vorm Gästeblock treffen wir zufällig ein paar Bekannte, Schalker allesamt. Wollen wissen, wie’s in Bern war, und erzählen sich und uns, wie viel besser doch jetzt alles wieder ist mit Schalke, auch wenn „das mit den Finanzen“ schon schwierig wär. Aber die Mannschaft, die Punkte, der Trainer! Mit null Punkten aus den Spielen gegen Stuttgart, Hamburg, Leverkusen und Bayern habe man gerechnet und wäre auch zufrieden, und jetzt wärens ja schon drei vom VfB und alles sähe gut aus, nur dürfe man jetzt nicht anfangen von irgendwelchen Zielen zu träumen, Europapokal oder so, nene, bloß nicht: Platz 10, das wär doch ok!
Und so reden einige - und da bleibt mir die Spucke weg. Das seh ich nämlich ganz anders. Hier gehts um Fußball, und angepfiffen wird immer bei 0:0, und selbstverständlich kann und will ich jedes Spiel gewinnen und will mit 102 Punkten am Saisonende Deutscher Meister sein. Und da darf die Realität gerne immer wieder mal was von abknabbern, aber trotzdem fahr ich doch nicht ohne Hoffnung beispielsweise nach Stuttgart - es gibt doch überhaupt keinen Grund, weshalb wir da nicht gewinnen sollten. Bloss weil’s in den Jahren zuvor nie geklappt hat? Pah! Das ist doch kein Grund! Klar will ich da gewinnen und glaub auch dass das klappen kann. Klar träum ich jedes Jahr wieder davon, dass das große Ziel erreicht wird. Und von einer Profitruppe muss man ja geradezu verlangen, dass sie jedes Spiel gewinnen will - und wenn das das Ziel ist (und das muss es sein!), dann ist selbstverständlich auch Meisterschaft, Pokal und Europapokalplatz und alles drum und dran ein Ziel. Das Problem sind nicht die Hoffnungen, die man hat, die Träume, und die Ziele. Das Problem ist nur das Gejammer, wenn die Hoffnungen nicht erfüllt werden, die Angst, man könne nachher als Depp dastehen, wenn’s nicht klappt - dabei ist das alles Quatsch. Ausreden, um sich keine großen Ziele setzen zu müssen. Nicht träumen, dann brauch ich auch nicht traurig sein? Ne, dafür bin ich doch kein Fußballfan! Ich will doch mitfiebern, will sehen, wie die auf dem Platz und die auf den Rängen den Erfolg wollen! Die Enttäuschung, ein Spiel verloren zu haben, die ist doch nicht größer als die, miterleben zu müssen, dass deine Jungs es gar nicht wirklich versucht haben - deshalb gehen die Leute begeistert ausm Stadion obwohl man gerade das Heimspiel gegen Wolfsburg verlor und sind beinahe unbeteiligt nach einem siegreichen Gruselkick wie dem gegen Köln im März. „Aber heute müssmer schon mit einem Punkt zufrieden sein“, sagt einer, und das kann ja auch sein, je nachdem wie’s läuft. Aber noch hat das Spiel nicht begonnen, und noch ist der Sieg drin. Dreimal Rafinha, zwei davon haltbar, aber dem Franky durche Finger geflutscht. So will ich das.
Die Kollegen verziehen sich auf ihre Plätze, und wir schlendern vorbei an sich verabschiedenden HSV- und Schalke-Kumpeln zurück gen Nordkurve als das Telefon rappelt. Jo ist dran, steht offenbar schon im Lärm der Kurve, ruft irgendwas von „gestern noch in London, extra eingeflogen, morgen wieder zurück - ist das ein gutes Omen oder was?!“ und ich muss grinsen. Das letzte Mal kam er extra aus Shanghai und stand in Bochum beim Pokalspiel begeistert neben uns. „Na klar!“, ruf ich zurück, „Drei Null also wieder!“ - „Aber hoffentlich kein Auswärtssieg diesmal!“. Ne, hoffentlich nicht! „Das wird ne tolle Woche, Jo“, ruf ich, „heute Heimsieg, morgen Farfans Geburtstag, übermorgen deiner, dann meiner und Auswärtssieg bei Sechzig - gibt so viel zu feiern, wir sollten uns Urlaub nehmen!“, aber da ist das Gespräch schon wieder zu Ende. Bin jetzt trotzdem noch fröhlicher und optimistischer.
Oben im Block begrüßen wir die üblichen Nachbarn, und ich wundere mich über den feuchten Händedruck von Heike, bis sie entschuldigend die Schultern hebt. Hat leider grad die Futterbude geplündert und die Pfoten noch voll Ketchup - sowas hatten wir auch noch nicht. Nach der Händeschüttelei beginnt im Block also erstmal eine ausgiebige Händeputzerei während Heike sich still hinsetzt und so klein wie möglich macht. Die anderen trauen sich das nicht, denn die Sitze sind mit roten Pappzetteln abgedeckt - blöd, weil beste Tarnung für heimtückische Ketchup-Spritzer. Und wat soll dat überhaupt? Ne Choreo? In Rot? Machen wir Werbung für den HSV oder was? „Oder für die Telekom, das fehlte noch!?“ ruft Arthur und zeigt auf den „T-Home“-Schriftzug unterm Videowürfel, wo früher „Philips“ oder „Samsung“ oder so stand. Ist dieselbe Farbe, stimmt. Wir recken die Hälse, um zu sehen, was auf den anderen Sitzen der Gegengerade so liegt - oben und unten, überall nur Rot, mehr ist nicht zu erkennen. Komisch. In der Nordkurve, halbe Höhe, haben ein paar Leute ein Banner mit „50+1 muss bleiben“ gebastelt, eigentlich sollte heute ja irgendetwas zu diesem Thema passieren - ob die Rotschwemme damit was zu tun hat? Keiner weiss was…
Aufm Rasen wärmen sich die Spieler auf, und lange rätsle ich, wer denn wohl der Typ mit den kurzen Haaren ist, bis meine Holde Hellenin mich aufklärt: „Kuranyi. War beim Friseur.“ Ui! Na, hoffentlich hilft’s! Bernd Dreher und Manuel Neuer üben derweil eins-gegen-eins Situationen. Offenbar rechnen sie damit, dass die Hamburger ziemlich frei herangerauscht kommen werden… ist unsere Abwehr etwa krank? Dann wird es leise in der Arena, als Bernd Scheffler noch einmal Rolf Rüssmann würdigt, der vor drei Wochen verstarb. Man sieht Bilder auf dem Videowürfel, in der Südkurve hängt ein großes Banner, da wo sonst das vom Fanclubverband zuhause ist. „In stillem Gedenken“, mach’s gut, Rolli…
Und dann laufen die Mannschaften ein, Gänsehaut wie immer, und wir heben die roten Papptafeln und ich erkenne immer noch nicht, was das werden soll, bis eine Kameraeinstellung auf dem Videowürfel eine einfarbige Gegengerade einfängt. Hä? Nix drauf, nur Rot? Am Ende wirklich Reklame oder was? Also runter mit dem Zettel, zusammenknüllen und ab damit in den Unterrang - in Windeseile fliegen tausende, und unten haben die Balljungen zu tun, um die rote Invasion vom Rasenrand zu entfernen.
Anpfiff! Und direkt ein Paukenschlag! Tor in Bochum - 1:0 durch Sestak. Hahaha! Das war’s dann wohl mit dem Bundesliga-Rekord für Tim Wiese, ne halbe Stunde hat gefehlt um unserem Oli den zu entreißen. Das fängt ja gut an! Und auch hier in der Arena macht das Zusehen Spaß, denn es geht hin und her. Der wunderbare Elia, der leider im falschen Dress steckt, schlägt eine feine Flanke auf Berg - und der köpft zum Glück daneben. Auweia, das hätte’s schon sein können! Sein müssen hätte es dann zwei Minuten später das Ding von Kuranyi, super angespielt von Altintop schiebt er die Pille aus drei Metern Rost in die Arme. Arrrgh! Und dann überschlagen sich die Ereignisse: Phantastischer Konter, Altintop rennt und rennt, gibt im letzten Moment zu Farfan, klasse Granate - und der verdammte Franky, der undankbare Kerl, pariert mit Weltklassetat. Maaaannn! Muss das sein?! Aber es kommt noch schlimmer: Zambrano muss einen Gegenspieler ziehen lassen, noch übler als neulich in Stuttgart, denn diesmal isses Elia, und der gibt perfekt in den Rückraum und Berg macht die Bude. 0:1. Oh nein, geht das schon wieder los??
Der HSV zeigt jetzt das wirklich deutlich bessere Aufbauspiel, aber Schalke hat die Riesenchance zum Ausgleich: Farfan erobert die Pille vom sonst unfehlbaren Mathijsen, gibt hinaus zu Kuranyi und der rennt gen Strafraum. „GIB AAAABB!“ schrei ich so laut ich kann, aber es ist nicht laut genug. Mein Fehler. Statt zu den völlig ungedeckt vorm leeren Tor wartenden Farfan oder Altintop zu geben, wemmst Kuranyi die Pille seinem Ex-Kollegen Rost ans Knie. Mein Gott, in mir kocht alter Zorn über den Jungschwaben hoch und ich muss mich beherrschen. Den Rest der Schalker beherrschen jetzt die Hamburger. Sowohl aufm Platz als auch auf den Rängen. Man erzählt sich ja, die Stimmung auf Schalke sei wieder so gut wie einst, jetzt wo die Mannschaft wieder kämpft, aber wahr ist das ja nicht. Eisiges Schweigen trifft’s eigentlich ganz gut, ungefähr so wie die meiste Zeit beim Heimsieg gegen Frankfurt. Solange es schlecht aussieht, geht wenig, auch wenn sich ein Häuflein in der Nordkurve und immer wieder auch eins rechts über uns bemüht. Laut sind jetzt nur die Fans aus Hamburg, und sie haben ja auch allen Grund dazu. Kurz vor der Pause kommt Trochowski frei vors Tor, gut, dass Dreher und Neuer das vorhin geübt haben, denn Neuer pariert phantastisch. Leider ist es vor der Pause seine letzte Parade, denn in der 45.Minute brennt Trochowski einen Freistoß aus 30 Metern einfach so ins Torwart-Eck - und wieder, wie schon früher öfter, macht Manu kurz vor Ausführung einen kleinen Hüpfer zur anderen Ecke und kommt dann nicht mehr weit genug zurück - drin. 0:2, ach du Scheiße…
Wenigstens wird gleich darauf abgepfiffen, da müssen wir uns die Jubelei der Fiesen aus dem Norden nicht so lange angucken. Im Block herrscht ziemliche Ernüchterung. Wenn auch ein Tor zu hoch, wir liegen zu Recht hinten. Hätte KK doch nur auf mich gehört! Ach, grrrrrr,… in meinem Hirn rattert die Statistik-Suchmaschine… zwei Tore hinten und trotzdem noch gewonnen? Das hab ich nur ein einziges mal erlebt, Unterhaching einst im Mai, daran will ich mich jetzt auch nicht unbedingt erinnern - und sonst gab’s das in 40 Jahren praktisch nicht mehr. Aber wenigstens Unentschieden? Mmmmh…. Hamburg, zu Heynckes-Zeiten, 2003! Das späte Tor vom Glieder-Eddy! 2:2 in der allerletzten Minute, das war auch im Oktober (tatsächlich auch am 25.)! Jetzt werd ich doch wieder verhalten optimistisch. Außerdem, der Magath wechselt ja gnadenlos, wenn’s sein muss, also irgendwas wird sich schon ändern - und tatsächlich, da kommt Hollerbach und nordet Rakitic schonmal ein. Beim 2:2 damals war Hollerbach noch als Hamburger dabei (wat hab ich da auf den geflucht, der hätte vom Platz gehört!), und Rost als Schalker - ansonsten ist wohl nur noch Asa übrig, bislang aber nur auffe Ersatzbank. Ob der’s heute retten muss?
Unten vor der Kurve zeigen die Ultras verschiedene Banner. Irgendwas mit „Stadtverbote“ und „Polizeilügen“, den Rest kann ich nicht lesen - es geht aber offensichtlich um die in letzter Zeit aufkommenden Methoden, unliebsame Fußballfans nicht nur am Besuch von Spielen, sondern inzwischen sogar am Mitreisen in die betreffenden Städte zu hindern. Dazu passt, dass man gestern zum Spiel der Gladdies gegen Köln in halb Mönchengladbach den Alkoholausschank verbot und in den Radionachrichten stündlich jubelnd berichtete, dass Fußballfans „praktisch eingekesselt“ seien. Ein Wahnsinn, was da abgeht.
Ein kleines Mädel mit traurigen Augen zerrt derweil meine Griechin am Ärmel und fragt „Warum schießen die Schalker denn kein Tor?“ Äh… ja, warum eigentlich nicht? „Das machen die gleich, pass auf!“ sagt meine Weltbeste und da lächelt das Kind und komischerweise geht’s mir da auch auf einmal wieder viel besser.
Und los geht’s! Jetzt machen wir sie alle!
Aber was ist das??? Pitroipa ist durch, darf einfach so durch unsere Abwehr rennen, muss nur noch quer legen zum frei stehenden Nordlicht - aber er versemmelt’s, Neuer hält, mein Gott, das wärs gewesen. Und zu dieser Erleichterung gesellt sich gleich eine noch viel größere: Sehr schöner Flankenwechsel vom für Mineiro eingewechselten Rakitic, Rafinha mit perfekter Flanke, und Kuranyi - ach der großartige Kevin - schädelt die Pille an den Innenpfosten und ins Netz. JAWOLL! Da geht noch was!
Und tatsächlich, die Schalker rackern, wollen, tun, und der HSV macht sich jetzt ein bisschen in die Höschen. Kaum über den Anschlusstreffer zu Ende gejubelt, beginnt die zum Leben erweckte Arena ihre Mannen in Blau nach vorne zu schreien, und da ist Kuranyi und der rennt und stolpert seinem Gegenspieler davon bis er in den Strafraum fällt - und Pfiff! ELFMETER! Oder wie? Da wird eine rote Karte gezückt und ein Hanseate schleicht vom Rasen, und die Mordtat war wohl doch vor der Linie, ach ärgerlich und doch auch schön. Nur, bitte, warum stellt sich denn Bordon da wieder hin? Auf dem Oberrang der Südkurve gehen die Leute schon in Deckung, da brennt der Ex-Capitano eine Fackel durch die Mauer dem garstigen Rost auf den Unterarm und von dort an die Latte. AAAAAAAAAAH! NEEIN! Die Pille springt vom Gebälk dem im Abseits stehenden Kuranyi über den Schädel hinweg, aber weiter hinten hüpft der aus Bochums Reserve entlaufene Schalker Neuprofi Schmitz in den Abpraller - und drin! DRIN! 2:2, das gibts doch gar nicht! Auf den Rängen überschlagen sich die Leute, wir klatschen alles ab, was in der Nähe ist, offenbar waren auch Würstchen dabei, anders lässt sich der plötzlich eroberte Senf kaum erklären. Hinten in der Schmuddelecke hocken fünftausend Deprimierte aus Sankt Ellingen und um sie herum toben 56.000 Schalker. Hach, ist das herrlich!
Halbe Stunde noch zu spielen, ein Mann mehr aufm Platz, jetzt machmer se rund! Ein bisschen kau ich zwar auf den Fingernägeln, wegen Leverkusen damals, drei Mann mehr und trotzdem nur haarscharf an ner Niederlage vorbei geschrammt - aber das war damals, wen kümmert das noch? Ha! Wir sind am Drücker, haben das Ding unter Kontrolle. Also, ich habs unter Kontrolle, genau genommen. Wann immer ich entsetzt „ABSEITS!“ schreie, reisst der Mann vierzig Meter weiter unten die Fahne hoch und stoppt den HSV-Angriff, und als ich in die Runde werfe, dass Rakitic offensichtlich eine „Vorzugsrichtung Rechts“ habe und gute Pässe nur dahin spiele, Links deshalb zu sehr vernachlässigt werde, da wechselt Magath sofort Kenia für die linke Seite ein. Bravo, was soll denn da noch dazwischen kommen?!
Ze Roberto.
Der kommt dazwischen. Ist ungefähr 80 Jahre alt, aber bewegt sich wie ein dreiundzwanzigjähriger Ballettvirtuose, der phantastisch kicken kann. Schwebt durch die blauen Reihen, als wären sie nicht existent, legt perfekt vor auf den verdammten Norweger-Schweden-Finnen oder was auch immer der ist und der macht zehn Minuten vor Ende das 2:3 für den Gast vonne anderen Seite vom Elbtunnel. Oh Nein. Wie soll das Herz das aushalten? Eben noch warste glücklich und voller Hoffnung und jetzt ist alles aus. Wirklich alles aus. Wars ja schon zur Halbzeit. Hast dich wieder lächerlich gemacht. Völlig bescheuert, zu glauben, das könne gut ausgehen. Ne, das geht nicht gut aus. Das war’s. Hinten purzeln alkohol- und freudetrunkene Junghanseaten im Gästeblock herum, und hier vor meiner Nase jubelt Torschütze Berg direkt vor der Nordkurve - ganz normal eigentlich, aber seit sich die bekloppten Borussen-Verlierer über sowas aufregten, seitdem fällt mir sowas auch auf. Ist mir aber trotzdem egal. Bin eh grad am Boden zerstört.
Da hilfts auch nicht, dass Westermann und immer wieder Kuranyi die Pille nicht vernünftig annehmen. Oder dass die Hamburger immer noch nicht nachlassen: Die haben alle ihre Topstürmer verletzt auffe Tribüne, unter der Woche bei Celtic gewonnen (Europapokal Auswärts, ich erinnere mich dunkel, seufz,…), sind seit ner halben Stunde einer weniger - und trotzdem hängt denen die Zunge jetzt nicht auffe Schuhsohle! Wie machen die das? Die Zeit verstreicht und nix tut sich und alles ist schrecklich und morgen werd ich wieder heimlich am Büro der Rechtsabteilung vorbei huschen müssen, dessen Bayern gestern in letzter Minute ihren achttausendsten Duselsieg einfuhren und nur noch einen Punkt hinter uns stehen. Seufz. Nichma’s Bier schmeckt mehr. Magath tobt an der Seitenlinie, weil Bordon jetzt wieder mit seiner Spezial-Pöhlerei beginnt. Wo sind unsere Mittelfeldspieler jetzt abgeblieben? Kenia wuselt vorne und überall, nur nicht in der Mitte, und Rakitic steht unanspielbar herum. Hallo, bitte, bitte, tut was!
Die letzte Minute läuft. Und da keimt jetzt auch Ärger in mir. Wegen der Ungerechtigkeit von Allem. Und überhaupt. Da, Westermann schon wieder - eben hat er unbedrängt eine Flanke von links zehn Meter hinter die A3 bei Duisburg gesäbelt, und jetzt setzt er aus derselben Position schon wieder zu ner Flanke an „NEIN, WESTER, TUS NICHT!“ schreie ich, aber zu spät, der Ball segelt in den Fünfer, über Rost hinweg und mit großen Augen und weit offenem Mund hauche ich „…tor…?!“ - und da ist Kuranyi und macht’s tatsächlich. Tor. Für Schalke. Letzte Minute. Ausgleich. „UND DU HAST WESTERMANN ANGESCHRIEN!“ ruft ein völlig euphorischer Stefan aus der Reihe vor mir und schlägt mir vor die Brust und ich gebs glücklich zu „Ja. Und drin. Gibts doch nicht!“ Hinter uns fällt einer die Treppe hinunter, ist beim Springen wohl schief aufgekommen, und berappelt sich lachend. Was für ein Chaos. Senf? Ketchup irgendwo? Bier? Ne, diesmal isses wohl gut gegangen, und kaum hat man sich gefangen, da segelt auf einmal noch eine letzte Flanke in den Strafraum, und die Hamburger stehen schlecht und DA STEHT ASAMOAH VÖLLIG FREI VORM TOR
…
das Kreischen ist ohrenbetäubend. Die Leute fallen ineinander, werfen die Arme, schlagen die Hände vor die Stirn, bücken sich als hätten sie Schmerzen - Asa köpft die Pille dem verdutzten Rost genau in die Arme. Aus.
Was für ein Finale!
Es dauert ein paar Sekunden bis jeder mitbekommen hat, dass es vorbei ist. 3:3, ein großes Spiel - und dann brandet Applaus durch die Arena, und die Schalker werden gefeiert. Ein großer Kampf, gerechter Lohn. Und wir waren dabei - das ist es, was uns herzieht! Auf sowas hofft man! Aber, ach, hätte Asa doch nur getroffen… was dann hier los gewesen wäre! Wahnsinn!
Auch so ist es eine Party, über die sich mancher da unten auf dem Rasen wohl auch wundert. Ist man in Hamburg nicht gewohnt - und hier ja auch nicht wirklich. Die Knabenknappen erobern einen Punkt, zwar spielerisch leicht unterlegen gegen einen stark ersatzgeschwächten Titelfavoriten, aber eben mit viel Herz und mit dem Willen, den man braucht. Der Traum geht weiter, keine Frage.
Die Massen ziehen glücklich aus, so glücklich wie selten in den letzten Jahren. Kein böses Wort zu hören. Anerkennung für die Hamburger, Ze Roberto vorne weg, Anerkennung und Stolz über die Leistung der Schalker. Schade, nach solchen Spielen wünscht man sich, das Wochenende noch vor sich zu haben, um ungestört im Glück baden zu können…
Offenbar sind heute weniger Leute als sonst schon vorzeitig aus der Arena geflohen, denn draußen sind die Wege zu den Parkplätzen auch eine halbe Stunde nach Schlusspfiff noch völlig verstopft. Aufgeregtes Geschnatter überall, und dann fährt oben am Arenaring ein Feuerwehrfahrzeug mit Sirene los, und die Wechselmelodie der beiden Töne ist derart bekannt, gleich mehrere Schalker schreien ihre Antwort in die Nacht: „ATTACKE!“



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Danke Matthias für den netten Bericht, Musste einige Male echt schmunzeln, schön geschrieben.
Aber sag mal, dass Spiel “damals” gegen Leberkuchen, waren da nicht 3 (einer in der ersten Hälfte, Rest später?) Platzverweise und der Duselausgleich für uns in der 88. Minute oder so? War es der Wagner damals der das Ding aus 3 Metern reingestochert hat. War Flutlicht und ein Scheissssssspiel, ich erinnere mich.
Stimmt! Unglaubliche 13 Jahre her ist das und gleich in der ersten Halbzeit flogen zwei mit gelb-rot vom Platz, nachher dann auch noch Ramelow, und wir haben bis zur 90. gezittert (unds auch ehrlich nicht mehr geglaubt, gelle? :-)
Klasse Bericht! Mein Respekt!
Freut mich, dass du offenbar wieder die Lust am schreiben gefunden hast. Mit dem Bericht übertriffst du dich mal wieder selbst. Bitte ab jetzt wieder öfter!
Schöner Bericht. Lange drauf gewartet wieder was von dir zuhören. Hatte noch auf nen Fotobericht aus Stuttgart gehofft…
Danke! Weiter so!
Achja, hat sich das mit den schwatz gelben mails noch klären können, nicht das die meinen du arbeitest wirklich für die, und du nachher schuld bist das die ihre konten leer haben! ;)
die eMail, ja, das hat sich geklärt. Ich hatte auf die eMail geantwortet, dass mir kaum etwas ferner läge als Teil der Fanbetreuung des BVB zu sein, dass ich die eMail aber gerne weiterleite an jmd der dort wirklich arbeitet. Das hab ich auch gemacht (Adresse ausm Netz gesucht) - die Gelben haben nicht geantwortet, die Meinungsforscher schon. Die hatten erst aus Versehen den BVB angeschrieben mit der Bitte um Zusammenarbeit mit dem VfL Wolfsburg (!) und sich dann bei der Entschuldigungsemail nochmal verhauen - die bekam dann nämlich nicht nur ich sondern angeblich ging die an einen ziemlich großen Verteiler. Komisch war nur, dass in dieser eMail an die Fanbetreuung des BVB wirklich die “Auswärtssieg!”-Website erwähnt wird… bestimmt war’n Computerprogramm schuld.
[... Endlich wieder ein Bericht zum einem Profispiel von dir, Matthias :-) Sehr schön :-)) ...]
Geiles Spiel und ein ebensolcher Augenzeugenbericht - Danke dafür! Ihr solltet das Essen in Eurem Block demnächst unterlassen ;-)
Liebe Grüße an die Helenin, die ja doch weitläufig mit dem Orakel von Delphi verwandt scheint…
W.
[... (->Auswärtssieg!) ...]
Dieses permanente Rauschen im Blätterwald wirkt wie eine Überdosis Kaffee:
erst ist dir etwas übel, dann jedoch drehst du voll auf.
In diesem Sinne: vielen Dank an die abschreibende Zunft!
Lieber Matthias,
lesen wir das zwei Tage nach diesem tollen Spiel, also heute am 27.10. richtig: “„heute Heimsieg, morgen Farfans Geburtstag, übermorgen deiner, dann meiner und Auswärtssieg bei Sechzig”?
Dann verrate uns doch auch noch Deinen Jahrgang. Ich hab keine Lust zu suchen, wann Du den wo erwähnt haben könntest.
Glückauf
Ja, je nachdem wie du’s verstanden hast, liest du richtig ;-) Der “Jo” hat heute Geburtstag, und ich morgen (28.10.), zusammen mit Bill Gates und Julia Roberts, klar dass da für mich weder Kohle noch Schönheit übrig blieb. Na, dafür hab ich Dauerkarten auf Schalke und mein Lieblingsgeschenk macht mir ja dann hoffentlich der königsblaue Haufen da im Grünwalder -äh- Fröttmaninger Stadion.
Mein Baujahr ist total geheim, und auch wenn ich vielleicht so alt aussehe: die Oberliga West kenn ich wirklich nur aus Büchern, und außerdem fühl ich mich nach jedem Tor der Blauen eh wie neu geboren. Oder so ;-)
…dann meinen herzlichen Glückwunsch und alles Gute zum Geburtstag! Klasse Bericht von einem absolut geilen Fußballspiel!
Auch von mir einen herzlichen Glückwunsch!
Vielen Dank für den schönen Bericht. Hast das Wechselbad der Emotionen sehr treffend beschrieben! Solche Spiele wünscht man sich doch. Demnächst dann bitte nur noch mit dem noch glücklicheren Ausgang für unsere Blauen.
Merci!