Hebt den Deckel, die Stimmung kocht!
Geschrieben von: Meli in Liga, Profis (1,050 views)Schalke – HSV 3:3
Die Hitze wallt durch meinen Körper, mein Gesicht steht dem, in den letzten Wochen so häufig gesehenen Ulli-Hoeneß-Gedächtnis-Rot, in nichts nach. Mein Herz rast, meine Hände zittern, die Luft ist so schwer, als könnte man sie greifen. Das Dröhnen der Boxen wummert in meinen Ohren, in meinem Gesicht, ein Lächeln von einem Ohr zu anderen. Schemenhaft nehme ich die Bilder auf der Mattscheibe wahr, „lauf, jetzt rechts, schieb rüber, jetzt, Kuranyi Kopf, jaaaaaaaaaaaaaa!“ Ein Echo von vier anderen Stimmen brüllt mir entgegen, es wird unerträglich laut auf den 15 qm um mich herum, ich springe auf, werf meinen Schal hinter den Fernseher, ich sehe rechts, wie mein Bruder sich auf die Brust schlägt, die Gesichtsfarbe nicht weniger rot als meine, mein Vater trampelt auf den Boden, meine Omma hüpft auf der Couch, soweit es ihre frische OP-Narbe zulässt.
Ich habe meine Familie noch nie so gesehen, habe mich selten so gesehen, wir sind alle außer Rand und Band. In meinem Hinterkopf streiten sich zwei kleine Menschen, der eine ist sauer, weil er mal wieder recht hatte und doch unbedingt zum HSV-Spiel fahren wollte, und auch mal wieder meinen Bruder entscheiden lassen hat, dass wir uns das dieses Jahr nicht schon wieder antun, die andere Stimme ist nur noch dankbar, bei diesem Spiel im Stadion zu sein, würde gleichbedeutend heißen, dass ich am Montag morgen noch nicht mal den Gedanken zu Ende denken könnte, auf die Arbeit zu gehen. Nebenher sehe ich wieder einen Konter, mein Herz holpert, Asamoah fliegt in den Ball, mein Herz stolpert, Rost hat ihn sicher, wenn der drin gewesen wäre, ich weiß nicht, ob meine Katzen dann jemals wieder unter dem Bett ohne Gehörschaden hervor gekommen wären. Dann ist Schluss, wir lassen uns alle gleichzeitig in die Couch fallen, atmen ist jetzt erst mal angesagt, der Fernseher fährt auf Zimmerlautstärke herunter. Werbung! Ich greif mir automatisch an die Brust, das Herz boxt gegen die Hand, wäre ich 40 Jahre älter, ich weiß nicht wie es mir dann gehen würde. Aber was war passiert? In meinem Kopf drücke ich den Rück spul-Knopf, bei 17:02 bleibt er stehen. Play!
Meine Familie kann nicht, wie andere Familien, erstens zu der ausgemachten Zeit kommen und dann zweitens eine Wohnung betreten wie eine normale Familie. Mein Vater vergisst immer, die Haustür gleich wieder zu schließen, „die Kaaaatzen!“ rufe ich unter lautem Stöhnen, meine Omma quetscht sich immer überall durch, Ziel: schnell wieder irgendwo sitzen, meine Mutter sucht stundenlang einen Parkplatz und kommt dann unter lautem Geschimpfe die Treppen hoch. Und ich hatte eben noch so schön geschlummert. Irgendwie quetschen wir uns alle auf die Couch, ich gebe meinen Platz diesmal nicht freiwillig ab, mein Kopf ist immer noch verkatert, die Vorfreude auf das Spiel ist somit gegen 0 gesunken. Dabei war ich so aufgeregt, die Wochen der Wahrheit, ich muss sagen, ich habe ein gutes Gefühl, dass wir uns nicht als „Hirngespenst“ der letzten Spiele verkaufen. Und während ich mich in mein gutes Bauchgefühl einmuggel, sehe ich das Gespensterspiel in Berlin. Hertha war für mich nie interessant, waren immer irgendwie dabei, zweimal im Jahr hab ich die Mannschaft länger als 5 min gesehen, immer dann wenn sie gegen uns gespielt haben, aber ansonsten, selbst letztes Jahr, als alle Favre feierten, als wäre er der König von Deutschland, selbst da blieben meine Gefühlsregungen für den Verein bei einem Schulterzucken. Das Fußballgeschäft ist hart und schnelllebig, wir Schalker wissen das wahrscheinlich mit am besten, Orlando Superstar ist morgen die Ente von Twente, Mr. 30 Millionen Mario Gomez, ist morgen gut genug für die Reservebank, und nur manchmal darf er auch mitspielen. Was mit Favre passiert ist, das ist erschreckend und Magath, mein neuer Lieblingsrhetoriker, gibt dem Kind auch den passenden Namen. „Am Ende ist immer der Trainer der Depp!“ Das der Ausverkauf einer Mannschaft schneller von statten ging, als bei Woolworth in Buer, das wird wissentlich vergessen, in Medien, mal wieder, ach Berlin, icke kann euch so jut verstehn. Und wenn heute Wolfsburg singt „Kniet nieder ihr Bauern, der Meister ist zu Gast!“ dann fragen sich die Berliner wahrscheinlich zwei Dinge gleichzeitig. Erst „Ja wie knien? Wir sind doch schon am Boden!“ und dann „Wenn ihr der Meister seit, warum spielt ihr denn dann SO?“ Es ist wirklich ein Grottenkick, am Ende freut sich unsereins, dass Berlin ein Pünktchen holt, auch wenn wir dankbar um 17:15 umschalten, minimaler Vorbericht, diese Anstoßzeiten, ach ich weiß ja nicht. Wieder einmal die Finanzkrise, was freu ich mich schon auf Oli´s Artikel, denn so langsam aber sicher geht es mir mehr als schwer gegen den Strich. Ich, die immer als erstes mit der rosa-roten, in diesem Falle mit der blau-weißen Brille durch die Gegend läuft und schlechte Bericht lieber nur überfliegt, selbst ICH, kann mich noch sehr gut an den Bericht Ende letzten Jahres erinnern, mit der 300 Millionen Schuldenfalle. Abgesehen davon, dass diese Zahlen auch noch im März diesen Jahres publiziert worden sind, vor dem letzten Lizensierungsverfahren, als ich schon dachte „oh oh oh!“ Ich hoffe auf die DFL, das wir Ende dieser Woche Klarheit haben, damit all die Schwätzer endlich ihre Schnute halten. So ungefähr drückt es Magath auch aus. Als die Mannschaften einlaufen, ist die komplette Gegengerade in Rot gehalten, ich frag mich was das soll, wollte man den HSV willkommen heißen, der heute die roten Trikots trägt? Wahrscheinlich eher nicht.
Felix überrascht heute mit einem „extrem“ offensiven Kader, heißt 3 Stürmer, Altintop darf auch mal wieder, verwirrt suche ich Höwedes, finde ihn aber nicht, dafür Mineiro, naja wird der Benni auch mal ein Päusken haben dürfen. Das Spiel ist nicht schlecht, Schalke will unbedingt, das ist schon von Anfang an klar, dass das hier nicht so ein „Spitzenspiel“ wird, wie HSV gegen Leverkusen, wir wollen gewinnen und das sieht man auch. Manchmal. Denn hier ein Fehlpass, da ein Abspielfehler, dort ein Missverständnis, oh je, der HSV fackelt nicht lange, Berg, aka „Iceberg“ steht da wo ein Stürmer stehen soll, nämlich frei vorm Tor, kriegt die Pille von Eliah, der mit Ball am Fuß um etliches schneller ist als Zambrano ohne, bums, Manu machtlos, 1:0 für Nordisch by nature. Ich bin wütend, mein Vater hats mal wieder schon voraus gesehen, meine Omma meckert über Stellungsfehler, ich hau mit der flachen Hand auf den Tisch, selten habe ich mich so wütend erlebt. Unnötig, doof, will ich nicht, ich fühl mich wie ein bockiges Kind, mein Bruder mault und geht Nachschub für die Nerven holen. Problem ist, nach vorne geht bei uns irgendwie nix. Da kommt nix an, da geht alles vorbei, und dann hält Rost auch noch unverschämt gut, als würde ihm bei jedem gehaltenen Ball die Genugtuung den Rücken runter rutschen. Tja, Rost, was Du von uns hältst, dürfen wir dann ja nach Abpfiff aus erster Hand erfahren. Irgendwann ein Freistoß von Trochowski, der knallt das Ding aus 32 Metern in die Torwartecke, ich seh den Kommentator schon fast süffisant grinsend, als er die Erkenntnis ausspuckt, „dass der jawohl haltbar war!“ Meine Schimpftiraden gehen im Schlusspfiff unter, ich mecker wie ein Rohrspatz, der Herr Dittmann steht von jetzt an dem Marcel Reif auf meiner „zu ignorierenden Kommentatorenliste“ in nichts nach. Penner!
In der Halbzeit beschließe ich doch ein Konter-Radler zu trinken, wenn wir hier schon verlieren, trink ich mir wenigstens das Spiel schön, oder so. Felix lässt Mineiro draußen, bringt Rakete, find ich gut, jetzt alles nach vorne, wir werden zwar eh keine 3 Tore mehr schießen, aber wir müssen ja jetzt auch nicht anfangen das 2:0 zu halten. Das Spiel beginnt sofort aggressiver, die Stimmung ist plötzlich anders, wenn mir früher Fans erzählt haben, die Stimmung müsste vom Platz auf die Ränge übertragen werden, war das für mich kaum vorstellbar, doch genau das passiert hier gerade. Selbst bei uns auf der Couch wird es plötzlich anders, da geht doch noch was. Es dauert keine 5 Minuten, ich sehe vor meinem geistigen Auge noch die Hälfte der Zuschauer mit Bier und Wurst bewaffnet die Treppe runter stolpern, da läuft auf dem Platz ein Konter, Kuranyi bekommt einen Zuckerpass von Rafinha, alles erinnert an Stuttgart, und wenn es läuft, dann läufts, kling bing bumm, das Aluminium ist zur Zeit Kevins bester Freund, Kurzhaaryi vollstreckt mit der Birne zum 1:2. Unser Wohnzimmer ist die Arena, es bebt, wir springen alle auf, wenn mein Bruder könnte, er würde jetzt sein Bier schmeißen, ich weiß es, ich drück meine Omma, die Fäuste geballt, nee nee nee HSV, so einfach machen wir euch das nicht, mit der Tabellenführung. Und als ob wir alle wissen, dass der Drop hier noch nicht mal aus der Silberfolie raus ist, anstatt gelutscht, so wie die Hamburger dachten, spielen unsere Jungs, als ob es, wie die Medien gerade in ihren Blättern verbreiten, kein Morgen mehr geben wird. Wieder ein Konter, der hohe Norden scheint sich über das 1:2 immer noch die Augen zu reiben, da lümmelt Kuranyi Rozendahl den Ball ab, der denkt „Augen zu und durch!“, letzter Mann, klare Torchance, ein Pfiff, wir sind wieder alle auf den Beinen, schreien aus vollem Hals „Elfmetaaaaaaaa!“ als würde der Schiri uns hören, doch der bleibt stehen, bespricht sich über das halbe Feld mit seinem Assistenten, der wiegelt ab, war nicht im Strafraum, was bei uns auf lautstarkes Unverständnis trifft, Freistoß, rote Karte, hihihi, wir lachen uns in Fäustchen, jetzt sindse dran. Bordon nimmt sich den Ball und knallt den in die Mauer, was ein Glück durch die einzige Lücke in der Mauer, jeder der sich da in den Weg stellen würde, hätte jetzt den Kopp ab, Rost hält gut, aber wir sind besser. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll, da steht Schmitz, der am Freitag den Vertrag seines Lebens abgeschlossen hat, hält den Kopf hin, und das Tor geht im Siegestaumel unter. Ich sehe am Rand, wie die Südkurve sich fast überschlagt als Schmitz in die Ecke läuft, mit einem Lachen, strahlender als das Flutlicht, 60.000 brüllen, toben, der Ton im Fernseher setzt fast aus, ich bin irgendwo zwischen Couch und unter dem Tisch, Hilfe, was ist nur mit uns passiert?
In der Arena peitscht das Schaaaalke, Schaaaalke durch die Ränge, wir stehen unter 200.000 Volt absolute Hochspannung, da kommt Ze Roberto, der von Franz Beckenbauer ernannte „nicht Fußballer, Dänzer isser!“ der ist aber auch einfach zu gut, tänzelt uns wirklich alle aus, macht Zambrano nass, Bordon lässt er stehen, in die Lücke, die entsteht legt er den Ball glatt zu Berg auf, Manu schon wieder machtlos, zieht auch noch doof aus, durch die Beine, ein lautes Knurren durch zuckt meinen Körper, verdammt. Es wäre nicht eines der schönsten Spiele, seit Ewigkeiten gewesen, wenn nicht genau dann wieder die Szenen in meinen Kopf ablaufen würden, die ich zum Anfang beschrieben habe. Blau und weiß-wie lieb ich dich!
Nach dem Spiel beruhigen wir uns alle wieder, sind uns alle einig, dass wir ein sehr gutes Fußballspiel gesehen haben, wir haben wirklich 3:3 gewonnen. Dunkle Erinnerungen werden wach, an den letzten September im Jahre 2008, als wir nach dem 3:0 bei den schwach-gelben noch ein 3:3 kassiert haben, so fühlt sich das also an. Aha, nun ja, der HSV ist fertig, sitzt am Boden und fragt sich, welcher Tornado da gerade durch die Arena gefegt ist. So richtig begreifen können sie es nicht, hatten sie sich doch mindestens 3 Mal als Tabellenführer gefühlt. Frank Rost tritt in der sky90 Talkrunde vors Mikro, über diese Talkrunde verliere ich nur zwei Sätze. Trotz Jauch, Reif und Beckenbauer muss ich mich so sehr aufregen, dass mein Herz gerade wieder in den Rhythmus der zweiten Halbzeit verfällt. Kaiser Franz gehört für mich seit diesem Abend zu meinen absoluten Weltfußballern, auch nach der Karriere, denn er ist der einzige, der Schalke in Schutz nimmt und weiß, nein lieber Herr Jauch, Manuel Neuer wird nicht in der Winterpause zu den Bayern gehen, weil der Magath nicht dumm ist, und übrigens ich werde so schnell kein „Wer wird Millionär?“ mehr gucken.
Frank Rost allerdings übertrifft das alles noch um Längen, als er dümmlich grinsend auf die Frage hin antwortet, wie er sich denn so fühle nach diesem „Bombenspiel“, dass er ja sich schon sehr wundert, wie anspruchslos die Fans auf Schalke geworden sind, wenn sie bei einem Unentschieden ihre Mannschaft trotz Überzahl so feiern, als hätten sie gewonnen. Lieber Herr Rost, kleine Bitte aus dem weitentfernten Frankfurt: Wenn man keine Ahnung hat, lieber mal… Ach und noch was. Wir haben gewonnen, einen Punkt, euch zwei weggenommen, und drei Gegentore geschenkt. Yes, we can. Und yes, we can noch besser!



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Liebe Meli,
Deine Berichte werden immer besser. Danke!
Ich brauchte Gestern gute drei Stunden um nach der irrwitzigen Anspannung in der Arena wieder festen Gefühlsboden unter die Füße zu bekommen. Als ich nach Hause kam, lief die Amokrunde bei Sky noch … ich war mit dem Finger auffem Bestimmergerät schneller, als Eliah gegen Zambrano.
@Ich sehe am Rand, wie die Südkurve sich fast überschlagt …
ja, so war es. :-)
geiler bericht, aber die stimmung war noch besser als von dir beschrieben.
Treffend auf den Punkt gerbracht, liebe Melli! Erste Sahne, dein Bericht.
btw: ich hab mich immer noch nicht ganz beruhigt! :-)
Klasse Bericht! Mein Respekt!
Meli for President :)
Geiler Bericht, Danke.
Ich will die Omma kennenlernen!
Und außerdem finde ich, gehören diese Abenteuer der Brauseschleuderfamilie verfilmt. So als Serie, halbe Stunde jedesmal, ausgestrahlt anstelle von langweiligen Europapokal- oder Länderspielen.
[... 1a, vielen Dank! Dat is Schalke! ...]
[... Weltklasse. Danke. ...]
@Matthes: Wenn Du willst, kannst Du die Omma im März gegen Frankfurt kennenlernen… :)
Ich war ganz allein zu Hause vor dem Fernseher - und selbst ich habe die Welle der Hammerstimmung noch bis in mein Wohnzimmer in Mittelhessen fühlen können. Genau wie du, habe ich Gefühlsschwankungen und Herzstolpern erlebt. Danke für deinen unterhaltsamen Bericht - er hat mich für 10 Minuten wieder nach Sonntag 17:30 bis 19:15 Uhr versetzt.
Einfach nur geil :)