FC Schalke 04 – Hannoverscher SV 96 2:0, 13. Spieltag 2009/10
Denn der Grund, weshalb unsere Seele von einem Körper umgeben wird, könnte der sein, dass sie nur darin fähig ist zu leiden, so dass sie sich anderen mitteilt, um so schließlich die wichtigste Dimension der Schöpfung zu erfahren: die Liebe. (U.-N. Riede, 1998)
Die Arbeitswoche von Sonntag bis Freitag war mal wieder ziemlich hart. Daher freute ich mich schon riesig auf das Heimspiel gegen Hannover. Was ich am Wochenende machen werde, fragte mich ein Kollege. Nichts, einfach mal entspannen, sagte ich. Ich musste mir ein wenig das Grinsen verkneifen. Entspannen beim Fußball. So sind wir. Eustress halt. Als der Wecker um 6.30 Uhr den Schalke-Tag einläutete, mussten wir uns erst einmal sortieren. Zur Arbeit? Weiterbildung? Nee, heute mal nicht. Die Kellergeister sorgten für die richtige Stimmung und schon ging die Reise los.
Hannover. Ein Spiel, ein Gegner, wo niemanden interessiert (frei nach Onkel Jürgen). Eigentlich. Nur heute nicht. Heute ist alles anders. Und das wusste ich spätestens seit dem 11. November, als mir bewusst wurde, dass unser nächster Gegner der Verein von Robert Enke sein sollte. Muss das sein? Robert Enke ist am 10. November von uns gegangen. Er hat es geschafft. Einer von vier Millionen in unserem Land, die an Depressionen leiden. Aber es berührt mich schon sehr, im Gegensatz zu all den anderen, die ich erlebt habe und die es nicht geschafft haben. Zurück ins Leben, hieß es dann. Und alles begann für die Leute wieder von vorn. Mensch, das macht man doch nicht, sie haben doch Verantwortung, hieß es so manchmal. Enke war einer von uns. Einer aus unserer Fußballfamilie. Er spielte nicht für unsere Blauen, aber immerhin für die Nationalmannschaft. Machen wir uns nichts vor, wenn er für uns gespielt hätte, wir hätten ihn geliebt. Bei welchem Verein jemand spielt, ist doch heute eigentlich völlig egal. Die Leute werden herumgereicht. Und wenn derjenige dann für uns Tore schießt oder verhindert, ist er einer von uns. Wir kennen das ja nur zu gut von den Möllers, Libudas, Anderbrügges, Freunds und wie sie alle hießen. So lange sie die unsrige Schärpe tragen, ist alles in bester Ordnung. Bei Robert Enke war das vielleicht ein wenig anders. Ein klasse Torwart und sicherlich auch ein guter Mensch. Nur ein Schwacher wollte er nicht sein. Abends am 10. November, als ich nach dem Dienst von seinem Freitod erfahren habe, hatte ich überlegt, wo ich ihn noch hatte spielen sehen dürfen. Na klar: in Cardiff im April, im Januar in Hannover, als er mir den letzten Nerv raubte und unhaltbare Bälle von den Blauen doch noch wegfischte, und dann letztes Jahr im September in Helsinki. Klasse Spiele von ihm.
Das einem, der sportlich noch nicht sonderlich viel erreicht hatte, so eine Anteilnahme, und irgendwie auch eine Ehre, zuteil wird, fand ich schon beeindruckend. Auf einmal halten wir alle zusammen und können Wichtiges von Unwichtigem trennen. In Barcelona war Enke nur zweiter Mann, wahrscheinlich schon längst vergessen. Und in einem Spiel um den spanischen Vereinspokal halten die Katalanen inne und gedenken seiner. Das ist Fußball. In Hannover ziehen mehr Leute in einem Trauermarsch durch die Stadt oder wohnen der Trauerfeier im Stadion bei, als zu manchem Spiel der Roten gekommen wären. So ist Fußball. Fußball ist nicht alles, sagte der Zwanziger Theo. Doch es ist so viel. Für den einen mehr, für den anderen noch viel mehr. Fußball hält uns am und im Leben. Da bin mir, für meinen Teil zumindest, ziemlich sicher. Und nun sollten wir gegen Hannover um drei wichtige Bundesligapunkte spielen. Spiel 1 nach Enke. Wie soll das gehen? Es muss einfach weiter gehen. So ist der Lauf der Zeit.
Pünktlich um halb Eins trudelten wir dann in Gelsenkirchen ein. Schönes Wetter. Endlich lacht mal wieder die Sonne. Es geht also doch weiter. Glühwein on the rocks verlangen die einen am Bahnhof und wir huschen schnell in die Strapazenbahn und kehren anschließend bei Hasan ein. Nach Stärkung mit Speis’ und Trank fahren wir auch gleich raus zum Platz. Gerade rechtzeitig, als es politisch wurde und die blöde Schweinegrippe am Tisch Thema wurde. Ich kann es nicht mehr hören. Ich könnte platzen! Erst am Stadion merken wir, dass wir sehr früh dran sind. Irgendwie haben wir uns vergaloppiert. Na ja, nun sitzen wir erst einmal im Block B und schlürfen Heißgetränke. „RIP Robert“-Fahnen bei den Roten und bei uns. Heute ist es irgendwie sehr still vor dem Spiel, eine ganz seltsame Atmosphäre. Kaum haben unsere beiden Stadionsprecher den Rasen betreten, werden die Gästefans willkommen geheißen. Das kenne ich so nicht – jedenfalls klatschen die Anhänger der Blauen sonst nicht. Die beiden Hannoveraner Torhüter kommen und werden nicht nur von ihren Unterstützern begrüßt. Später dann kommt der Rest der Niedersachsen und das ganze Stadion begrüßt sie mit einem warmen Applaus. Auch so ist Fußball. Heute ist alles anders. Noch schnell eine Hopfenkaltschale für den Weg besorgt und schon stehen wir wieder im Block I. Erst jetzt fällt mir auf, dass die Musikanlage heute irgendwie leiser ist als sonst und dass es auch sonst nicht so viel auf die Ohren gibt. Gut so. Warum nicht immer so? Mit Bedacht werden die Mannschaftsaufstellungen verlesen. Irgendwie erinnert mich das heutige Spiel an jenes im September 2001 gegen Panathinaikos AO aus Athen. Bei den Ultras scheint heute ein neuer Vorturner am Start zu sein, denn er heizt nach unserer Mannschaftsaufstellung die seinigen mit einem Lied ein, obwohl doch ein jeder weiß, dass nun unser Vereinslied erklingt. Der Rest des Stadions singt brav unser Lied. Erst nach einer Weile stimmen die Ultras mit ein. Soviel dazu. Wichtig ist… Egal. Na, vielleicht hatten die Ultras noch auf das „Hallo Bierbude“ gewartet, was heute auch nicht dargeboten wurde. So gefällt mir das. Sie waren wohl irritiert? Nur schade, dass das Vorprogramm wohl dem Anlass entsprechend reduziert wurde und beim nächsten Spiel gegen Berlin dann wieder volle Pulle geröhrt wird. Auch beim Einlaufen der Mannschaften keine Musik, sondern auch hier „nur“ Applaus von den Rängen. Wie gesagt, heute herrschte eine ganz seltsame Atmosphäre. Gänsehaut, oder Hühnerfell, wie wir eigentlich sagen, als über 61.000 Leute im Stadion still da stehen, inne halten und Robert Enkes gedenken. Beileidsbekundungen aus unserer Kurve. Noch einen tiefen Schluck aus dem Becher – auf Dich, Robert – und das Leben geht wieder weiter. Lebbe is hart, abba Lebbe geht weiter – sagt man. Der Fußball hat wieder Oberhand. Das sehen auch die Roten dort drüben. Jetzt geht es wieder um Sieg oder Spielabbruch.
Hannover. Da fällt mir Herr Kind und „50+1 muss bleiben“ ein. Na klar. Wir wollen keine Marken. Sind wir alle aber nicht ein wenig selbst Schuld daran? Wer spielt schon gegen den Hannoverschen SV 96, die SG Eintracht aus Frankfurt den Braunschweiger TSV Eintracht? Wohl kaum jemand. Was zählt, sind nur die Marken Hannover 96, Eintracht Frankfurt oder Eintracht Braunschweig. Das macht sich wohl irgendwie besser. Vereine lassen sich nicht gut vermarkten. Wenn wir und die Medien vielleicht einmal – wieder – bemerken, dass Fußball mit zwei Mannschaften von zwei verschiedenen Vereinen gespielt wird und wir wieder sehen, dass wir Anhänger und Unterstützer von Vereinen bzw. Mannschaften sind, kann sich vielleicht noch etwas ändern.
Ach ja, Fußball wurde ja auch noch gespielt. In den ersten sechs Minuten hätte es schon 2:1 für uns stehen können. Aber nein, wir können unsere Chancen nicht im Kasten der Roten unterbekommen und drüben wehrt Neuer einen richtig guten Ball ab. Nach und nach verflacht das Spiel. Der Hannoveraner Torhüter schießt den Ball von seinem Kasten ins Aus auf Höhe der Mittellinie. Ist der nervös? Der Pfeifenmann ist mal wieder nicht unser Freund. Unsere Leute werde an der Mittellinie kräftig gelegt und es gibt dafür keine Gelbe Karte. Na, immerhin Freistoß. Kuranyi steht mal wieder im Abseits. Jetzt reicht’s mir aber langsam. Während des gesamten Spiels sollte er annähernd 23.000 Mal vom Schiedsrichter zurück gepfiffen werden. Kann er das Spiel nicht lesen? Ich werde noch bekloppt hier. Irgendwann ist die erste Halbzeit vorbei. Gott sei Dank. Das geht doch nicht auf eine Kuhhaut. Wir spielen wieder total kompliziert, sehen die freien Leute nicht und verbauen uns so gute Tormöglichkeiten. Holtby wird ausgewechselt. Ist der schon wieder verletzt? Ich hätte ihn noch spielen lassen, fand ihn gar nicht schlecht. Schlecht wird mir heut fast beim Anblick von Westermann. Was macht der denn heute hier? Der Ball springt bei der Annahme wieder Meter weit weg und Pässe kommen nicht an. Wenn ich sehe, wie Maskotte Erwin vor dem Spiel mit seinen riesigen Galoschen den Ball liebkoste, kann ich nur sagen: Solche Spieler brauchen wir. Mensch Heiko, was geht ab? Anstatt Bordon, bedrängt von zwei Roten, den Ball wegdrischt, spitzelt er ihn Neuer zu. Ist der verrückt? Solche Dinger habe ich schon im Kasten gesehen. Sind denn hier alle nervös? Endlich kommt wieder Fahrt in unser Spiel und Feuer in die Hütte. Wir gewinnen an Oberhand und haben das Spiel bzw. Hannover im Griff. Doch keine der hundertprozentigen Chancen werden versenkt. Hier noch ein Aussetzer von Rakitic, als er den Ball, im Angriff befindlich, auf Höhe des Mittelkreises ins rechte Seitenaus schlägt. Dann mal wieder eine der vielen Ecken für uns, bums, der Ball ist drin. Tor! 1:0 für uns durch Farfan (69.). Und das nach einer Ecke. Ich werd’ verrückt. Jetzt bloß nicht wieder den Gang zurück schalten. Hannover ist noch nicht geschlagen, das Spiel ist noch nicht aus. Aber so richtig brennt nichts mehr an. Wir wechseln noch einmal. Moravek, neben Matip noch so ein Jungspund. Magath wird’s schon richten. Torschuss eines Blauen und abgewehrt. Bums. Kaum ist der Junge im Spiel, markiert er auch schon per Abstauber das 2:0 für uns (90.). Magath hat’s gerichtet. Mensch, was für ein Finale wieder. Das Spiel ist aus, wieder keine Musik aus den Boxen – und das ist gut so. Man feiert erst einmal sich und die Mannschaft, die sich dann wieder artig bei uns bedankt. Und nicht nur bei der Nordkurve. Einmal über den ganzen Platz gehen die Jungs. Und auch die, die noch schnell Interviews gegeben haben, eilen später noch hinzu. Mannschaft und Fans sind wieder eins. Erst viel später besingen wir dann den „königsblauen S04“.
Wenn es nicht so traurig und tragisch wäre, heute war es mal kein Ereignis „Fußball“, sondern einfach nur Fußball. Letzterer stand heute im Mittelpunkt. Wie auf dem Titelblatt im „Kreisel“. Schade, gegen Berlin, wie gesagt, wird es wieder so wie immer sein. Heute war alles anders.
Nach dem Spiel kehren wir noch kurz im „Kuzorra“ ein. Wir treffen Stephan und er erzählt viele Neuigkeiten: der ist verstorben, der ist krank, die ist verheiratet. Die Welt steht nie still. So langsam machen wir uns auf zur Bahn. Dort prophezeit der Paul, dass der FC Gelsenkirchen-Schalke 04 in der Saison 2009/10 Deutscher Fußballmeister wird. Abwarten. Bei Hasan nehmen wir noch schnell ein Kaltgetränk und philosophieren über seinen kleinen Weihnachtsbaum, den er schon aufgestellt hat. Verrückte Welt. Wann wir denn heute zu Hause sind, wollte er wissen. Schön, dass Du mich daran erinnerst, Hasan. Heute nicht mehr. Halb Eins in der Nacht sind wir erst zu Hause. Wenn alles gut geht. In Essen treffen wir noch zwei der „Altherrenriege“ aus Hannover. Schön, dass man immer mal wieder alte Bekannte von „früher“ trifft. Und so klönen wir noch über unser Spiel. Letztes Jahr hätten wir dieses Spiel bestimmt nicht gewonnen. Der Spaß am Fußball und an Schalke ist wieder zurückgekommen. Auf der Gegengeraden, dort, wo die beiden immer sitzen, schimpfen die Leute schon längst nicht mehr so, wie in den letzten Jahren, auch wenn wir mal wieder schlecht spielen. Einiges hat sich wohl geändert, seitdem Magath bei uns ist. Na ja, so fahren wir dann entspannt und ganz leise nach Hause. In Hannover ist der Zug dann fast leer, als die letzten Roten hier ausgespuckt wurden. In Wolfsburg ist gar nichts mehr los. Toter Hund. Die „goldenen“ Zeiten des VfL sind wohl schon wieder vorbei. Das Stadion war hier heute gegen Nürnberg nur zur drei Viertel gefüllt. Na ja, auch bei uns gab es mal schlechte Zeiten…
Alles wird wieder anders.


Saison 2010/2011
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Danke für Deinen Bericht!
Vieles konnte ich gut nachvollziehen - Du hast die merkwürdige und zugleich “richtige” Atmosphäre genau getroffen!