Wer viel über Bücher schreiben will, der muss auch viel lesen - und manchmal stolpert man dabei über etwas Überraschendes. So erging es mir, als ich in der Jubiläums-Ausgabe des „Schalker Kreisel“ aus 1954 einen Artikel fand, in dem berichtet wurde, dass man damals eine 37-bändige, in Leder und Pergament gehaltene Schalker Vereinschronik erstellt habe und sie in den Katakomben der Glückaufkampfbahn in Ehren halte. Und da ergaben sich natürlich brennende Fragen: Gibt es diese Chronik noch? Und darf ich mal blättern? Es gibt - und ich durfte!



Fotos aus dem Jubiläums-Kreisel von 1954

Dass die inzwischen 55 Jahre alten Bände noch existieren, das war relativ schnell klar. Allerdings findet sich die Chronik nicht im Museum des Vereins in der Arena Auf Schalke, sondern sie wird gut verwahrt im Archiv. Das hat Vor- und Nachteile für so jemanden Neugierigen wie mich. Im Museum hätte ich sie praktisch „sofort“ sehen, aber wohl kaum durchblättern können - ein Besuch im Archiv dagegen ist eher „unüblich“, um es mal vorsichtig auszudrücken, und so dauerte es ein Weilchen, bis nicht nur eine Zusage gegeben sondern auch ein beidseitig passender Termin gefunden war.

Und so schloss man mir an einem Spätnachmittag im Mai nach Durchwandern tiefer Gänge einen Raum am Berger Felde auf, wies mich kurz ein und ließ mich ein ins Paradies, in dem’s zwar ziemlich wenig Sauerstoff gab, aber dafür Unmengen an Material über die grandiosen Königsblauen.

Und da war sie, sauber eingeräumt in einen Schrank: die in dreijähriger Arbeit durch den “Archivausschuss” zusammengetragene Vereinschronik, die 1954 dem Präsidenten überreicht wurde. Gut zehn Jahre zuvor hatte der Krieg sowohl das Vereinsheim am Schalker Markt als auch die benachbarte Glückaufkampfbahn und somit alle Unterlagen vernichtet, und pünktlich zum 50.Geburtstag des S04 hatte der Verein nun diese Chronik fertig gestellt, erhielt mit ihr in gewissem Sinne seine Geschichte zurück.

Auf den „Kreisel-Fotos“ wars nicht zu erkennen, aber klar: Blaue Buchrücken! In alten Zeitungen findet man bisweilen für Schalke die Bezeichnung „Die Himmelblauen“. Die Buchrücken passen dazu jedenfalls besser als zu „Königsblau“. Aus manchen Bänden sieht man oben gelbe „Post-Its“ rausschauen - Markierungen, die wohl hilfreich waren beim Erstellen des 2004 herausgegebenen „Großen Blauen“, der hervorragend gemachten, im Buchhandel erhältlichen Vereinschronik „100 Schalker Jahre - 100 Schalker Geschichten“. Die grünen Bände unten bilden die Fortsetzungen der Chronik bis 1956, insgesamt nochmal fast ein Dutzend dicker Wälzer. Die im 54er Jubiläumskreisel erwähnten „37 Bände, davon fünf mit Fotos“ scheinen allerdings nicht mehr vollzählig erhalten zu sein.

Rechts im Schrank sieht man übrigens unter anderem Rainer Raaps Buch über „Die Fans im Revier“, oben liegen ein paar Ausgaben des Aufstiegsbuches „Wir sind wieder da“, unten gebundene Ausgaben der Sport Illustrierten aus den Vierzigern, und und und…


Ein schwerer, mehrere Millimeter dicker Deckel ist das,
fühlt sich an wie eine mit Pergament bezogene Holzplatte

Ich hab die Erlaubnis, zu nehmen, zu blättern, zu lesen, zu fotografieren und hier zu veröffentlichen (dafür Tausend Dank!) - und ergo verbringe ich ein ganzes Weilchen in dieser Kammer und zeige jetzt mal ein bisschen was aus dieser Chronik, deren erster Band eine reine schreibmaschinen getippte Ansammlung von Fußballergebnissen ist, gefolgt von vielen Bänden voller Zeitungskopien, in denen Berichte über Schalke markiert sind.

Es geht offenbar los erst in 1919, und auch danach wird es hier und da Lücken geben - man konnte damals eben nicht alle Medien dieses Planeten durchsuchen, kaprizierte sich vornehmlich auf Zeitungen aus Gelsenkirchen. In den letzten 50 Jahren sind viele dieser Lücken gefüllt worden, wie man dem „großen Blauen“ und vielen anderen Publikationen entnehmen kann.

Doch trotz aller Lücken: Diese prächtig gebundene und fein ausgestattete Chronik ist ein Einzelstück, eine von Hand zusammengetragene, schrankfüllende Arbeit, und da sitzt man schon ziemlich ehrfürchtig davor.


Größenvergleich über Schalke-Teppich im Archiv


…da geht einem das Herz auf, oder?


Die Verfasser werden genannt


Im ersten Band finden sich nur Spielergebnisse


Bände mit Zeitungsberichten sind mit Zeitraum gekennzeichnet

So viel also zum „Außen“, jetzt zum eigentlichen Inhalt. In über 30 dicken Bänden voller Zeitungsausschnitte gibt es natürlich tausende Artikel. Ich hab mal gezielt nach ein paar Ereignissen gesucht, Artikel um Artikel gelesen und irgendwann gemerkt, dass mich die Luft alle macht und ich besser einfach Fotos mache und die dann zuhause zu entziffern versuche.

Aus dieser Sammlung von Fotos hier mal eine Auswahl, mit ein bisschen mehr an Erklärungen. Es geht los mit einem der ersten Artikel über Westfalia überhaupt, dann mal was aus der Zeit des Baus der Glückaufkampfbahn, gefolgt von den Ereignissen rund um die Sperre der ersten Mannschaft und ihre triumphale Wiederkehr gegen Fortuna Düsseldorf und zuletzt noch was zur ersten Deutschen Meisterschaft.


1919: Westfalia Schalke war von BV Union Schonnebeck zu einem „Propagandaspiel zum Besten der Kriegsbeschädigten“ (des 1.Weltkrieges) verpflichtet worden. Westfalia siegt mit 6:1 - und auch beim Duell der Reserveteams behalten die Schalker mit 7:0 die Oberhand


1919: Ankündigung des Spiels des inzwischen dem TuS Schalke angeschlossenen Vereins gegen SV Hüllen. Das Spiel endet an der Grenzstraße mit 0:0. Die Kleinanzeigen rundherum stehlen der Spielankündigung glatt die Show, oder?


Juni 1928: zwei Monate vor der Platzweihe und Eröffnung der nagelneuen Glückaufkampfbahn wird der ebenfalls zur Anlage gehörenden Trainingsplatz eingeweiht mit Spielen zwischen Schalker Jugendmannschaften und einem Spiel der Schalker Stammelf gegen ihre Reserve. „Ein Besuch kann empfohlen werden“ - „Olympiaspieler“ Kuzorra & Co gewinnen trotz regnerischen und erst spät aufklarenden Wetters vor „überaus zahlreicher Zuschauerschaft“ mit 5:1.
Der Trainingsplatz, um den es hier geht, wurde Jahrzehnte später ein Aschenplatz und erst durch die Umbauten zur WM2006 zerstört.


18.August 1930: „Es ist ein Unglück, Favorit zu sein“. Der FC Bayern München schlägt den FC Schalke 04 mit 7:2. Schalke war bis dahin natürlich noch nie Deutscher Meister (das passiert ja erst 1934 - zwei Jahre nachdem der FC Bayern seinen ersten Titel eingefahren haben wird!), aber der S04 hat sich dennoch in den späten Zwanzigern einen Namen gemacht. Die Niederlage gegen den aufstrebenden Verein aus Süddeutschland ist eine Sensation - aber da zittern die Schalker bereits vor einer anstehenden Verhandlung beim Fußballverband…


27.August 1930: Schalke wird in Duisburg „erschlagen“
Der Verband sperrt die Spieler und Vereinsoffizielle wegen Verstößen gegen das Amateurstatut.


28.August 1930: Willi Nier begeht Selbstmord


September 1930: Die gesperrten Schalker finden keine Gnade


Juni 1931: Die Sperre wird aufgehoben, Schalke wird gegen den Westdeutschen Meister Fortuna Düsseldorf antreten - nach vielen Monaten zum ersten Mal wieder mit der richtigen Elf, da richtet man wegen der großen Nachfrage zusätzliche Sitzplätze ein (und prüft vor Verkauf an Mitglieder, ob die auch ihren Mitgliedsbeitrag bezahlt haben) - wie groß der Ansturm dann aber wirklich sein wird, das konnte sich niemand vorstellen.


gut 35.000 passen in die Glückaufkampfbahn, gut 70.000 wollten rein - niemand weiss, wieviele wirklich beim ersten Spiel nach der Sperre dabei waren. Das berühmteste Foto zu diesem 1:0-Sieg über den amtierenden Meister Westdeutschlands ist sicher das mit den Zuschauern bis an die Torlinie und Kindern oben auf den Tornetzen. Dass es so voll war, dass einiges zu Bruch ging, sieht man hier: Platz und Stadion haben arg gelitten. Zahlreiche Zuschauer ebenso.


Juni 1934, vor dem Finale in Berliner Poststadion. „Das müsste mit dem Teufel zugehen“. Geht aber eher himmlisch zu, Schalke siegt mit 2:1 durch die späten Tore von Szepan und Kuzorra. „Einfach reingewichst…“ zeigt ein paar Poststadion-Impressionen von damals und heute.


1934: Der Weg des S04 von ganz unten bis zum Titel

Ach, es gäbe natürlich noch Unmengen an Dingen, die man zeigen könnte - aber das muss jetzt erst einmal genügen. Vielleicht mach ich mal gesonderte Artikel daraus, beispielsweise über die Sperre 1930/31. Falls ich jemals wieder die Gelegenheit bekomme, diese Chronik anzuschauen, dann werd ich mir vorher jedenfalls sehr genau überlegen, was ich lesen will, denn „einfach so“ wird man von der Masse an Information einfach erschlagen.

Tja, und dann gibt es im Archiv ja auch noch ein „paar“ andere wundersame Dinge zu finden. Zwei davon hab ich ja in früheren Artikeln schonmal vorgestellt: “Familie Fußballfan“ und „Das Schalker Ehrenbuch“.


In einen dieser Schränke haben wir eben geschaut. Was in den anderen noch so zu finden ist, darüber erzähl ich bei Gelegenheit mal mehr.

(mberghoefer, Dezember 2009)

Daten zum Buch:

Titel: Vereinschronik des FC Schalke 04, gesammelt und erstellt zum Jubiläum 1954

Autor: FC Schalke 04 (Haffner, Konzen,…)

Preis: natürlich unbezahlbar

ISBN: gibbet nicht

Erscheinungsdatum: 1954

Umfang: 37 Bände

Abbildungen: unzählige, in ziemlich schlechten Kopien

Einband: Gebunden in Leder

16 Antworten zu “Vereinschronik des FC Schalke 04 (1954)”
  1. Schmiddy sagt:

    Hammer, wo du dich überall rumtreibst. Ich hoffe, es gibt noch mehr Fotos und du stellst sie irgendwann hier ein. Oder du meldest dich nochmal da an und scannst fleißig! :D

  2. BlueWhitePride sagt:

    Grandios, danke für den kleinen Einblick. Wehe, du lässt den Rest unveröffentlicht!

  3. DJ Dirk sagt:
  4. Markus sagt:

    Da liegen ja auch Panini Hefte unten im Schrank ;-)

    Neidisch ;-(

  5. VoidBrain sagt:

    Was für ein geiles Teil.
    Da kribbelts betimmt richtig, wenn man diese Masse an Schalker Geschichte in den Händen hält :D.
    Dass du noch eine so ruhige Hand zum Fotografieren hattest, Respekt!

    Gruß, Glück auf und frohes Fest!
    Holger

  6. Anonymous sagt:

    Danke Matthias,
    das ist ein ein schönes, vorweihnachtliches Geschenk von Dir an die “Schalker-Auswärtssieg-Gemeinde”!
    Dir und deiner Hellenin ein geruhsames Fest und
    uns allen ein erfolgreiches Jahr 2010,
    Stefan

  7. westline/Schalke sagt:

    [... Schalker Geschichte
    Sehr interessanter Bericht und Fotos über sehr altes Zeuchs :-) (->Auswärtssieg!) ...]

    [... Großartig. ...]

  8. Stefan sagt:

    Wow - danke, dass Du uns an dem Erlebnis teilhaben lässt! Da wünscht man sich ein digitales Archiv ähnlich von Google-Books… kann man so ein Projekt nicht einmal vorschlagen?

  9. Toko sagt:

    Interessant,
    dass in Schalke mal die Straßenbahnlinien 1 und 8 fuhren und dass es eine Linie 8 gab. (Muss cih mal unser Mutter nach fragen.) Da müsste sich doch dann herausfinden lassen, wo genau der Platz an der Grenzstraße lag.
    Ich selbst weiss nur noch, dass in den 60ern die Straßenbahnlinie 2 die Schalker Straße bis zum Schalker Markt fuhr. Da war Endstelle. Wie man von da weiter zur Kampfbahn Glückauf oder gar nach Buer kam, weiss ich nicht mehr. Da war ich noch zu klein, um mich zu erinnern. Die Linien 1 und 2 heissen heute 301 und 302. Diese Nummerierung existiert nur, weil und seit es den VRR gibt.

    Matthias, große Klasse! Einfach mehr davon! (Lechz, Hechel!)

    Glückauf aus Münster!

  10. jojo sagt:

    da bekommt man direkt lust, sich mit der chronik ein paar wochen einschließen zu lassen und sich den alten geschichten hinzugeben.

    vielen dank für diese einblicke!!

  11. Gelsenkirchener-Geschichten.de sagt:

    [... diese Wälzer hätte ich auch gerne zuhause stehen .. (->Auswärtssieg!) ...]

    [... Ist ja bald wieder Weihnachten... Cool ...]

  12. Fränkie sagt:

    Tolle Sache…

    Danke für die Bilder !!

  13. Belgier sagt:

    Allein schon bei dem Cover und der Startseite “Chronik” geht einem das Herz auf. Es muss ein geiles Gefühl gewesen sein ein derartiges Stück Geschichte in den Händen zu halten. Würde ich mir auch als Abendlektüre wünschen he he… Du kannst ruhig nach und nach weitere Details veröffentlichen ;-)

  14. Roland Röcher sagt:

    Warum diese Schätze nicht im Museum liegen, weiß der Geier. Aber es gibt auch viele auf Schalke, die gar keine Ahnung von der Vereinsgeschichte haben und trotzdem Geld damit verdienen. Z.B. gibt es doch vom Dachverband SFCV dieses Poster der Glückauf Kampfbahn “Anno 1924″…….Mann,Mann,Mann,..die wurde doch esrt 1927-1928 erbaut!!!!!!

  15. mberghoefer sagt:

    Über dieses Bild von der Glückaufkampfbahn hab ich mich auch schon gewundert - es ist ja eine Malerei, die die GAK in einem Ausbauszustand zeigt, der erst 1954 erreicht wurde. Das “Anno 1924″ könnte sich beziehen auf das Jahr, in dem der Verein sich “Schalke 04″ nannte und Blau/Weiß als Vereinsfarben festlegte - es könnte aber natürlich auch einfach ein “Versehen” sein, der Maler wusste vielleicht einfach nicht, dass es das Stadion damals noch gar nicht gab (und schon gar nicht mit so einer Tribüne)

  16. Oberschuir sagt:

    Davon habe ich als alter Schalker nichts gewußt. Unglaublich, genauso unglaublich wie Deine Fotos. Ich bin ganz baff und beneide Dich um den Archivbesuch.

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