Was für ne Woche wieder - nach dem weg geschenkten Dreier bei Wattenscheid hat man als Fan einiges zum “rum an knabbern”, denkt ein paar Tage später, man hat’s einigermaßen erledigt und freut sich langsam auf den Heimsieg gegen Hoffenheim, da schlägt die Bombe ein: Unserem Lewis Holtby hat es in Bochum, wo er um ein Haar von einem Böller erledigt worden wäre, so gut gefallen, dass er die nächsten anderthalb Jahre dort bleiben wird. Ausgeliehen! Von einem Tach auffen anderen! Gleich ganz abgegeben wurde Halil Altintop, nach Frankfurt. Bis übermorgen läuft die Transferperiode noch, wir haben gefühlt zwanzig Unbekannte eingekauft und jetzt fällt offenbar auf, dass wir so viele Parkplätze gar nicht anne Arena haben. Oh, äh, das sollte keine Kritik sein, haha, Gott bewahre! Verbietet sich ob der unfassbaren Punktzahl inne Liga ja von selbst, und bevor irgendwer auf die Idee kommt, Fans - insbesondere schreibende - auch noch irgendwo hin zu transferieren, halt ich lieber die Klappe.

Und außerdem gibts ja auch andernorts Transferüberraschungen: der HSV verpflichtet Ruud von Nistelrooy, da packste dich an Kopp. Kriegt die 22 wie unser Kevin hier. Dagegen verblasst sogar Ailton beim KFC. Und wir sind auch nicht die einzigen mit Problemen mit Geld. Das monatelang groß angekündigte Live-Spektakel “Ben Hur” inne Arena ist Ende letzten Jahres auf nächste Woche verschoben und jetzt wohl endgültig abgesagt worden - der Veranstalter offenbar insolvent, die Käufer der nicht gerade günstigen Eintrittskarten zittern um ihre Kohle. Und Schalke wohl um die Einnahmen aus der Vermietung der Hütte, oder?

Wobei die Arena ein bisschen Hilfe offenbar wirklich gebrauchen könnte - Samstag Mittag erfahre ich von Patrick am Telefon, dass der WDR von “bevorstehender Spielabsage” berichtet hätte, weil das Loch im Arena-Dach über Nacht noch größer geworden sei. Tatsächlich fehle jetzt die Bespannung eines kompletten Segments über der Haupttribüne. “Ne, mach dir keine Sorgen” ruft Patrick, “das Spiel findet statt!”. Während ich noch zuhause im Sessel liege, klettert er schon im Stadion herum und hängt sein Banner auf, im Hintergrund hör ich typische Stadiongeräusche in der noch sehr leeren Hütte. Klingt super, da krieg ich richtig kribbeln inne Füße. Will hin!

Die Vorfreude steigt heute allerdings nur bei mir, was extrem untypisch ist. Früher, als Rangnick noch Trainer in Hannover war, da hab ich mir immer in die Hosen gemacht, wenn es gegen den ging, und meine Griechin hat mich zum Stadion zerren müssen. Heute ist es umgekehrt: Sie zittert vor den ersatzgeschwächten Hoffenheimern und unserer “Bochum-Nachlässigkeit”, während ich total optimistisch bin. “4:0 heute!”, sag ich, “guck dir doch den Ralle an - der hat seit ein paar Wochen wieder diesen ‘Alle-sind-böse-zu-mir’ Blick drauf, so guckt der immer in die Kameras, wenn’s um ihn und sein Team schlecht steht. Heute sind sie reif!” Wird schließlich auch Zeit - dreimal haben wir gegen den Erstligisten von Hopps Gnaden bisher gespielt, zweimal wurden wir dabei beschissen, noch nie haben wir gewonnen. Auf den Sieg heute freu ich mich besonders.

Wir haben noch Zeit, also bei lecker Kaffee erstmal im “Kreisel” geblättert. Wieder kein “Centerfold” für den Schalker Kader drin, aber die Jungs haben auch einige Profis einfach weg gelassen, ganz schön clever. Bei den Kleinanzeigen sucht jemand aus Gelsenkirchen nach einem “dicken Blauen”, dem Prachtband zum 100jährigen Vereinsjubiläum, bis 50€ wärs ihm wert - da ruf ich doch gleich mal an, erwische ein Mädel, das von nix weiß, aber bei “Schalke” sofort ihren Bruder ans Rohr zerrt. Dem muss ich erstmal beichten, dass ich so ein Buch nicht zu verkaufen hätte, aber immerhin kann ich ihn darauf hinweisen, dass ich gestern bei meiner Suche nach Schalkekram auf eBay über genau das gestolpert bin, das er so dringend sucht. Die Auktion läuft heute ab, kein Mensch hat geboten - er freut sich über den Tipp wie Bolle, ich drücke die Daumen und wir verabschieden uns mit einem kräftigen “Glück Auf!”.

Gut zwei Stunden vorm Anpfiff gehts los - der über Nacht frisch gefallene Schnee wird vom Silbernen Geschoss gewischt und wir düsen gen Norden. Im Radio läuft Fußball. Buyo hat mit seinen Fürthern gestern schon wieder gewonnen, wieder zu null, Siegtor in der Nachspielzeit gegen den anderen Schalker auffe Trainerbank in Cottbus. Hätte’s beiden gegönnt. In der ersten Liga wird diesmal das unsägliche Gekreische der Frau Töpperwien noch übertroffen von nervtötenden “Spektakel-Einspielern” zur Lobpreisung von Arien Robben. Nachdem die Sportberichterstattung im deutschen Fernsehen schon vor Jahren auf das Nahe-Null Niveau der Ami-Shows herab sank, tuts ihm das Radio inzwischen nach - Hauptsache schreien, egal ob da irgendetwas Interessantes aufm Rasen passiert. Und es stört auch keinen, dass der Reporter bei jeder Schalte immer wieder exakt das Gleiche erzählt, nämlich wie vor einer knappen Stunde bereits Spieler X das bisher einzige Tor erzielte. Was hat das eigentlich noch mit Livereportage zu tun? Dabei verspielen die Gladdies während unserer Fahrt nach Gelsenkirchen um ein Haar noch einen schon nach 15 Minuten herausgeschossenen 3:0-Vorsprung gegen Bremen. Am Ende 4:3, die fünfte Niederlage von Werder in Serie. An der ersten waren wir schuld, höhöhö.

Endlich da, Radio aus. Die Fußwege zur Arena sind nicht geräumt, wir schliddern über Eisreste bis an den Anstieg zum Ost1-Gipfel, für den man eigentlich Spikes anne Schuhe bräuchte - aber hier hat man vorgesorgt, wir kommen heil bis nach oben und diesmal auch ruckzuck rein in den Tempel. Vom ausführlichen Abtasten ist mir noch ganz warm, bin ich nach’m Durchwinken am Ruhrstadion gar nicht mehr gewöhnt! Hinter der Nordkurve suchen wir die Phaeton-Crew, natürlich in der Nähe der Kneipe, aber dort sind nur diverse Fernsehteams unterwegs, keine Ahnung, was die dort treiben. Na gut, dann ruf ich Thilo eben an, weil ich doch seine aus Bochum mitgebrachten Freiburg-Karten dabei hab. Mein allerliebstes Telefon allerdings sieht das ganz anders, informiert mich mal direkt, dass es über Nacht ohne ersichtlichen Grund einen Heißhunger auf Strom verspürt habe, ihm jetzt für Verbindungen herstellen eigentlich die Kraft fehle und es daher nun schlafen ginge. Diese HighTech-Teile sind einfach super - zum Glück hat Effi aber ihres aus 1904 noch dabei und keine zwei Minuten später fallen wir erst Schmiddy, dann Thilo in die Arme.

Die Kartengeschichte ist schnell erledigt, wir ergehen uns in Erinnerungen an den letzten Besuch in Freiburg, damals im Mai, als neben uns einer im Block direkt hinterm Tor 90 Minuten lang einen “Jack Daniels”-Karton über den Kopf gestülpt trug, damit er nicht aus Versehen mal ins Fernsehen käme und dann vom Chef erkannt werden würde. Das Gelächter wird noch lauter, als wir uns der letzten Begegnung mit der TSG zuwenden und Schmiddy nochmal von seinem Abenteuer mit der “Brigade Hoffenheim” erzählt. Kann man nicht oft genug hören, wie die gefährlichen Junghools einen auf dicke Hose machten und ein freundlicher Polizist bei den wenigen Schalkern um Mitleid bat: “Lasst sie doch bitte in Ruhe, die üben doch noch…”. Wenns ums Sportliche geht aber, da werden die Mienen düster. Schmiddy hat ja vorm Spiel sowieso (fast) immer “kein gutes Gefühl”, aber dass Thilo ins gleiche Horn stößt und meine Glutäugige ja auch noch, das kann doch nicht sein! Vorm Spiel kann ich derart geballten Pessimismus nicht ertragen, wenn dann nur nach’m Spiel, da hat man in Fatalismus ja schließlich auch jahrzehntelange Übung. Die Stimmung hebt sich als Holger auftaucht, bepackt mit mehreren Rucksäcken. „Sind unsere Banner drin, muss ich noch aufhängen“, sagt er, „deshalb gleich wieder wech - Gutes Spiel!“ wünscht er und läutet damit das Verabschieden ein. “Wir gehen dann ma Pommes Spezial essen!” flötet Schmiddy und ich rätsle, ob das wirklich was bringen kann - unser eigenes Pommes-Ritual funktioniert schließlich immer nur ab der 60.Minute, wenn überhaupt. Da die beiden neuerdings Sitzplätze “die Torlinie entlang” neben der Südkurve haben, und wir ja praktisch das Pendant schräg gegenüber vor der Nordkurve, vereinbaren wir Handzeichen für den Fall strittiger Torentscheidungen. Nicht, dass ich auf die Entfernung irgendwen erkennen könnte, aber an solchen Details sollte man sich nicht stören.

Schließlich sind wir auf unseren Plätzen, staunen über das ArenaLoch gegenüber, sieht doppelt so groß aus wie beim letzten Heimspiel. Wenn’s in dem Tempo weiterwächst, dann werden auch wir ungefähr Mitte nächster Saison “oben ohne” sein. Dann noch das üble Gestänge weg, und wir haben wieder ein richtiges Fußballstadion, wie man’s sonst nur noch in Südamerika, Italien oder Spanien findet. “Loch ist gar nicht größer”, wird Oli mir später erklären, “sieht nur so aus, weil heute das Dach zu ist.” Verblüffend, was der alles merkt! Und weil das Dach zu ist, gibt’s “Wetter” heute nicht für die Fußballprofis sondern nur für die Unerschütterlichen in Block 17 bis 20, die für den Fall von Regen angeblich vom Verein Plastikcapes gereicht bekommen. Was gegen Nürnberg also noch versäumt wurde, wird heute wahr: Die Spieler unter Dach, die Zuschauer, zumindest einige, im Freien. Schalke is halt einfach wat Besonderes!

Unten aufm Rasen wärmen sich die Schalker Profis auf, wahrscheinlich noch leicht kalt vom Nachmittags-Abenteuer in einem Acker bei Mettmann, in dem sie mit ihrem Mannschaftsbus stecken blieben. Was Magath mit seinen Mannen dort wollte? Keine Ahnung, vielleicht irgendwelche neuen Trainingsmethoden wie “Robben in gefrorenen Ackerfurchen”, oder vielleicht wiegen Winterkartoffeln einfach mehr als Medizinbälle - ich kenn mich da nicht aus. Hauptsache irgendein freundlicher Landwirt hat die Helden und ihren Bus gerettet und dem Heimsieg steht nix mehr im Wege. Arthur kommt und erzählt, dass Falco heute fehlen würde, stattdessen käme gleich der Freund dessen Nichte oder so. Das lassen wir uns erstmal genauer erklären und als der Neuling schließlich erscheint, wundert er sich darüber, was wir so alles über ihn wissen. Ganz geheuer sind wir ihm nicht, aber er ist ja auch nicht unseretwegen hier, gelle? “Falco selbst kann nicht”, sagt Arthur, “weil er den Techniker für so’ne Karnevalsveranstaltung machen muss”. Hä? Schließt er den Fernseher unter der Theke an, damit alle nachher Sportschau gucken können, oder was soll das sein? Deswegen Schalke schwänzen? Sachen gibt’s… “Da gibbet eigentlich nur eine Erklärung: isn reiner Frauen-Karnevalsclub, ne?” mutmaßt jemand, und das relativiert die Sache natürlich.

Die durch plötzliches Sinnieren eingetretene Ruhe im Block wird unterbrochen durch eine unbekannte Stimme aus den Stadionlautsprechern. Bernd, Stadionsprecher seit ungefähr 1928, ist krank, wird vertreten durch Martin. “Bekannt durch Funk- und Fernsehen” sagt Dirk, unser zweiter Stadionsprecher, dem ich jetzt erstmal ne SMS schicke. Martin macht seine Sache sehr gut, finde ich. Könnte aber ne Schalke-Mütze vertragen, das sähe besser aus und dann würde er auch nicht so frieren am Kopp, der irgendwie an unseren Gustavo Varela oder diesen italienischen Weltschiedsrichter erinnert. “Geb ich ma weiter” simst Dirk zurück, als er die Mannschaftsaufstellung der Helden zu Ende verkündet hat und es so langsam los geht in der Hütte.

Das Spiel beginnt! Kapitän Neuer lässt nochmal die Seiten wechseln, damit Schalke endlich mal zuerst auf die Süd spielt und wir hier vor der Nord also zum Spielende hin die späten Schalker Tore besser sehen können. Gut gemacht, wurde auch mal wieder Zeit! Es ist dieselbe Anfangself wie in Bochum, die heute die Sinsheimer vernichten wird, die mit bedauernswert wenig Anhang erschienen sind. Die “Brigade” musste wohl schon ins Bett oder darf so weit noch nicht reisen, da muss man Verständnis haben. So leer hab ich den Gästeblock nicht mehr gesehen seit “Valencia”, glaub ich. Die kamen damals ganz ohne richtige Fußballfans, ein Rekord für die Ewigkeit, da bleibt für “Hoffe” nur der zweite Platz, so wie jetzt aufm Rasen auch. Die haben zwar häufiger den Ball, aber wissen nicht besonders viel damit anzufangen. Schalke dagegen, wenn Bordon gerade mal nicht unmotiviert die Pille weg pöhlt, kontert schon früh, spielt wieder 4-2-3-1, mit Kuranyi ganz alleine da vorne und Farfan, Rakitic, Sanchez dahinter oder auch mal davor, je nachdem wie flott die Gegenangriffe laufen. So zaubert Sanchez schon nach drei Minuten eine Flanke von Farfan als Flugkopfball über die Latte, und die Hoffenheimer merken, dass man den flinken Peruaner aufm Flügel besser irgendwie ummäht, wenn das nicht irgendwann schief gehen soll. Eichner holt sich so schnell die Gelbe Karte, versucht sich an “Gelb-Rot”, aber der Schiri lässt den nächsten Mordversuch ungeahndet. Das Stadion tobt ob dieser Ungerechtigkeit, tobt noch viel mehr, als Rafinha sich super durchwuselt und einen perfekten Ball auf Kuranyi spielt, der die Pille irgendwie an Hildebrandt vorbei zum 1:0 in die Kiste säbelt. Na also! Was sag ich euch? Vier-Null heute, passt auf!

Hamse sauber gemacht, besonders der Lauf von Rafinha, der sich so als neues Opfer anbietet. Rangnick nimmt den akut Rot-gefährdeten Eichner vom Platz, aber er hat ja noch andere, die aus Versehen den Schädel des jungen Brasilianers treffen können. Mehrmals liegt Rafi aufm Platz und hält sich die Birne, macht aber immer wieder weiter. Farfan hat Aua, Rafinha hat Aua, aber immerhin klappt die gegenseitige Absicherung mit Moritz hervorragend, hört Bordon so nach und nach mit dem Ballwegdreschen auf und wird Lukas Schmitz langsam sicherer. Jetzt steht er öfter mal richtig, verliert seltener die Pille - und spielt kurz vor der Pause einen Traumpass auf Sanchez, der im Vorbeispurten von Beck nur noch umgerissen werden kann. Den Freistoß von Rakitic muss Kuranyi eigentlich reinmachen, aber er stolpert das Ei dem Schnapper in den Rücken und dann gibts zwei Minuten lang Chaos und Scheibenschießen aufs Hoffenheimer Tor - aber ich seh keine erhobene Torrichter-Hand von Schmiddy oder Thilo, eigentlich seh ich tatsächlich gar nix von ihnen, also kein Wunder, dass es beim 1:0 zur Pause bleibt.

“Kannze zufrieden sein”, sagt Oppa beim Vorbeidrängeln zum Bierstand, “aber eins müssma noch nachlegen, sons widdat nix”. Oppa kennt sich aus.

In der Pause versuch ich, gegenüber auf den besseren Plätzen der Haupttribüne eine Kollegin zu entdecken. Die hatte mir in der Woche ganz aufgeregt und glücklich erzählt, sie habe Karten für die Veltins-Loge. “Boah”, zeigte ich mich schwer beeindruckt, “wie kommste denn da hin?”. “Mit dem Auto wahrscheinlich” war ihre erste Antwort, bevor sie die Frage begriff und von einem Gewinnspiel auf irgendeiner Messe erzählte. Heute ist sie das allererste Mal beim Fußball, hofft, dass es in der Loge auch jemanden gäbe, der die Regeln erklären würde. Dass sie nicht die einzige in der Arena mit diesem Manko ist, das sehen wir schon kurz nach Wiederanpfiff: Bordon senst über die Pille und in höchster Not säbelt Sanchez den vorbei fliegenden Beck knapp neben dem Elfmeterpunkt um. Oh. Klarer Elfmeter. Das Entsetzen hier im Block, gut 150 Meter vom Ort des Geschehens entfernt ist groß. Der Schiri zeigt eindeutig zum Punkt, dann aber nach oben. Jetzt steht Rafinha vor ihm, zappelt, und zeigt ebenso wie der Schiri zur Eckfahne. “Hä?”, wundert sich das Mädel in der Reihe vor mir, “wat denn nu? Ecke oder Foul?”. “Ich glaub beides”, zeig ich mich regelfest, “und genommen wird dann das, was im Alphabet vorher kommt.” Das Gelächter beruht hauptsächlich auf Erleichterung, denn es gibt wirklich nur Eckball und keinen Strafstoß. Bisher dachte ich immer, dieses Gerät, das die Unparteiischen seit einigen Monaten auffem Kopp haben, das wär ne Gegensprechanlage für den mit der Pfeife zu denen mit den Fahnen. Wo dann der eine dem anderen kurz vor Schluss durchs Mikro unbemerkt sowas wie “Lutz, nur noch eine Minute, getz musse aber echt ma’n Handelfer pfeifen, wenn unser 3:3-Tipp aufgehen soll!” zuraunen kann. Aber vielleicht kommt der Eingriff auch von höherer Warte? Gestern hab ich auf BBC die Anhörung von Tony Blair zum Irak-Krieg verfolgt, die lief live auf allen Nachrichtensendern, stundenlang. Genau genommen allerdings nicht wirklich “live”, denn obwohl alle zeitgleich dasselbe Bild sendeten und CNN, N-TV & Co dazu “live” einblendeten, stand bei BBC korrekt: “one minute delay”. Eine Minute Verzögerung. Eine Minute, in der in irgendeiner Besenkammer in London ein Gremium von Politikern und Geheimdienstlern das Fernsehbild hätten kappen können, falls irgendetwas in der Anhörung gesagt werden würde, was wir besser nicht hören sollten. Hat der Schiri hier auch sowas aufm Kopp? Hat das Foul an Beck gar nicht gesehen, weil die Regie mal kurz interveniert hat? Ne, quatsch, natürlich nicht. Für krasse Fehlentscheidungen gibts eben weder Erklärung noch Entschuldigung.

Stattdessen gibts für den hier Benachteiligten noch einen oben drauf: Keine zwei Minuten später pfeffert Lukas Schmitz das Ei nach einem abgewehrten Eckball volley in die Maschen und die Nordkurve liegt sich in den Armen, ebenso wie alle anderen auch. Zwei Null, jawoll! Irgendein Blauer, der eben hinter uns in den Block kommt, schenkt mir vor überschäumender Freude sein Bier als das Tor fällt. Leider kommts bei mir als waagrechter Strahl an, dem ich nur noch halb ausweichen kann und die Feierei über den Treffer wird über drei Reihen hinweg von Putz- und Schüttelaktionen begleitet. Kannste nix machen, nützt auch nix, sich ärgern zu wollen. Lieber freuen wir uns. Diesmal gibts hier kein “Bochum”, diesmal bleiben die Punkte im Sack!

Spielerisch ist das allerdings schon nicht allerhöchste Sahne. Die Hoffenheimer bemühen sich, aber vorne haben sie irgendwie niemanden, die sind alle entweder verletzt, außer Form, oder beim Afrika-Cup. Schalke auf der anderen Seite scheint bei “Quarks&Co” mit zu machen, führt das Experiment “ohne Mittelfeld spielen” durch. Die Bälle werden vorm eigenen Strafraum immer weit bis vor den anderen gedroschen. Matip und Rakitic stehen entsprechend tief, man sieht sie kaum mal in der anderen Hälfte, obwohl doch der eine, Rakitic, dort sein sollte und der andere gerade in den überraschenden Läufen durchs Mittelfeld in der Jugend eine seiner großen Stärken hatte. Heute nicht, heute wird hier kontrolliert. Das 3:0 könnte trotzdem fallen, Bordons Kopfball wird aber von einem Verteidiger von der Linie geklärt - Spielverderber!

Wie schon letzte Woche, so wird auch heute wieder nach einer guten Stunde der gute Sanchez ausgewechselt. Wieder angeschlagen. Und wieder kommt Baumjohann für ihn. Ab jetzt ist Rakitic praktisch überhaupt nicht mehr vorne, das bleibt dem jungen Waltroper überlassen, der aber anfangs nicht viel bewegen kann. Hat in seiner halben Stunde mehr Ballkontakte als Sanchez in der doppelten Zeit zuvor, aber richtige Aktionen nach vorne sieht man erst gegen Ende, als Schalke das Mittelfeld wieder entdeckt und Hoffenheim seines lockert, weil die Zeit weg rennt. Da ist längst auch schon Reginiussen auf dem Platz, für Moritz gekommen. Sein erstes Bundesligaspiel. Martin am Mikro, inzwischen wahrhaftig mit Mütze, mahnt, dass sich die Kurve mit dem Namen “Reginiussen” etwas mehr Mühe geben müsse als noch bei der Verkündung der Mannschaftsaufstellung - aber auch diesmal wieder verliert sich der Name ab dem “g” in Gemurmel und Gelächter der Masse. Wird noch ein paar Spiele dauern. Der Norweger selbst allerdings setzt seine Karriere auf Schalke erstmal aufs Spiel, verstolpert mit der ersten Aktion unnötig die Pille und schenkt den Hoffenheimern einen gefährlichen Freistoß. Da schimpft Magath an der Linie, und er schimpft noch mehr, als Reginiussen das zwei Minuten später schon wieder tut. Er steht falsch, hat offenbar überhaupt keinen Plan! Magath holt Schmitz an die Linie und befiehlt ihm offensichtlich, dem Norweger jetzt zu erklären, was er wo zu tun habe. Ähnlich nervös wie dieser überstehen wir auf den Rängen die nächsten Minuten unbeschadet, danach ist das Spiel wieder unter Kontrolle.

Zehn Minuten noch. Rafinha hält sich mal wieder den Schädel, macht Platz für Mineiro und Magath stellt die Abwehr um, damit Schmitz wieder die Flanke zumachen kann. Auch Hoffenheim wechselt noch einmal, bringt Prince Tagoe, sogar Edelleute können die sich leisten. Mit dem Fußball haperts allerdings noch etwas, so richtig zittern müssen wir nicht mehr. Stattdessen freuen wir uns über ein tolles Solo von Baumjohann, das der im Abseits stehende Kuranyi zum Beinahe-3:0 verwandelt und über ein abschließendes Kabinettstückchen desselben Spielers, der sich auf engstem Raum irgendwie durch vier Gegner durchwuselt und nur durch ein Foul zu stoppen ist. Statt Freistoß gibts aber Abpfiff, und uns isses auch recht: Sieg!

Und nicht nur einfach “Sieg”, ne, der erste gegen Hoffenheim, der fünfte “Zu-Null”-Heimsieg in Folge, jetzt 41 Punkte, 13 Punkte Vorsprung auf Bremen auf Platz 6, wo’s keinen Europapokal mehr gibt. Uiuiuiui, da staunt man, und zufrieden ziehen wir hinaus in den Schnee, wo uns Mädels mit etwas deplatziert wirkenden Luftmatratzen unterm Arm entgegen kommen. Die waren im “Sportparadies” nebenan schwimmen, wollen wissen, wie Schalke gespielt hat. Gewonnen natürlich, is doch klar!

Die Fahrt zurück an den Rhein vergeht ereignislos, im Radio warnen sie vor heftigen Schneefällen in Düsseldorf, und da wir gerade bei völlig trockener Witterung an Krefeld vorbei gerauscht sind, lachen wir uns darüber kaputt. Zehn Sekunden später beginnt es zu schneien.

Das Heimkommen nach einem Sieg ist irgendwie immer was Besonderes, am liebsten möchte man der dunklen Häuserzeile im Land der Gladdies und Fortunen sein Glück entgegen schreien und wundert sich, dass keiner der Nachbarn schon zum Gratulieren vor der Türe steht. Aber egal, auch stilles Glück ist wunderbar, und heute wird’s perfekt als ich mit dem Siegerbierchen in der Hand den Rechner anschmeiße und die Bestätigung finde: Das “dicke Blaue” bei eBay hat für den sagenhaften Preis von einem Euro den Besitzer gewechselt. Was für ein Schnäppchen!

Zufrieden lächelnd heb ich das Glas in Richtung Gelsenkirchen, zum Unbekannten aus’m Kreisel: Von einem glücklichen Schalker zum anderen: Gratuliere!

14 Antworten zu “FC Schalke 04 - TSG Hoffenheim 2:0”
  1. Enrico sagt:

    Matthias, Deinen Bericht haste mal wieder schön geschrieben. War da (auch) etwas Kritik zu lesen. Ist wohl noch nicht ganz verboten, oder?

  2. mberghoefer sagt:

    Jetzt ist die Transferperiode ja vorbei, da kann man sich wieder mehr trauen. Wär schon blöd, wennze nach, sagen wir mal, Köln abgeschoben wirst und dann da schreiben musst, dass du immer schon vonne Geißböcke begeistert gewesen wärst, ne?

  3. andreas sagt:

    Mensch berghöfer, wenn ich das jetzt mal so sagen darf, deine berichte sind einfach gut und immer wieder mit vergnügen zu lesen. Besonders gefällt mir jedes mal das einfangen und rüberbringen der stimmung (bin ja selbst bei fast jedem heimspiel) und die immer wieder “perfekt” gesetzten kleinen abschweifungen - heute ebay und besonders die zu tony bliar ääähhh blair.

    vielen dank

  4. Toko sagt:

    Mensch Matthias,
    auch Du! Also alles muss man sich selber angucken. Dat war kein Elfmeter. Meyer hat richtig entschieden! Die Schauspielervereinigung Hoppenheim hatte eine Fortsetzung ihrer Bühnenauftritte vom letzten Jahr versucht. Elfer sehen anders aus.
    Und Kritik finde ich unangemessen. :-)) Wir gewinnen 2:0, haben sage und schreibe 5 Punkte vor dem 4. Platz und immer noch wird kritisiert. Schmarren, würden sie anderswo sagen. Ich bin für mehr situativen Genuss! Ein bisschen mehr verbale Aggressivität in Richtung Rhein und Isar von unserer Fanseite aus, ist angesagt. Nervensägen für unseren großen Wurf. Es wird Zeit! Mach et! Bald, hier, jetzt!
    Glückauf

  5. derwahrebaresi sagt:

    @Dat war kein Elfmeter. Meyer hat richtig entschieden!

    mit dieser meinung dürftest du ziemlich alleine dastehen …

  6. Toko sagt:

    Da kannst Du, derwahrebaresi,
    das gerne sagen. Als ich die Szene schon beim ersten Mal in Originalgeschwindigkeit sah, sagte ich sofort “Kein Elfer”. Und in der Zeitlupe werde ich bestätigt. Guck Dir das auf bundesliga.de noch mal an. Bizente hält seine Füße flach am Boden, geht ausschließlich zum Ball und gerade nicht zum Beckschen Körper bzw. in dessen Beine. Ein nach meinem Dafürhalten korrekter Zweikampf. Dass der U21-Europameister dann noch schön fliegt, ist reine Traningssache. Hätte Bizente seine Füße weiter höher gehabt, dann wäre es ein Foul gewesen, keine Frage, vermutlich gar mit gelber Karte. Aber er klebt ja förmlich am Rasen und ist mit der Aktion früher am Ball als der Ballführende Angreifer, der den Ball eine Tick zu weit vom Fuß lässt. Meyer hat alles richtig entschieden.

  7. VoidBrain sagt:

    Hallo Matthias :).
    Wie immer ein sehr schöner Bericht, eigentlich haben die Hoppenheimer gar nicht verdient, sowas zu lesen :D.
    Wir sehen uns in Freiburg.

    Gruß und Glück auf!
    Holger

  8. Daniela sagt:

    Hallo Matthias,
    netter Bericht, wie immer. Aber ‘n 11er hab auch ich (saß - Oli sei dank - auf der Süd Reihe 1) nicht gesehen, Manu hat keinen gesehen und Toko auch nicht, und der grau-schwarze Mann hat es auch eingesehen - das war keiner. Aber der Drops ist gelutscht und am Ende wird alles gut.
    Königsblaue Grüße
    Daniela

  9. mberghoefer sagt:

    Tut mir leid, es ist ein Axiom, dass ich aus 150 Meter Entfernung jede Situation besser (nämlich “korrekt”) beurteilen kann als jeder andere, selbst wenn der direkt davor sitzt oder meinetwegen auch selbst beteiligt ist. Und das gilt selbst dann, wenn das Flutlicht mal ausfällt.

    Falls es doch mal nicht so sein sollte, dann wird das gefälligst totgeschwiegen.

    (aber ich kann mir ja den Kram nochmal irgendwo angucken, macht euch aber keine Hoffnungen ihr “Kein-Elfer”-Seher ;-)

  10. Meli sagt:

    Selbst Magath hat, mit einem süffisanten Lächeln gesagt “da kann man schon ein Elfer sehen, wenn man will”… Wir haben keinen in Köln bekommen, gegen Wolfsburg war der Ball auch eigentlich “im vollen Umfang” über der Linie, also whatever…

    Jetzt hab ich auch dem Matthes seine Ehre wieder hergestellt… :)

  11. Schmiddy sagt:

    Hmmm, schade. Gibt immer noch keinen Bericht hier:

    http://www.b-block-brigade.de/spielberichte.html

    Im übrigen klasse Bericht Matthes, und Daniela hat recht!

  12. derwahrebaresi sagt:

    ich bin schon sehr auf die kommentare hier gespannt, sollte schalke am samstag in freiburg ein “ahnlicher elfer” verweigert werden …

  13. heimlicher Mitleser sagt:

    Ne kleine Korrektur zu der Geschichte mit dem Acker in Mettmann. Auch wenn es in den Medien immer so klingt, die Mannschaft war da nicht dabei. Da ist nur der Busfahrer gewesen und wollte da lang, Mannschaft schon vorher irgendwo rausgelasen. Zumindest hat das der rettende Bauer Sonntag bei ‘Zeiglers wunderbare Welt’ am Telefon erzählt. …und das der Busfahrer ihm nen Zwani gegeben hat. ;-)

    Ansonsten ist dein Bericht gewohnt klasse.

  14. Frank Dubberke sagt:

    Kein Elfer, auch ich bin dieser Meinung. Hab Block A 6. Reihe gesessen, fast Höhe Linienrichter. Nur mein Sitznachbar, der schon 3-4 Bier und einen Nordsturm hatte, hat nen Elfer gesehen und war beim Tor auf der Treppe noch mit Bier Nr. 5 oder so unterwegs. ;-)

    Is abber auch egal, denn wie Matthias richtich bemerkt simmer schon zweimal gegen TSG Unschuldig Hoppendorf behumbst worden.

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