Als gäbe es nicht schon genug Bochum-Fans, die Bücher über ihr Leiden schreiben, nein, da taucht nun dieser Sportredakteur vom „Kicker“ auf und bringt ein weiteres lesenswertes Taschenbuch heraus, das sich beinahe so ausführlich mit meinem grandiosen FC Schalke befasst wie mit seinem VfL. Nur dass er das etwas anders umschreibt - schon in der Widmung bekommt man als Knappe sein Fett weg.

„Die folgenden Seiten werden sich beim Berühren von Anhängern des FC Bayern München, Schalke 04 oder [Anm: hier wird irgendso’n falschfarbener Club erwähnt] in genau 49 Sekunden in einer flammenden Implosion selbstauflösen. …48,49,50. All denen, die jetzt noch ein vollständiges Exemplar in Händen halten, sei dieses Buch gewidmet.“

Seltsamerweise ist das bei mir nicht passiert und da ich nach tiefem In-mich-gehen ausschließen kann, dass mit meiner Zuneigung zum geilsten Club der Welt irgendetwas nicht stimmt, kann das nur bedeuten, dass Oliver Birkner sich in der Grammatik vertat (in der die Seiten mich, nicht ich die Seiten hätte berühren müssen) oder ganz einfach geschummelt hat. Letzteres scheint mir wahrscheinlich, denn es gibt auf den folgenden 160 Seiten doch so manches, dem man widersprechen muss. Jedenfalls, sofern man eben keiner von denen ist, die im Ruhrstadion in der Ostkurve stehen.

Das Buch ist aber trotz dieser „Mängel“, trotz des immer wieder seltsam daher kommenden Befassens mit Schalke und eines ziemlichen zähen und verworrenen Prologes ein wirklich schön geschriebenes Werk über ein paar Jahrzehnte „Graue Maus“ sein und bleiben, selbst wenn es einen immer wieder mal in kunterbunte Ferne verschlägt. Birkner erzählt davon, wie er der Saison seines VfL folgt, während er in Urlaub und Ausbildung in England, Kolumbien, Schottland oder der Dominikanischen Republik weilt und die dortige Bevölkerung für seine „Bokumer“ missioniert, oder wie er dran bleibt, als er der Arbeit wegen nach München, Nürnberg oder gar für lange nach Italien umzieht. Manchmal bedient er dabei mehr die Klischees als dass es glaubhaft wäre, aber insgesamt passt das schon. Diese „Auslandserfahrungen“, die den Untertitel des Buches „Florenz - Bogota - Manchester: Hauptsache VfL“ erklären, machen fast die Hälfte des Buches aus, und manchmal geht es auch wenig um den VfL sondern mehr um den Fußball im Land, in Italien mit seinen maroden Stadien und der ausufernden Medienlandschaft beispielsweise.

Die Texte könnten größtenteils auch einzeln stehen, sind vielleicht in Teilen auch schon so veröffentlicht worden (als Mitarbeiter von „Sport1“, „Welt“ und „Kicker“ hätte es da ja genug Gelegenheit gegeben), sind, wenn es nicht um die Auslandserlebnisse geht, aber auch als chronologische Beschreibung einer Saison oder einer Lebensphase in einem Kapitel zusammen gefasst. Lesenswert, immer wieder gut formuliert und auch witzig, sind sie so oder so.

Zugegeben: ich war erleichtert, als ich im fast vierzigseitigen Kapitel über „Die beste Saison aller Zeiten“ nur für wenige Zeilen die Augen zukneifen musste, als es um den Mai 2007 und „Nordkurve in deiner Stadt“ geht. Und die Schilderung vom 0:6 im Parkstadion damals, die kommt fast sanft daher, selbst wenn man nicht längst schon fast ganz darüber hinweg wäre. Und ich war überrascht, im Kapitel „Heimspiel“, das die frühe Jugend und Initiierung als VfL-Anhänger behandelt, beschrieben zu finden, dass Oli Birkner immer viel zu viele Bochumer in seinen Panini-Päckchen hatte, ganz besonders Ata Lameck. Genauso erging es mir im fernen hessischen Dorf auch - Ata war einfach immer in rauen Mengen drin. Und für einen Klaus Fischer hätte ich auch deutlich mehr als nur sieben von ihm gegeben. Es gibt viele solcher Details, die beweisen, dass es hier authentisch zugeht, und daneben gibt es noch blass-rote Fäden, die sich mit Musik (klar) und mit dem schöneren Geschlecht (erst recht klar) befassen. Auf ein Detail aber hätte der Autor schon achten müssen, finde ich: Aufm Cover findet sich das Ruhrstadion, verschandelt mit dem falschen Namen, den es seit einiger Zeit trägt. Das muss dem schreibenden Fan eigentlich noch mehr weh tun als dem lesenden…

Alles in allem ist „Ihr werdet es schon sehn“ mal wieder ein richtig nettes Buch eines Fußballfans. Eines Fans, der schreiben kann und Witz hat - und der vielleicht noch ein Weilchen braucht, um sich einzugestehen, dass er die lieben Schalker eigentlich mehr mag als er vorgibt. So oder so: Ich hoffe auf Fortsetzung.

(mberghoefer, Februar 2010)

Daten zum Buch:

Titel: Ihr werdet es schon sehn

Autor: Oliver Birkner

Preis: 9.90€

ISBN: 3895337145

Erscheinungsdatum: Januar 2010

Umfang: 160 Seiten

Abbildungen: keine

Einband: Taschenbuch

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